Feuerwehrverband rät: Jeder sollte eine Notfallmappe haben

Von Friederike Klett · 4. Juni 2024 um 05:00

Wegen der Hochwasser-Katastrophe sind momentan 40.000 Einsatzkräfte allein in Bayern im Einsatz. Silvia Oestreicher, Sprecherin des Deutschen Feuerwehrverbandes, erklärt, wie sich die Feuerwehren auf solche Einsätze vorbereiten und welche Fehler die Bürgerinnen und Bürger im Ernstfall vermeiden sollten.

Frau Oestreicher, gibt es bei Flutkatastrophen gefährdende Verhaltensweisen von Bürgern, die Sie immer wieder sehen?

Silvia Oestreicher: Es gibt leider die Klassiker, wie Menschen, die bei Hochwasser noch in Unterführungen fahren, weil sie den Wasserstand und die Schnelligkeit, in der das Wasser ansteigt, unterschätzen. Es kann auch für die Einsatzkräfte dann sehr gefährlich werden, die Menschen dann aus ihren Autos zu befreien. Oder Menschen, die vor der Evakuierung noch in den Keller gehen und dort dann nicht mehr rauskommen.

Wie sollte man sich am besten verhalten, wenn die Nachricht kommt, dass das eigene Wohngebiet gefährdet ist?

Oestreicher: Am besten ist es, sich bereits auf eine Evakuierung vorzubereiten. Warnapps wie NINA oder KATWARN informieren meist mit Vorlauf. Zum Beispiel packt man wichtige Sachen aus dem Keller nach ganz oben im Haus oder sammelt seine Mappe mit Dokumenten und seine Medikamente zusammen. Gut ist es auch, das Handy vollzuladen, solange noch Strom da ist, oder die Freigängerkatze in eine Transportbox zu packen, damit man die nicht später suchen muss.

Wurden bei den Feuerwehren die Vorbereitungen hochgefahren, nachdem in jüngster Vergangenheit mehrere große Flutkatastrophen in Deutschland stattgefunden haben?

Oestreicher: Feuerwehren und die Bevölkerung in der Nähe von Flussläufen haben spätestens seit der Flut im Ahrtal ein noch größeres Augenmerk darauf. Aber das waren vielmehr gezielte Vorbereitungen, dass die Feuerwehr vor Ort zum Beispiel noch genauer auf die Wettermeldungen schaut oder die Anwohner informiert. Aber es hat sich seit dem Ahrtal auch politisch einiges getan. Zum Beispiel können Warnungen mittlerweile über „Cell Broadcast“ auch an Handys im betroffenen Bereich versendet werden, die keine Warnapp installiert haben. In einem solchen Fall wie in Bayern gibt es unheimlich viel Solidarität in der Feuerwehrfamilie. Das sind meistens Ehrenamtliche und auch Einsatzkräfte, die nicht aus den betroffenen Landkreisen kommen und auf Anforderung helfen, damit die Lokalen eine Pause bekommen.

Wird es künftig öfter zu solchen Einsätzen kommen?

Oestreicher: Einsatzlagen, die durch den Klimawandel bedingt sind, werden sich weiter verstärken. Darauf sind die Feuerwehren auch vorbereitet und bereiten sich weiter vor. Die klassischen Feuereinsätze sind mittlerweile der geringste Anteil der Einsätze. Technische Hilfeleistungen, Katastrophenalarme oder auch Rettungsdiensteinsätze, die hauptamtliche Feuerwehren häufig abdecken, sind mittlerweile sehr viel häufiger als das klassische Feuer.

Sollte jeder eine Notfalltasche bereitstellen?

Oestreicher: Zumindest eine Notfallmappe mit den wichtigsten Dokumenten sollte man haben. Aber auch ein Rucksack oder Ähnliches macht es einem selbst und den Einsatzkräften sehr viel leichter. Wenn es brennt, ein Sturm oder ein Hochwasser ist, ist es sehr hilfreich, wenn man sich darüber schon Gedanken gemacht hat. Oder wissen Sie, ob der Nachbar im Rollstuhl sitzt oder schwerhörig ist? Auch daran muss man dann denken und zum Beispiel noch mal lauter gegen die Tür klopfen. Wir wünschen niemandem, in die Lage zu kommen, aber es hilft, wenn man im Notfall handeln muss.

Sind Naturkatastrophen mittlerweile mehr im Bewusstsein der Menschen?

Oestreicher: Seit dem Ahrtal ist das Bewusstsein definitiv gestiegen. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass durch die sozialen und auch klassischen Medien heute lokale Ereignisse viel schneller präsent sind. Die Zahl der Ereignisse ist nicht so dramatisch angestiegen, wie es einem vielleicht vorkommt. Wenn die Berichte keine Panikmache sind, sondern informieren, hilft uns das immer. Aber auch Leute, die nur kommen, um Fotos von der Katastrophe zu machen, erleben wir leider immer wieder.

Sylvia Oestreicher ist Sprecherin des Deutschen Feuerwehrverbandes. − Foto: Neuhauser/DFV