Bald bei Avia in Regensburg: Neuer Öko-Diesel sorgt für Zündstoff

Von Bernhard Fleischmann · 6. Mai 2024 um 12:00

Diesel aus Pflanzenöl soll 90 Prozent CO2 einsparen. Die Tankstellenkette Avia will den Sprit schon bald in Regensburg anbieten und ist von ihm überzeugt. Auch der Oberpfälzer „Motorenpapst“ Rabl empfiehlt den Treibstoff – allerdings unter einem Vorbehalt.

Der Ökodiesel kann kommen. Nachdem der Bundesrat grünes Licht gegeben hat, ist in Deutschland ab Mai ein neuer Treibstoff erlaubt. Er soll eine Alternative zu fossilem Diesel bieten und wird aus erneuerbaren Rohstoffen gewonnen. Dabei tritt er, im Gegensatz zu Biodiesel, nicht in Wettbewerb mit Nahrungsmitteln. Die „Teller-oder-Tank“-Diskussion entfällt. Denn der Diesel HVO100 wird mit Hilfe von Wasserstoff allein aus Speiseresten, Ölen, Fetten beziehungsweise Pflanzenölen gewonnen. Im Vergleich zu Erdöl-basiertem Diesel wird viel weniger CO2 ausgestoßen – bis zu 90 Prozent, sagt etwa der Hersteller Neste, der auch die Tankstellenkette Avia beliefert. Auch der Feinstaub sinkt um 30 Prozent.

Um wie viel dieser Treibstoff die Ökobilanz eines Diesel gegenüber Benziner, Hybride oder Elektroautos verbessert, ist noch unklar. Der Automobilverband VDMA jedenfalls preist die biogenen Kraftstoffe aus hydrierten Pflanzenölen (HVO) an. „Ein besserer und schnellerer Beitrag zum Klimaschutz ist kaum zu haben.“

Die Rettung für den Diesel?

Kein Wunder, dass das Kraftfahrzeuggewerbe Bayern mit seinen rund 7000 Innungsbetrieben die zeitnahe Markteinführung fordert. Präsident und Landesinnungsmeister Albert Vetterl aus Teublitz (Lkr. Schwandorf) geht noch einen großen Schritt weiter: „Mit Kraftstoffen wie HVO100 können hochmoderne Verbrennerfahrzeuge einen entscheidenden Beitrag zum Klimaschutz leisten. Das Verbrennerverbot der EU muss deshalb dringend auf den Prüfstand.

Das Kfz-Gewerbe hat bei dem Diesel HVO100 vor allem zwei Aspekte im Auge: Zum einen die Möglichkeit, vorhandene Diesel-Autos erheblich umweltschonender betreiben zu können. Außerdem sei mit dem Tankstellennetz die Infrastruktur schon da.

„Ein attraktives Produkt“

Ganz nah dran am Thema ist die A.F. Bauer GmbH in Regenstauf (Landkreis Regensburg). Das Unternehmen ist im Bereich Mineralölhandel mit dem Schwerpunkt Vertrieb von Kraftstoffen über das firmeneigene Tankstellennetz mit dem Markennamen Avia tätig. Dazu gehören 126 Tankstationen in der Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Oberfranken und Thüringen.

Der Technische Leiter Stefan Schedel freut sich auf den HVO100-Diesel. „Das ist ein attraktives Produkt, die Kunden fragen danach“, sagt er zu unserer Zeitung. Firmenflotten könnten CO2-ärmer betrieben werden, was sich positiv auf die Ökobilanz der Unternehmen auswirke. Sie könnten so CO2-Vorgaben auch mit bestehenden Fahrzeugen leichter erreichen. Deswegen schrecke der Preisaufschlag nicht so sehr. Auch Privatleute seien interessiert.

Deutlich höherer Preis

15 bis 20 Cent mehr als Diesel aus Mineralöl dürfte der neue Öko-Diesel an der Tankstelle kosten, anfangs wenigstens. Schedel erwartet, dass sich der Preisabstand mit zunehmendem Produktionsvolumen verringert. Entscheidend sei aber, ob die Bundesregierung den HVO-Diesel steuerlich begünstigen wird. Unter anderem in Österreich gibt es diese Dieselsorte bereits, dort beträgt der Aufschlag rund 20 Cent je Liter.

Wie schnell sich HVO-Diesel in Deutschland verbreitet, ist unklar. Es gibt Befürchtungen, Tankstellen könnten in Nöte geraten, weil extra Zapfsäulen und vor allem Tanks für die zusätzliche Spritsorte benötigt werden.

Avia-Mann Schedel sieht das gelassen. „Wir haben noch Platz“, sagt er und verweist darauf, dass Biodiesel weggefallen sei. Die Tankstellen könnten je nach Nachfrage umgerüstet werden. Bei Zapfsäulen sei das einfach. Man könne zum Beispiel eine Säule von klassischem Diesel oder von E10-Benzin auf HVO-Diesel umwidmen, je nach Bedarf. Bei den Tanks ist die Auswahl geringer, aber auch machbar, sagt der Tankstellen-Experte.

Start im Regensburger Osten

Sein Unternehmen hat die Avia-Station in der Landshuter Straße in Regensburg als Pilot ausgewählt. Dort läuft die Genehmigungsphase. Diese Tankstelle verfüge über fünf Tanks mit insgesamt 170000 Liter Volumen. Davon sollen künftig 30000 Liter für HVO-Diesel reserviert sein – ein beträchtlicher Anteil. Spätestens im dritten Quartal will Avia-Bauer den neuen Diesel anbieten können. Wann weitere Stationen und wie viele mit dem HVO-Angebot folgen werden, stehe noch nicht fest. Entscheidend sei die Nachfrage, erklärt Schedel. Über das gesamte Avia-Netz hinweg mit gut 900 Tankstellen bundesweit, betrieben von insgesamt 36 Gesellschaften (Bauer in Regenstauf ist eine der größeren davon) sollen zunächst einmal etwa 50 Standorte umgerüstet werden.

