Fehltage in der Altenpflege sind 2023 auf Spitzenwerte gewachsen: Macht Pflege krank?

Von Christoph Klöckner · 11. Juni 2024 um 15:00

Macht die Arbeit in der Krankenpflege krank? Das könnte man aus den Krankentagen lesen, die jetzt im Zusammenhang mit dem Thema Pflege veröffentlicht wurden: Fast 35 Tage im Jahr sind Pflegekräfte in Seniorenheimen oder Tagespflegeeinrichtungen 2023 krank gewesen – ein Spitzenwert und kein Aushängeschild für den Beruf. Zumal der Bundesdurchschnitt „nur“ bei fast 19 Tagen liegt. Wie schaut das vor Ort aus und wie reagieren die Unternehmen? Wir haben nachgefragt.

Für die Caritas antwortet Mechthild Hattemer, Geschäftsführerin der Caritas Wohnen und Pflege gGmbh. Das Eustachius-Kugler-Haus in Roding ist wie 20 weitere Caritas Alten- und Pflegeheime im Bistum Regensburg in Trägerschaft der Caritas Wohnen und Pflege gGmbH.

Nicht voll belegt

„Was die Krankentage in unseren Einrichtungen angeht, unterscheiden wir uns nicht erheblich vom Branchenschnitt. In unseren Einrichtungen haben wir eine Ausfallquote von fünf bis sechs Prozent“, erläutert Mechthild Hattemer. Laut AOK-Fehlzeitenreport 2023 unterscheide man sich damit aber auch nicht erheblich von der Fehlzeitenquote in anderen Branchen, meint sie.

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„Wenn Mitarbeitende ausfallen, erfassen wir die Diagnosen nicht. Daher können wir nicht sagen, weshalb sie ursächlich fehlen“, sagt sie auf die Frage, was die Beschäftigten krankmacht. „Zur Arbeitsbelastung aufgrund von Fachkräftemangel lässt sich sagen, dass wir unsere Einrichtungen nicht voll belegen, wenn Personal fehlt. Auch das Eustachius-Kugler-Haus in Roding ist nicht voll belegt“, so Mechthild Hattemer.

Als Träger sehe sich die Caritas in der Verantwortung, sich in der Gesundheitsvorsorge für die Mitarbeitenden einzubringen. Der Diözesan-Caritasverband Regensburg biete regelmäßig Weiterbildungen zu Gesundheitsthemen an. Auch rückenschonende Hebegriffe würden trainiert und praktiziert sowie entsprechende Hilfsmittel bereitgestellt: „Darüber hinaus sind die Pflegenden aufgefordert, Ausgleich zum Berufsalltag zu schaffen.“

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Dass sich der Studie zufolge nur wenige Mitarbeitende das Ausüben dieses Berufes bis zur Rente vorstellen könnten, hänge sicherlich auch mit einer durchlässigen und modernen Arbeitswelt zusammen. Manche würden den Pflegeberuf, um anderes kennenzulernen. Andere wiederum würden als Quereinsteiger in die Pflege einsteigen. „Auch ich selbst habe als Altenpflegefachkraft vor mehr als 40 Jahren angefangen. Der Pflegeberuf bietet viel Entwicklungspotenzial“, meint die Caritas-Vertreterin. Daher sei Kritik an der Generalistik fehl am Platz: „Wer heute Pflege lernt, lernt drei Berufe. Das ist eine Chance, kein Manko.“ Zudem habe man nach der generalistischen Ausbildung einen Abschluss, der international anerkannt sei. Das mache den Beruf für junge Menschen attraktiv.

Karl Gschwendner, der in Roding und in Schorndorf zwei Seniorenheime hat, dazu Tagespflegeeinrichtungen und einen ambulanten Pflegedienst betreibt, bestätigt die hohen Fehltage auch für seine Einrichtungen. Die Gründe für die Ausfälle seien schwierig – nur selten seien es etwa Unfälle, weshalb eine Pflegefachkraft ausfalle.

„Schönster Beruf!“

Es gebe einige Beschäftigte, die würden nur selten krank, andere öfter. „Ich denke, es hängt viel von der Situation zu Hause ab“, sagt er. Denn eigentlich sei der Beruf i n der Altenpflege „einer der schönsten überhaupt! Man bekommt so viel zurück.“ Sicher gebe es wie in jedem Beruf mal nicht so schöne Dinge, doch im Allgemeinen sei es ein toller Job.

Vom Unternehmen gebe es durchaus Gesundheitsangebote, um die Mitarbeiter fit zu halten, wie etwa die Rückenschule von AOK oder DAK, es gebe Lungenfunktionstests für Mitarbeiter und auch der Arbeitsplatz werde angeschaut, was man dort verbessern könne. Auf jedem Stockwerk gebe es Maschinen wie etwa Hebekräne oder Aufstellhilfen, um die Arbeit zu erleichtern.

„Die Krux ist, sie müssen auch benutzt werden“, so Gschwendner. Die Bedienung sei gelernt worden, aber es werde zu wenig angewandt. Was auch passe, sei mittlerweile die Bezahlung – die sei „spitzenmäßig“, sagt er. Hier sei mehr das Problem, dass jede Gehaltserhöhung eine Preiserhöhung für die Senioren und deren Angehörige bedeute. Die generalisierte Ausbildung helfe dem Pflegebereich für Senioren wenig – „es ist schlechter geworden“, resümiert der Firmenchef. Keine Lösung ist für ihn auch die neue Fachkraftquote, die statt bisher 60 Prozent der Beschäftigten auf 40 Prozent gesenkt wurde – „einfach weil die Fachkräfte fehlen!“

Und auch Anwerbeversuche für die Pflege im Ausland sieht er skeptisch. „Wir hatten schon Spanier oder auch Chinesinnen“, sagt Karl Gschwendner – gescheitert sei es dann meist am Heimweh der Menschen.

Studie zu Fehltagen im Pflegebereich

Studie: Die Techniker Krankenkasse (TK) hat jetzt die Fehltage durch Krankheit bei Pflegekräften untersucht. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Fehltage bei den Altenpflegekräften von 25,2 (2013) auf fast 35 Tage im Jahr (2023) durchschnittlich geklettert. In allen anderen Branchen zusammen fehlten TK-versicherte Berufstätige 2023 im Schnitt „nur“ fast 19 Tage.

Arbeitsbelastung: Als ein Grund wird die Arbeitsbelastung angegeben. Viele Pflegende geben an, den Beruf nicht bis zur Rente durchhalten zu können, wie der DGB festgestellt hat. Mit Blick auf die Zeit bis zur Rente gaben 2018 bis 2022 67 Prozent der Beschäftigten in der Altenpflege an, wahrscheinlich nicht bis zur Rente in ihrem jetzigen Beruf arbeiten zu können.

Diagnosen: Laut TK-Auswertung entfallen durchschnittlich 6,2 Tage – und damit die meisten Fehltage 2023 in der Pflege – auf Atemwegserkrankungen. Auf psychische Erkrankungen entfielen 5,9 Tage und auf Muskel-Skelett-Erkrankungen 5,1 Tage. Im Detail zeigten die Krankschreibungen, dass die Altenpflege Psyche und Rücken stärker belastet (7,1 bzw. 6,6 Fehltage) als die Krankenpflege (5,4 bzw. 4,5 Tage).

Mechthild Hattemer Foto: Corinna Janes
Karl Gschwendner Foto: Christoph Klöckner