Landkreis Regensburg im Bann des Hochwassers: Die Menschen am Fluss packen an

Von Jürgen Scharf · 5. Juni 2024 um 18:06

Im Landkreis Regensburg wird an den Orten an Donau noch mit den Fluten gekämpft, an den Nebenflüssen geht es derweil wenn möglich schon wieder zurück in den Alltag.

Der Sand in dem kleinen Kinderspielplatz auf der Terrasse der Eichmühle ist sauber glatt gekehrt. Die Tische und Stühle stehen für die Gäste am Abend bereit. Und auf dem Boden liegen ganz frisch ein paar Blütenblätter, die vom großen Rosenstrauch am Eingang heruntergesegelt sind. Auf einem Boden, der vor drei Tagen noch völlig unter Wasser stand. „Doch für dieses Mal haben wir es wieder geschafft“, sagt Pächter Luc Denny. In Regenstauf wird wieder nach vorn geschaut. Hier am Regen hat sie schon begonnen, die Zeit nach dem Hochwasser – eine Zeit, die die Menschen an der Donau noch herbeisehnen.

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Vielerorts herrscht noch Ausnahmezustand

Seit dem Wochenende sind Stadt und Landkreis Regensburg im Bann der Fluten. Entlang der Donau herrscht vielerorts noch der Ausnahmezustand. Zuvor waren auch Zuflüsse wie Naab, Regen oder Schwarze Laber mächtig angeschwollen. Von Samstag bis Montag gab es unzählige Einsätze der Hilfsdienste wegen Überschwemmungen. Dann wurde es Tag für Tag besser. Einige Haushalte kämpfen zwar noch mit heraufdrückendem Grundwasser, im Großen und Ganzen hat sich die Lage an den Nebenflüssen der Donau aber beruhigt.

Zu Beginn der Woche erreichte das Hochwasser in Regenstauf seinen Höchststand. Die Eichmühle, das Restaurant von Claudia und Luc Denny, liegt direkt am Ufer des Regens. „Wir haben sie 2001 übernommen – und uns war natürlich schon damals bewusst, dass wir mit der Gefahr des Hochwassers leben müssen“, sagt Luc Denny. 2002 und 2013 sei es dann auch wirklich ganz arg gewesen. Das Wasser drang ins Gebäude ein. „Heuer wollen wir uns aber nicht beschweren, wir sind soweit gut weggekommen“, sagt er.

Gebäude komplett umspült

Das Gebäude der Eichmühle ist bei Hochwasser relativ schnell komplett umspült. Dieses Jahr stand das Wasser auf der Terrasse etwa 20 Zentimeter hoch, auf der Straße daneben gut einen halben Meter. Auf Luftbildern wirkt die Lage dann dramatisch. „Aber solange es nicht so hoch ist, dass es ins Gebäude geht, ist alles halb so schlimm“, sagt Denny.

Das Positive sehen. Weiterkämpfen. Das tun auch die Menschen im Sinzinger Ortssteil Kleinprüfening an der Donau. Obwohl hier nach wie vor der Ausnahmezustand herrscht. Bürgermeister Martin Brix, der zudem Kommandant der örtlichen Feuerwehr ist, ist seit Tagen im Dauereinsatz, um Hilfe für die Bürger zu organisieren. „Das Wasser steigt immer noch ganz leicht, jetzt vielleicht einen oder zwei Zentimeter pro Stunde“, teilt er am Mittwochvormittag mit. Am Nachmittag sollte der Scheitelpunkt dann aber wirklich endlich erreicht sein, kündigen die Behörden an. Brix will sich aber nicht zu früh freuen: „Das hat es seit Montag immer wieder geheißen und immer wieder wurde es verschoben.“

Das Wasser steht in Kleinprüfening nach wie vor bis zu den Hauswänden. Auf Außenstehende wirken die Bilder vor Ort extrem. „Letztlich, das muss man sagen, läuft das mittlerweile aber alles sehr geordnet ab, es ist jetzt eigentlich sogar relativ ruhig“ sagt Brix. Die Menschen, die hier leben, seien auf solche Situationen schließlich so gut es nur irgendwie geht eingestellt. Dies ändert allerdings nichts daran, dass die Schäden immer wieder aufs Neue enorm sind. Es gebe Bauern, erzählt Brix, bei denen die gesamte Ernte vernichtet sei. Und nicht zuletzt das steigende Grundwasser sei ein Riesenproblem. Es würden mittlerweile auch Keller von Häusern volllaufen, die eigentlich weitab der klassischen Gefahrenzone liegen. Und wenn dabei auch Fäkalien aus der Kanalisation mithochgeschwemmt werden, sind die Häuser für gewisse Zeit praktisch unbewohnbar, sagt Brix.