Anhaltende Zweifel bei E10

„Am Ende entscheidet der Kunde“, fügte Schedel hinzu und verweist auf die enttäuschten Erwartungen bei der Benzinsorte E10. Obwohl geklärt sei, dass der Sprit genauso verträglich für die Motoren sei wie E5 (die Zahl steht für den Prozentsatz an Ethanol, der maximal beigemischt sein darf), und obwohl E10 einige Cent pro Liter billiger ist, tankten die Autofahrer nach wie vor deutlich mehr E5. Deshalb sagt Schedel: „Wir können die Nachfrage nicht abschätzen. Man kann nichts erzwingen.“

Ob mangelndes Vertrauen der Autofahrer in die Qualität die Verbreitung des neuen Treibstoffs bremst, steht also noch dahin. Für den Regensburger „Motorenpapst“, Professor für Verbrennungsmotoren Hans-Peter Rabl von der OTH, gibt es aber keinen Zweifel: „Paraffinische Dieselkraftstoffe nach der DIN EN 15940 (dazu gehört HVO100-Diesel) zeichnen sich durch hervorragende Zünd- und Verbrennungseigenschaften aus. Dies wirkt sich auch auf die Verringerung der Rohemissionen aus.“ Heißt: Wenn der Hersteller den Treibstoff freigegeben hat, dann sieht Rabl keinen technischen Grund, ihn nicht zu tanken.

Wer darf den Sprit tanken?

Laut ADAC sind bislang nur wenige Dieselmotoren zugelassen. Dabei handelt es sich um Modelle von Audi, BMW, Citroën/Peugeot/Opel, Nissan, Renault/Dacia, Seat/Cupra, Skoda, Toyota, Volvo und VW.

Bislang durfte diese Art von Kraftstoff nur dann getankt werden, wenn sie dem regulären Dieselkraftstoff beigemischt wurde. Der zugelassene Beimischungsanteil lag bei bei 26 Prozent. Mit dem Inkrafttreten der neuen Verordnung darf der Öko-Diesel künftig auch in 100-prozentiger Konzentration angeboten werden.

Man kann also auch einen der klassischen Diesel-Norm entsprechenden Diesel/HVO-Verschnitt erzeugen mit bis zu 26 Prozent HVO im Dieselkraftstoff. Weiter ist es möglich, so Rabl, diesem Kraftstoff auch noch sieben Prozent Biodiesel beizumischen. Es wurde bereits ein „Diesel R33“ entwickelt, der aus sieben Prozent Biodiesel, 26 Prozent HVO und dem Rest Diesel besteht. Im Laufe des Jahres werde es diese Kraftstoffe geben, so Rabl. Auch eine geringere Beimischung von HVO zum Diesel (es sind bis 26 Prozent HVO erlaubt) ermögliche allen Dieselfahrern eine Treibhausgasminderung. Für Rabl ist klar: „HVO ist für mich ein Teil der Lösung.“

Kernfrage: Ist Palmöl drin?

Das Bundesumweltministerium weist aber darauf hin, dass HVO-Kraftstoff nicht grundsätzlich öko sei. „Nur wenn nachhaltige Rohstoffe zur Herstellung eingesetzt werden, ist HVO auch nachhaltig“, heißt es. So könne der Kraftstoff auch aus Palmöl hergestellt werden, das laut Umweltministerium zu Treibhausgasemissionen beitrage und zu großen Verlusten bei der Artenvielfalt.

Rabl bestätigt, man müsse unbedingt die gesamte Kette betrachten, von der Herstellung des Kraftstoffs bis zur Umwandlung im Motor und das Antreiben des Rads. Werden biogene Abfall- und Reststoffe wie Altspeisefette für die Produktion von HVO eingesetzt, so könne man mit HVO100 eine CO2-Reduzierung um rund 90 Prozent im Vergleich zu Standard-Diesel realisieren. „HVO-Diesel leistet einen Beitrag zum Klimaschutz.“ Der Ausgangsstoff sollte allerdings Altspeisefett sein und nicht Palmöl.

Info zu Diesel und HVO

Gesetzeslage: Die Bundesregierung hatte Ende 2023 beschlossen, den Weg für „paraffine Dieselkraftstoffe in Reinform“, etwa HVO100, frei zu machen. Am 22. März hat der Bundesrat zugestimmt. Seit 1. Mai ist nun der Kraftstoff offiziell zugelassen.

Bestandteile: HVO steht für „hydrotreated vegetable oil“ – hydriertes Pflanzenöl. Den Angaben zufolge dürfen neben dem HVO-Diesel auch paraffinische Dieselkraftstoffe aus fossilen Ausgangsstoffen wie Erdgas künftig zu 100 Prozent in den Tank.

Pro: Das bayerische Kraftfahrzeuggewerbe unterstützt die Kampagne „HVO 100 goes Germany“. Mit dabei unter anderen Rallye-Legende Walter Röhrl. Auch Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) spricht sich für alternative Kraftstoffe wie HVO100 aus.

Contra: Aber es gibt auch Kritik: Laut der Deutschen Umwelthilfe (DUH) kann der Kraftstoff frisches Palmöl oder Rapsöl enthalten. Diese Agrokraftstoffe seien eine Katastrophe für Klima und Umwelt. Altfette seien nur ein Feigenblatt, um Biodiesel schön zu reden.

(mit dpa-Material)