Regensburg widmet Renate Christin eine Retrospektive

Von Michael Scheiner · 5. Juni 2024 um 21:00

„Du, ich glaub’, ich kann malen!“, sagte sie einst zu ihrem Mann. Es war der Anfang der Künstlerkarriere von Renate Christin, die sich auch als Netzwerkerin und Europäerin einen Namen machte.

Bei einem Gespräch mit Renate Christin hat die provokante Frage „Ist das Kunst oder kann das weg?“ eine satte ironische Wendung bekommen. Nach einem Rundgang durch ihr halb geleertes Atelier ruft die Künstlerin bei der Rückkehr ins Arbeitszimmer überrascht: „Schau!“ Die farblich, wie olfaktorisch vielversprechenden Kuchenstücke, die sie dem Journalisten servieren wollte, waren verschwunden. Dafür schlich ein e betreten blickende Hündin an Renate Christin vorbei.

Während die in Haus und Atelier verteilte Kunst am Vormittag in einem Transporter unterwegs zum Kunst- und Gewerbeverein in der Ludwigstraße war, fanden die formvollendeten Torten auf vier Beinen rasch in den Garten, um zwischen Büschen und Hecken zu verschwinden. Nach einer angedeuteten Drohgebärde lachte Renate Christin hell auf und meinte amüsiert: „Immerhin hat sie ein Stück übrig gelassen.“

In nahezu jeder Situation etwas Positives zu finden, ist eine Grundeigenschaft der 83-Jährigen, die sie bereits ihr ganzes bewegtes Leben begleitet.

Ans Malen oder ein Dasein als Künstlerin hat die gelernte technische Zeichnerin lange nicht im Traum gedacht. Erst als sie im Keller des Eigenheims eine kahle Wand mit Familienmitgliedern und „dem damaligen Hund“ bemalt hatte, meinte sie abends zu ihrem Mann: „Schau her, ich glaub’ ich kann malen!“ Ein kurzes „Ah ja, ich glaub’ auch“ als Antwort bestärkte die talentierte berufstätige Ehefrau und Mutter. Voller Enthusiasmus kniete sie sich ins neue Betätigungsfeld und bekam schon wenig später die Einladung eines Galeristen, in Bad Abbach auszustellen. „Man kann sich vieles selbst beibringen“, fand die angehende Künstlerin bald heraus, „aber irgendwann kommst du nur weiter mit Anregungen von außen“.

In ganz Europa unterwegs

Renate Christin fand die Anregungen bei Sommerakademien, die sie jahrelang besuchte, an der Universität Haifa und bei zahllosen Symposien, an denen sie in ganz Europa teilnahm. Nach der aufreibenden Familienzeit, während der sie bereits intensiv gemalt und zusätzlich gearbeitet hatte, initiierte sie Kunstprojekte. Anders als beim Malen und Zeichnen im Atelier mit einem intuitiven, spielerischen Ansatz, ging sie bei „Straßen in Europa“, „Fremde – Freunde“ und weiteren geografisch ausgedehnten Kunstaktionen planmäßig vor. Auf diese Weise feierte sie den Wegfall der Grenzen, suchte überall Begegnungen mit anderen Menschen und Kunstschaffenden und lebte ihre bis heute andauernde Begeisterung für das freie und offene Europa.

„Ich bin überzeugte Europäerin“, unterstreicht sie ganz entschieden, und vermutet, dass viele Jüngere „nicht mehr wissen, wie das ist, wenn du überall auf Grenzen stößt und vieles nicht machen kannst“. Christin hat, bestens vernetzt über ihre Sommerkurse in Eichhofen, immer die Chancen ergriffen, die sich ihr eröffnet haben. Sie hat in vielen Ländern ausgestellt, diverse Kunstgruppen mit gegründet, andere geführt, sich lokal und international engagiert. Immer wieder hat sie dafür ihre künstlerisch-kreative Arbeit zurückgestellt, wie sie erzählt, „mich viel für andere engagiert“. Im Vorstand der Gedok, dem großen Netzwerk für Künstlerinnen, hat sie sich für eine stärkere Sichtbarkeit von Frauen in der Kunst eingesetzt, war Vorsitzende der Internationalen Gesellschaft der Bildenden Künste (IGBK), wirkte im Vorstand des European Council of Artists (ECA) und als Vorsitzende im Kunstverein Graz.

Trotz zahlreicher ehrenamtlicher Verpflichtungen, die sie nach Kopenhagen, Berlin und Nürnberg führten, kreierte Renate Christin in jeder freien Minute weiter Zeichnungen, Videoarbeiten, Installationen und hauptsächlich Bilder. Formal hat sie in der Verbindung von figurativen und abstrakten Elementen, Material-Collagen und großflächigem Farbauftrag einen erkennbar eigenen Stil entwickelt. Man kann darin auf Spurensuche gehen, hier auf etwas stoßen, das zu einem spricht, dort eine Entdeckung machen und sich am Leuchten der Farben freuen, in ihnen eintauchen.

Werke aus allen Phasen

Der Kunst- und Gewerbeverein widmet dieser vielseitigen und erfrischend offenen Künstlerin eine große Einzelausstellung, eine Retrospektive. Unter dem bezeichnenden Titel „Hier fühle ich mich wohl, hier bin ich zuhause" zeigt Renate Christin Arbeiten aus allen ihren Phasen ihres Schaffens: Werke aus Malerei und Installation und Videoarbeiten, Keramik und Objektkästen.

Vernissage am Freitag:Ausstellung: „Renate Christin – Hier fühle ich mich wohl, hier bin ich zuhause“ eröffnet am Freitag (7. Juni, 19.30 Uhr) beim Kunst- und Gewerbeverein Regensburg. Die Schau ist bis 7. Juli zu sehen. Führungen gibt es am 16. und 30. Juni (jeweils 14 Uhr).

Eröffnung: Bei der Vernissage sprechen Georg Haber, der Vorsitzende des Kunst- und Gewerbevereins, und Astrid Freudenstein (CSU), Bürgermeisterin der Stadt Regensburg. Antonia Kienberger führt ins Werk von Renate Christin ein.

Renate Christin bei Vorbereitungen ihrer Ausstellung, die am Freitag beim Kunst- und Gewerbeverein eröffnet Foto: Michael Scheiner