Harald Schmidt ist „Rentner mit Leib und Seele“

Der Entertainer hat ein ausgesprochenes Faible für den Adel, warnt vor der Tigermücke und weiß genau, wo sein Publikum der Schuh drückt.
Harald Schmidt gilt als Begründer der deutschen Version des Late-Night-Talks nach US-Vorbild. Der Moderator, Kabarettist, Entertainer und Schauspieler wurde mit TV-Formaten wie Schmidt-einander oder Die Harald Schmidt Show bekannt. Vom Fernsehen hat er sich längst verabschiedet, dafür kann man ihn nun öfter dort erleben, wo seine Wurzeln liegen: am Theater. In Regensburg tritt er mit Volker Heißmann auf – wie gewohnt mit Band und Anekdoten, aber mit neuen Themen. Über die spricht er im Telefon-Interview mit der MZ.
Herr Schmidt, wo sind Sie gerade?
Harald Schmidt: In Wien, bei der Wiederaufnahmeprobe für „Die Dubarry“.
Das ist die Operette, in der Sie an der Volksoper Wien die Rolle von König Ludwig XV. spielen. Haben Sie nicht bei dieser Gelegenheit Volker Heißmann kennengelernt?
Schmidt: Richtig. Volker hat hier eine Vorstellung angeschaut in der ersten Serie vor zwei Jahren. Ein Kollege hat uns hier bekannt gemacht. Ich hab' den Volker nicht gleich erkannt, weil ich den ja hauptsächlich als Mariechen gesehen habe im Kostüm. So nach und nach hat mir gedämmert, wer er ist. Von Anfang an war ein sehr gutes Verständnis da.
Was erwartet das Publikum bei Ihrem Auftritt in Regensburg ?
Schmidt: Es gibt kein konkretes Programm, sondern ein Gespräch zwischen uns beiden auf der Bühne. Es geht um aktuelle Anlässe: Was in der Politik los ist, die Euromeisterschaft, aber auch um Sachen, die man als Anekdoten schon länger im Repertoire hat. Und um alltägliche Beobachtungen.
Können Sie ein Beispiel nennen? Was bewegt Sie aktuell?
Schmidt: Ich mache viele Beobachtungen in den Frühstücksräumen von Hotels. Zuletzt war da so ein Ehepaar: Der Mann hat die Frau viermal hintereinander in immer stärker werdender Lautstärke gefragt, ob sie ein Ei möchte. Das war ein skurriler Dialog, bis die Frau, die das schlecht verstanden hat, kapiert hat, dass sie was gefragt worden ist.
Mit Volker Heißmann sind Sie bisher in Franken aufgetreten. Waren Sie mal in Regensburg?
Schmidt: Ich war zweimal eingeladen bei Fürstin Gloria, die immer sehr nett ist und mir ab zu mal eine Mail schreibt. Da besteht ein loser Kontakt.
Warum waren Sie dort?
Schmidt: Zum Mittagessen. Was es gab, weiß ich nicht mehr, das ist Ewigkeiten her. Aber es war sehr stilvoll mit gedruckter Speisekarte und Personal. So, wie man sich das vorstellt. Aber eine sehr schöne Mischung aus stilvoll und zwanglos.
Verfolgen Sie die Schlagzeilen über Ihre Gastgeberin?
Schmidt: Das verfolge ich nicht so. Es wird ja so viel geschrieben heutzutage, es ist eine Flut von Informationen, ich nehme das alles im Detail gar nicht so wahr. Zuletzt habe ich ein sehr lustiges Interview von ihr gelesen im FAZ-Magazin.
Wie kam der Kontakt zustande?
Schmidt: Ich glaube, die Fürstin war in der Sendung von mir zu Gast. Da bin ich mir aber nicht mehr sicher. Oder sie hat sich mal über meine Agentur an mich gewandt oder es war im Rahmen des Papst-Besuches von Benedikt XVI.
Sie sind in Schwaben geboren, sind Sie von der sprichwörtlichen Sparsamkeit geprägt?
Schmidt: Ich bin gar nicht so schwäbisch, ich habe Migrationshintergrund. Mein Vater kam aus dem Sudetenland und meine Mutter aus Brünn. Meine Eltern sind Heimatvertriebene. Bei uns war die Mentalität zu Hause eigentlich eher K und K. Ich bin Royalist. Natürlich bin ich für die für konstitutionelle Monarchie wie in England. Aber ich vermisse ein gekröntes Haupt an unserer Staatsspitze.