Einsatzkräfte weiter in Alarmbereitschaft

Das Landratsamt teilt am Mittwoch mit, dass die Hochwasserlage im Landkreis nach wie vor angespannt sei: „Sie kann aber gut bewältigt werden.“ Alle Einsatzkräfte seien weiterhin in Alarmbereitschaft. Für den Mittwochnachmittag werde nun aber tatsächlich der Scheitelpunkt des Hochwassers rund um Sinzing und bei Mariaort erwartet. Danach werde sich die Lage „in den betroffenen Gebieten hoffentlich langsam entspannen“.

Von Dienstag bis Mittwoch hatten die Einsatzkräfte vor allem noch mit vollgelaufenen Kellern und der Betreuung des Hochwasserschutzes an einzelnen Schwerpunkten zu tun. Brix erzählt, dass insbesondere beim Auspumpen der Untergeschosse Tag für Tag immer mehr Bürger an ihre Grenzen stoßen. Viele der privat angeschafften Pumpen seien nicht für einen Dauereinsatz über mehrere Tage und Nächte ausgelegt: „Die geben dann irgendwann den Geist auf.“ Und neue seien kaum zu bekommen, da die Nachfrage derzeit – wenig überraschend – sehr hoch ist.

Eine lange Schadensliste

In etlichen Gemeinden steht nach dem Hochwasser nun noch ganz viel Arbeit an. Der Wenzenbacher Bürgermeister Sebastian Koch etwa hat schon eine lange Schadensliste. Unter anderem sei die Hölzhofbrücke unterspült worden und eingestürzt. „Nächstes Jahr hätten wir sie ohnehin neu machen wollen“, sagt Koch. Jetzt gehe es darum, eine vorübergehende Lösung zu finden. Ebeenfalls viel zu tun gibt es an der „Wenzenbach Aue“. Die wunderschöne Freizeitfläche wurde komplett überschwemmt. Es wird wohl einiges kosten, sie wieder herzurichten. Möglicherweise komplett neu müssen die Sandspielflächen im Kindergarten an der Jahnstraße angelegt werden. Diese waren erst Anfang vergangener Woche mit großem Aufwand, wie Koch erzählt, neu befüllt worden.

Einen halben Tag waren die Dennys mit den Aufräumarbeiten rund um die Eichmühle in Regenstauf beschäftigt. Das größte Problem ist der Schlamm, der vom Hochwasser zurückbleibt. Mit zwei Schläuchen haben sie die Terrasse stundenlang abgespritzt. Nun sieht sie aus, als ob es das Hochwasser nicht gegeben hätte. Am Mittwochabend wird wieder aufgesperrt. Nur der Sand in der Kinderspielecke, der sei nicht zu retten gewesen, erzählt Denny: „Da haben wir einen neuen reingemacht.“

Vom Start der Aufräumarbeiten sind die Menschen an den betroffenen Orten der Donau noch ein gutes Stück entfernt. Frühestens am Ende der Woche werde das hier möglich sein, teilt das Landratsamt mit, und auch nur, wenn fortan alles glimpflich verlaufe und die Pegelstände wirklich fallen. Der Sinzinger Bürgermeister Brix kündigt aber eines schon jetzt an. Wenn das Wasser endlich wieder weg ist, wenn endlich aufgeräumt werden kann, dann wird noch einmal mit voller Energie angepackt: „Wir leben hier eben mit dem Wasser. Anders geht es nicht.“

Land unter bei der Fährstation in Matting Foto: Stefan Romanowski
In Kleinprüfening wurde die Post mit dem Boot verteilt. Foto: Hahn
Gestern sollte der Hochwasserstand der Donau bei Sinzing den Scheitelpunkt erreichen. Foto: Hermansky/Landratsamt