Neue Heimat im Kreis Schwandorf gefunden – jetzt hat Sherwan Omer eigenen Friseursalon

Von Renate Ahrens · 31. Mai 2024 um 13:00

„Ziele braucht man. Und man muss auf sie hinarbeiten, egal, wie schwierig alles ist“, sagt Sherwan Omer. Er selbst ist das beste Beispiel. Allein floh der Kurde mit 17 Jahren nach Deutschland. Sein Traum war immer ein eigener Friseursalon, nun ist er in Schwarzenfeld (Landkreis Schwandorf) wahr geworden.

Im Friseursalon seiner Mutter in Syrien, wo er geboren wurde, habe er praktisch seine Kindheit verbracht, erzählt Omer. Doch mit 15 Jahren wurde die Familie aus dem Land vertrieben und musste sich bei Verwandten in der Osttürkei ein neues Leben aufbauen. Mit 18 Jahren hätte Omer der türkische Militärdienst gedroht. Also sagten seine Eltern schweren Herzens: Geh lieber.

Der Anfang in der Oberpfalz war schwer

„Der Abschied war sehr schwer und der Anfang in Deutschland auch“, erinnert sich Omer, der als neuntes von zehn Kindern geboren wurde. Erst nach fünf Tagen hatte er seine Eltern mit einem geliehenen Handy anrufen können. „Meine Mama hat die ersten drei Jahre nur geweint.“

Im Friseursalon in Syrien hatte er es geliebt, nach der Schule zuzusehen und mitzuhelfen. Als er mit zwölf Jahren kurz alleine im Laden war, kam ein Kunde und wollte eine Bartrasur. „Ich sagte, das habe ich noch nie gemacht. Doch er meinte, du kannst das schon.“

Die Erfahrung, dass Menschen an ihn glaubten, hat Omer noch mehrfach gemacht. Von München, wo er im Alter von 17 Jahren ankam, war der Kurde nach Wackersdorf zugeteilt worden. In der Flüchtlingsunterkunft begann er sofort, alleine Deutsch zu lernen, mit Youtube und Google. Denn er wusste: Sprache ist der Schlüssel zu Arbeit und Integration, und beides wollte er.

Seit 2016 aktiv im THW

Diese Eigeninitiative zeichnet den jungen Mann bis heute aus. Als ihm die Nachbarschaftshilfe Wackersdorf Unterstützung anbot, nahm er sie gerne an – nicht ohne etwas zurückzugeben. Seiner „deutschen Oma“, die ihm damals beistand, hilft er bis heute im Garten oder mit handwerklichen Tätigkeiten. Mit Werkzeug umzugehen lernte er beim THW, wo er 2016 Mitglied wurde. Beim Technischen Hilfswerk, aber auch im Fußballverein, fand er Freunde – und lernte zugleich das Prinzip des Ehrenamts kennen. „Ich kannte es bislang nicht, dass sich Menschen unentgeltlich für andere einsetzen. Das ist großartig“, sagt Omer.

Erst nach zwei Jahren in Deutschland erhielt er eine Aufenthaltsgenehmigung, und eine große Last fiel von ihm ab. Die Angst, abgeschoben zu werden, hatte ihn sehr bedrückt. Was kann Omer heute Flüchtlingen raten, die wie er in ein fremdes Land kommen? „Der beste Weg, sich in Deutschland zu integrieren, ist der Wille zu lernen und eine Ausbildung zu machen. Auf andere zu schauen, wie es die machen, bringt nichts“, weiß Omer aus Erfahrung. „Deutschland bietet so viel. Das Gefühl, jeder ist frei, ist hier unbeschreiblich.“

Bald durfte er ein Praktikum im Salon Lorenz in Wackersdorf machen, wo er schließlich im Jahr 2016 eine Ausbildung begann. Im Flüchtlingsheim verstanden das viele nicht. „Ich bekam nun mit 320 Euro weniger als vorher. 160 Euro davon kostete mein Zimmer.“ Doch für seinen Traum hätte der junge Mann alles gegeben. Nebenbei verdiente er auf der Kartbahn und in einer Tankstelle etwas dazu und finanzierte auf so seinen Führerschein. Mittlerweile darf er dank seiner Ausbildung beim THW sogar einen Lastwagen fahren.

Inzwischen ist er deutscher Staatsbürger

Aber das war noch nicht alles. In nur drei Monaten absolvierte er 2021 die Meisterschule. „Und am 2. Februar 2022 erhielt ich dann den Meisterbrief“, sagt er strahlend, auch wenn er seine Eltern bei der Übergabe sehr vermisste. Seit seiner Flucht hatte er sie nicht wiedergesehen. Noch einen Meilenstein erreichte er fast zur gleichen Zeit und eher als viele andere – die deutsche Staatsbürgerschaft. Vom Bayerischen Innenministerium wurde er 2019 unter 5000 Geflüchteten für den Sport- und Integrationspreis ausgewählt. Zwei Jahre zuvor warb das bayerische Helfernetz mit seinem Foto für die Kampagne „Beruf und Ehrenamt“.

Nach der Ausbildung arbeitete Omer einige Zeit in einem Salon in Schwandorf, und bald konnte er bei Friseurin Michaela Wittmann zwei Stühle pachten – der erste Schritt in die Selbstständigkeit. „Etwas eigenes war aber immer mein Ziel.“ Heute blickt er sich stolz in seinem Friseurstudio um. Weitere langfristige Ziele gibt es natürlich immer noch, versichert Omer. „Ich brauche im Leben immer Herausforderungen.“ Mehr verrät er nicht.

Als Meister will er nun auch ausbilden

Sherwan Omer ist angekommen, hier in Bayern. Neben Türkisch, Arabisch und Kurdisch spricht er inzwischen auch fast perfekt Deutsch – und dazu auch etwas Bairisch. Einen Gesellen will er nun einstellen und im Herbst auch ausbilden. Niemals wolle er wieder weg. „Ich habe hier Freunde gefunden und eine Heimat – endlich.“ In der Oberpfalz sei es zwar nicht leicht, in der Gesellschaft aufgenommen zu werden. „Aber dann wird man akzeptiert, wie man ist. Ich bin dafür sehr dankbar.“

Den schönsten Traum hat er sich im vergangenen Jahr erfüllt: Mit seinem deutschen Pass durfte er endlich in die Türkei reisen. „Der Deutsche kommt“, hieß es im Dorf – und nun war es gut so. Seine Mama habe geweint, sagt Omer. Diesmal aber aus Freude.