Warum das denn?
Schmidt: Ich beneide immer die Engländer, wenn ich sehe, was die so bieten können mit Charles und Camilla und jetzt Kate und der ganze Ärger mit Harry. Als bekannt gegeben wurde, dass Königin Elizabeth gestorben ist, habe ich mir alles live im Fernsehen angeguckt, vom Beginn bis zur Beisetzung.
Was genau macht Sie neidisch?
Schmidt: Die Tradition. Und dass man nicht gleich nervös wird, wenn mal der Wind ein bisschen von vorn kommt. Eine Sternstunde war für mich die Live-Ansprache der Queen beim Tod von Lady Di, was ja auch in der Serie The Crown sehr gut zu sehen ist. Mir gefällt auch, dass ein verarmter Hochadel in England ein Schloss mit 300 Zimmern hat, aber nur noch zwei bewohnt, weil er den Rest nicht beheizen kann.
Apropos unbeheizte Zimmer: Vor zwei Jahren sagten Sie, Sie hätten nur 272 Euro Rente, obwohl sie 15 Jahre voll eingezahlt haben. Der Bundesverband der Rentenberater hat nachgerechnet und ist auf eine höhere Rente gekommen.
Schmidt: Richtig! Und der Bundesverband der Rentenberater hat Recht. Ich habe, wie es meine Art ist, auf dem Formular nur schlampig geguckt und irgendwas gesehen, ich glaube, es war die Postleitzahl. Also, ich kriege 700 Euro Rente, seit August letzten Jahres.
Der Bundesverband ist auf über 1000 Euro gekommen.
Schmidt: Ich würde nie den Bundesverband anzweifeln, die rechnen ja den ganzen Tag. Ich kriege immer pünktlich zum Ersten 700 Euro und ein paar Zerquetschte überwiesen. Das ist ein fantastisches Gefühl. Ich bin Rentner mit Leib und Seele und nutze gnadenlos alles, was es an Ermäßigungen gibt. Ich bin stolz, zu den 21 Millionen Rentnerinnen und Rentnern zu gehören, die von unserer Bundesregierung zurecht verwöhnt werden.
Wir müssen uns also keine Sorgen machen, dass Sie nicht über die Runden kommen?
Schmidt: Überhaupt nicht! Durch Auftritte wie Regensburg und so kann ich mir teilweise bis zu bis zu drei Viertel Wein in Österreich pro Tag leisten.
Treten Sie auf, um die Rente aufzubessern?
Schmidt: Ne, ich trete wirklich auf, weil es mir Spaß macht und weil ich gerne mit dem Volker unterwegs bin. Wir haben auch eine tolle Combo mit dabei.
So für das Late-Night-Feeling quasi? Vermissen Sie Ihre TV-Zeiten – den Druck, jeden Abend abliefern zu müssen?
Schmidt: Ne. Ich hab ja wirklich genau die gleiche Situation im Theater, ich aktualisiere ja permanent, was wir auf der Bühne machen. Und ich habe ja auch meine Show immer unter Live-Gesichtspunkten produziert mit Publikum, also quasi wie eine Theateraufführung. Wenn die Leute lachen und es guten Applaus gibt, dann weiß ich, die waren zufrieden und der Abend ist geritzt. Mir ging es immer darum, aufzutreten. Dass kein Fernsehen dabei ist, spielt für mich überhaupt keine Rolle.
Sagten Sie nicht, es sei eine besondere Herausforderung, jeden Abend aufzutreten und dass Sie das bei aktuellen Formaten vermissen?
Schmidt: Als ich noch jeden Abend aufgetreten bin, da war ich auch noch zwanzig Jahre jünger. Das ist ja auch eine Frage der Kräfte. Und ich war an Köln gebunden. Jetzt trete ich in Zürich auf, dann fliege ich nach Wien zur Probe, dann bin ich in Ulm, Regensburg und Bamberg. Danach fliege ich für „Traumschiff“-Dreharbeiten an den Polarkreis. Dort drehen wir die Folge „Miami“.
Warum am Polarkreis?
Schmidt: Wir sind ja immer von der Schiffsroute abhängig und natürlich wurde das, was an Land spielt, in Miami gedreht. Da war ich aber nicht dabei. Für mich ist Floridas Küste am Polarkreis. Was mir auch klimatisch besser gefällt, die Hitze ist nichts für mich. Diese ganzen Mücken! Warnen Sie Ihre Leserschaft regelmäßig vor der Tigermücke?
