ÖPNV soll besser werden – KI aus Parsberg revolutioniert die Fahrgastzählung

Von Markus Rath · 4. Juni 2024 um 19:00

Schluss mit überfüllten Bussen und Bahnen: Die Existenzgründer Sascha Renner und Raphael Waas haben zusammen mit den Wissenschaftlern am Technologie Campus Parsberg-Lupburg ein revolutionäres Verfahren entwickelt, um die Fahrgastzahlen verlässlich und in Echtzeit zu ermitteln. Damit können Verkehrsunternehmen den Einsatz ihrer Fahrzeuge besser planen.

Hintergrund: Seit der Einführung des Deutschlandtickets fahren deutlich mehr Menschen mit Bussen und Bahnen. Im Dezember 2023 hatte der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) von rund einer Million Neukunden berichtet.

„Diese Entwicklung ist erfreulich, zeigt aber auch, wie wichtig es im Hinblick auf die Verkehrswende ist, in Stoßzeiten oder auf viel befahrenen Strecken genügend Platz zur Verfügung zu stellen“, sagt Renner im Gespräch mit unserem Medienhaus.

Und da kommen die beiden Unternehmensgründer ins Spiel. „Lichtschranken und Sensoren, die aktuell eingesetzt werden, haben schon bei alltäglichen Vorkommnissen wie beispielsweise dem Einstieg von größeren Gruppen oder beim Mitführen von Gepäck oder Fahrrädern erhebliche Probleme“, sagt Waas.

Prototyp entwickelt und getestet

Deshalb hätten sie angefangen, den Prototypen eines mobilen, automatischen Zählsystems zu entwickeln, das mit 360-Grad-Kameras arbeitet und einzelne Personen im Bus oder Zug erkennt. Waas: „Diese Daten werden dann datenschutzkonform, also ohne dass Rückschlüsse auf die Identität möglich sind, erfasst.“ Nach zwölf Monaten intensiver Entwicklung – die vom bayerischen Wirtschaftsministerium mit Fördermitteln bezuschusst wurde – war das System „SensoGast“ fertig.

Als dieser Prototyp fertig und am Technologie Campus getestet war, gingen die Entwickler einen Schritt weiter. Ziel war es nun, ein stationäres, sprich, in den Fahrzeugen verbautes System zu entwickeln. Der wissenschaftliche Campus-Mitarbeiter Florian Ringelhäuser, der bereits seit dem Start von SensoGast mit im Boot ist, erstellte dafür passende Algorithmen mit Künstlicher Intelligenz.

KI analysiert die Kameraaufnahmen

Sein Werk, das sogenannte „KIstel“, greift auf die bereits vorhandenen Sicherheitskameras in Bussen und Bahnen zu. Auf diese Art und Weise benötigen die Fahrzeuge keine technische Nachrüstung – abgesehen von einem Bordrechner mit einem entsprechenden Grafikchip.

Die Fahrgastzahlen können in Echtzeit erfasst und ausgewertet werden. Und das ist laut Ringelhäuser für die Verkehrsunternehmen sehr wichtig. „Ihnen werden anhand der jeweiligen Fahrgastzahlen auf bestimmten Streckenabschnitten Direktzahlungen zugewiesen.“

Testphase in einzelnen ÖPNV-Fahrzeugen läuft

Außerdem besitzen die Unternehmen so genaue Vorhersagewerte über die Auslastung der Fahrzeuge und somit auch über den Platzbedarf zu konkreten Uhrzeiten oder Tagen. Mittlerweile ist es den Entwicklern gelungen, das System „KIstel“ in einzelnen Fahrzeugen des Öffentlichen Personennahverkehrs zu integrieren, um sie unter Alltagsbedingungen zu testen.

In einem weiteren Projekt wollen Renner, Waas und Ringelhäuser auch Start-Ziel-Beziehungen herstellen. Durch die KI-gestützte Bilderkennung soll es möglich werden, den Ein- und Ausstiegsort jeder einzelnen Person nachvollziehbar zu machen. Auf diese Weise können Personenkilometer sowie Belegungs- und Auslastungsdaten erfasst werden. „Der ÖPNV soll smarter, intelligenter und effizienter geregelt werden“, sagen Renner und Waas.

Gut zu wissen

Förderung: Die Forschungsprojekte SensoGast und KIstel wurden beide mit dem Förderprogramm „Innovationsgutschein spezial“ gefördert. Insgesamt erhielt das Start-up so 80000 Euro.

Zusammenarbeit: Möglich ist das nur, weil das Start-up mit dem Campus zusammenarbeitet. Denn die Fördermittel werden nur bei Beauftragung einer Hochschule gewährt.

Florian Ringelhäuser, Raphael Waas und Sascha Renner von tecount freuen sich mit Professor Anton Schmailzl (v.l.) über den erfolgreichen Projektabschluss. Foto: Daniela Schramm
Die Grafik zeigt, wie das neue Fahrgastzählsystem aus Parsberg funktioniert.