Regensburger Velodrom: Im Zuschauerraum gräbt der Bagger

Archäologen untersuchen den Untergrund in der Regensburger Spielstätte Velodrom. Im Bereich Westnerwacht lag ein römischer Palast.
Grelle Strahler beleuchten die Baustelle. Holzverschalungen schützen die Säulen, welche die Balkone tragen. Das Parkett haben die Bauarbeiter entfernt, die Betonbodenplatte herausgebrochen. Drei Rechtecke sind zu erkennen. „Das war mal die Bühne“, sagt Archäologin Daniela Rehberger und deutet auf eine Erdfläche, in der sich Backsteine abzeichnen – wohl einst eine Kellermauer mit Treppenabgang. In der Mitte ist die Betonvertiefung des Orchestergrabens zu sehen und dahinter der Untergrund des Zuschauerraums, in den sich der Bagger frisst. Die Mittelalter- und Neuzeitarchäologin Rehberger nennt das „Oberbodenabtrag“.
Die 38-Jährige beobachtet, was der Bagger zutage bringt. Als wissenschaftliche Grabungsleiterin muss sie die Eingriffe überwachen. Die bisher inspizierten Schuttschichten stammen aus dem 19. und dem Anfang des 20. Jahrhunderts.
„Kratzen an der Oberfläche“
Die Archäologen der Adilo GmbH haben in der vorigen Woche mit den Grabungen begonnen. „Im Moment kratzen wir erst an der Oberfläche“, sagt Daniela Rehberger.
Sie greift in eine Plastiktüte und holt Scherben heraus: ein Fragment von einem Bierhumpen, den abgebrochenen Griff einer Wasserflasche aus Steinzeug und Teile eines verzierten Tellers. „Die üblichen Funde, Scherben von Alltagsgeschirr“, sagt sie. Der Steingutteller stammt aus industrieller Produktion. „Das kann ich datieren, dann weiß ich, wie alt die Schicht ist.“Aus einem Radio im Hintergrund plätschern 80er-Jahre-Songs.
Jeder Befund erhält eine Nummer. Die betreffenden Flächen werden fotografisch dokumentiert. Am Rand der Grabung legen die Archäologen sogenannte Profile an, um den Schichtaufbau verfolgen zu können. Wie lange die Arbeiten dauern werden, hängt von den Funden ab.
Nicht tiefer als 1,80 Meter
Die gesamte Westnerwacht, zu der das Velodrom zählt, ist ein Bodendenkmal. Stadtarchäologe Dr. Lutz-Michael Dallmeier weiß von früheren Grabungen vor dem Tiefgaragenbau, dass unter dem Velodrom ein palastartiges römisches Gebäude liegt. Deshalb dürfen die Archäologen auch nur bis in eine Tiefe von 1,80 Meter vorstoßen. Im Bereich des Velodroms erstreckte sich eine römische Zivilsiedlung, die bis zum Herzogspark und zur Bachgasse reichte. „Bis zu 12.000 Bewohner und Militär wohnten dort“, sagt Dallmeier. Die Siedlung entwickelte sich parallel zum Legionslager Castra Regina, das von 179 bis um 450 nach Christus bestand. Der Rest des römischen Untergrunds, der zum Teil für den Tiefgaragenbau weichen musste, steht unter dem Welterbe-Schutz.
Was an der Stelle im Mittelalter geschehen ist, weiß man nicht. Das Regensburger Urkataster von 1811 zeigt, dass sich dort große Gärten ausdehnten. Bei einem Anbau ans Velodrom 2015 entdeckten die Archäologen in der Kreuzgasse eine Glockengießerei von 1872. Der Stadtarchäologe rechnet bei den Grabungen nicht mit qualitätvollen Bauten aus dem Mittelalter, eher mit einem Handwerkshof.
Das Velodrom, das der jüdische Geschäftsmann Simon Oberdorfer 1897 als Radsporthalle errichten ließ, muss generalsaniert werden. Ende 2021 wurde es aus brandschutztechnischen Gründen geschlossen.
Auf Basis einer Machbarkeitsstudie plant Nikolai Reich vom Hamburger Architekturbüro Gerkan Marg und Partner (gmp) die Maßnahme. Das Haus auf dem Weg zum Staatstheater verlangt eine leistungsfähige Technik. Ein eiserner Brandschutz-Vorhang zwischen Bühne und Zuschauerraum, ein Aufzug, barrierefreie Sanitäranlagen und eine mobile Tribüne werden eingebaut. Das Dachtragwerk muss überarbeitet werden. Mindestens 50 Millionen Euro wird die Sanierung kosten. Das wurde im Sommer aus einer nichtöffentlichen Sitzung des Kulturausschusses kolportiert. Bis zu 70 Prozent schultert der Freistaat.