Das ist ab und zu Thema, ja.
Schmidt: Die kommt, wenn es wärmer wird, auch zu uns. Und die ist ja nicht so faul wie unsere jungen Arbeitskräfte, sondern die sticht rund um die Uhr. Das böse Dengue-Fieber, vor dem ich auch auf der Bühne warne. Und ein ganz großes Thema, das meiner Meinung nach auch Ihre Leserschaft mehr beschäftigt als Inflation, ist das Thema Hallux Valgus.
Was ist das denn?
Schmidt: Der Knochen, der beim großen Zeh rauswärts wächst, wegen dem man nicht mehr in die Schuhe kommt. Wenn ich das auf der Bühne erwähne, erlebe ich Stöhnen und Nicken: „Ja, mir geht's genauso! Mein Problem ist nicht die UNO, sondern mein Haxn!“
Sie wissen also, wo ihr Publikum der Schuh drückt?
Schmidt: Im wahrsten Sinne des Wortes! Ich schaue im Fernsehen sehr viele Medizin- Sendungen oder Berichte über Nature Doc. Da gibt es eine Klinik in Berlin, wo Menschen hinkommen, denen die Pharmaindustrie trotz 30 verschiedener Tabletten pro Tag nicht helfen kann. Die Lösung ist eigentlich immer dieselbe: Der Nature Doc nimmt dem Patienten die Medikamente komplett weg, streicht ihm das Schnitzel zum Frühstück und sagt: „Beweg dich mal!“. Nach vier Wochen fühlt sich der Patient wie neu geboren.
Rentner- und Gesundheitsthemen sind also Ihr neues Gebiet?
Schmidt: Ja, genau. Mein Publikum sind 21 Millionen Rentner und zwölf Millionen Boomer. Da gibt’s natürlich Überschneidungen. Ich sag mal plus minus hab ich ein Publikum von 25 bis 27 Millionen Menschen. Die haben geerbt, haben vielleicht eine Scheidung hinter sich oder müssen Eltern pflegen und ein Haus verkaufen. Oder die Gefahr der Erbengemeinschaft: Was das für ne Hölle ist! Vor all dem warne ich – nur nicht vor der großen Weltpolitik. Da fehlt mir die Kompetenz. Die habe ich im Bereich Hallux Valgus, Harndrang oder Ohrensausen.
Welche aktuellen Late-Night- oder Comedy-Formate mögen Sie? Die Heute Show? Böhmermann? Hazel Brugger?
Schmidt: Nix. Ich schaue nur Talkshows und Medizinsendungen. Ich muss ja wissen, was die Leute interessiert. Wenn ich weiß, dass bei Karen Miosga Agnes Strack-Zimmermann sitzt, weiß ich schon, da gibt’s was zu lachen. Bei Medizin-Sendungen gibt es immer die gleichen Themen: Kniegelenke, Hüften, Zahnersatz, Medikamente, Rheuma, Haarausfall, Schuppenflechte, Hämorriden, also alles das, was mein Publikum unruhig auf dem Sitz rutschen lässt.
Sie scheinen ihr Publikum wirklich sehr genau zu kennen.
Schmidt: Das Publikum ist ja mit mir älter geworden. Als ich mit dem Feuerstein Schmidteinander gemacht habe, da war unser Durchschnittszuschauer 16 oder 17 Jahre alt. Da hieß es immer: „Ich durfte abends noch aufbleiben, weil ihr später abends kamt“. Das war 1990. Diese Leute sind ja heute Ende 40 oder älter. Das sind die Themen dieser Generation und von noch Älteren. Die Themen von 20-Jährigen sind nicht meine. Das wäre ja auch unglaubwürdig.
Interview: Katharina Kellner
Wenn Dirty Harry auf Mariechen trifft
Programm: Für den Abend mit Harald Schmidt und Volker Heißmann versprechen die Veranstalter „skurrile Begegnungen, tiefsinnige Gedanken und gnadenlos komische Geschichten“. Das Thilo Wolf Jazz Quartett begleitet Harald Schmidt und Volker Heißmann.
Termin: Montag, 17. Juni, 19.30 Uhr, Theater am Bismarckplatz Regensburg, 90 Minuten, keine Pause
