Freie Wahl ist in einem Waldmünchner Kindergarten Konzept

Von Martin Hladik · 30. Mai 2024 um 19:00

Johannes (5), Franziska (4), Georg (3) und Leon (4) zeigen dem Reporter wie ihre Magnettafel funktioniert. Auf sechs Feldern sind verschiedene Beschäftigungsmöglichkeiten mit Fotos gekennzeichnet, daneben schwarze Punkte, die zeigen wieviele Kinder in diese Gruppe gehen können. Johannes nimmt einen Magneten mit seinem Foto und klebt ihn auf einen schwarzen Punkt neben dem Foto der Turngruppe. Franziska dagegen möchte lieber in einen Raum, in dem sie mit Pferdefiguren spielen kann. Sie klebt ihr Foto mit dem Magneten auf einen schwarzen Punkt neben dem Foto des Ruheraums.

So können die 50 Kinder des Kindergartens des Hauses der kleinen Wunder, jeden Tag selbst wählen, mit was sie sich beschäftigen wollen. Die üblichen Gruppen, in diesem Fall die Wirbelwind und die Regenbogengruppe , gibt es zwar immer noch, aber die meiste Zeit wählen die Kinder selbst, was sie machen wollen und sind nicht in feste Gruppen eingeteilt. Sie entscheiden, was für sie jetzt das Richtige und das Wichtige ist. Dabei benutzen sie verschiedene Funktionsräume, wo jeweils verschiedene Betreuerinnen sind.

Dass dabei nicht nur die eigenen Interessen, sondern auch Gruppendynamik eine Rolle spielt, freut die Kindergartenleiterin Nicole Singer (41). So werden Kompromisse geschlossen. Denn oft wollen die Kinder in ihrem Freundeskreis bleiben, aber dennoch gibt es verschiedene Interessen. Dann muss ausgehandelt werden, wo geht man zuerst hin und wohin später.

Kleine Größe hilft

Teiloffenes Konzept heißt diese im Haus der kleinen Wunder zum Tragen kommende Idee. Der seit 2021 in Betrieb gegangene Kindergarten mitten in der Stadt hat das Konzept nach und nach immer stärker eingeführt. Dass so etwas funktioniere, hat auch mit der Größe des Kindergartens zu tun. Andere Kindergärten mit mehr Gruppen und mehr Kindern bräuchten mehr Struktur, sagt Singer. Dort gebe es eher feste Gruppen.

Wichtig ist der Kita-Leiterin auch die Unterstützung durch die Stadt. Die müsse das Konzept und das dafür notwendige Personal und die Ausstattung mittragen. In Waldmünchen erfahre ihr Haus die volle Unterstützung.

Während das Konzept des teiloffenen Kindergartens von den Kindern mehr und selbstständige Entscheidungen verlangt, steigt auch der Abstimmungsbedarf im Team, berichtet Singer. Weil nicht jede Erzieherin eine feste Gruppe betreut, sondern an den jeweiligen Spielstätten 14-tägig eingesetzt wird, hilft beispielsweise ein Karteikasten , Besonderheiten von Kindern festzuhalten. Zum Beispiel, ob ein Kind Hilfe braucht, um zu lernen, wie man einen Stift am besten hält. „Wir müssen die Kinder gezielter beobachten und uns aufeinander verlassen. Darauf habe sich das sechsköpfige Kindergartenteam einlassen müssen, erklärt Singer.

Eins dagegen verhindert, das halboffene Konzept: Mit einem festen Plan, was man einem Tag machen oder den Kindern beibringen will, können die Erzieherinnen nicht an ihre Arbeit gehen „Da ist Flexibilität gefragt.“ Man bastle zwar auch Muttertags- oder Vatertagsgeschenke, „aber zwingen, etwas zu basteln, wollen wir keinen!“ sagt Singer. Die Kinder sollten tun, was für sie wichtig ist.

Standardangebote sind dabei das Atelier, wo gebastelt wird, ein Platz zum konstruktiven Bauen, ein Bewegungsraum, ein Raum für Rollenspiele zum Beispiel mit Puppen, ein Ruhe- und Rückzugsraum, ein Intensivraum und das Bällebad. Den Garten würde man gerne noch stärker nutzen, sagt Singer, was aber personalabhängig sei. Denn um den Garten kümmere sich meist die Person, die auch den Speisessaal betreut, weil der ebenfalls im Erdgeschoss liegt. Da könne jeweils nur eine Aufgabe erfüllt werden. Denn zum ruhigen Essen müssten die Kinder in einen eigenen Raum gehen. Spielen und gleichzeitig Essen, funktioniere nicht. Zusätzlich zu all diesen Möglichkeiten gibt es einmal in der Woche auch einen Waldkindergarten.

Die Pflicht bei aller Wahl

Teiloffen ist der Kindergarten auch, weil es für manche Aufgaben geschlossene Gruppen brauche. Zum Beispiel bei der Eingewöhnung neuer Kinder, berichtet Singer. Sie bräuchten anfangs eine feste Bezugsperson. Weil Kindergärten auch Vorschule sind, sollen Kinder auch mit bestimmten Fähigkeiten, was Zahlen- und Sprachkompetenz betrifft an die Schule wechseln. Hierfür gebe es bei aller Wahlfreiheit auch Pflichtveranstaltungen, sagt Singer. Zumindest eine Stunde pro Woche.

Singer ist mit dem halboffenen Konzept sehr zufrieden: „Ich liebe Herausforderungen, wenn ich nicht weiß, was morgen ist!“

Johannes (5), Franziska (4), Georg (3) und Leon (4) lesen mit Erzieherin Nicole Singer ein Buch. Fotos: Martin Hladik
Johannes zeigt seinen Magnetknopf mit dem er sich für bestimmte Beschäftigungen eintragen kann.