Mann spricht reihenweise Jungs in Regensburg an – Suche nach der Wahrheit läuft

Von André Baumgarten · 3. Mai 2024 um 05:00

Hat ein psychisch kranker 21-Jähriger in Regensburg zig Minderjährige sexuell missbraucht? Vorm Landgericht geht es um fünf von einer Vielzahl sich ähnelnder Fälle, die im Jahr 2023 die Ermittler beschäftigten.

Mit eindeutigen Absichten spricht ein Mann im vergangenen Jahr in Regensburg immer wieder Jungen auf Spielplätzen, an Bushaltestellen, vor einem Verbrauchermarkt und an einem Kinderheim an. Monatelang ermittelt die Polizei zu zahllosen Vorfällen, von denen nur die wenigsten an die Öffentlichkeit dringen. Am Landgericht hat nun die juristische Aufarbeitung von fünf Fällen begonnen: Beschuldigter ist ein 21-Jähriger, dem sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen wird – ihm droht eine lange Zeit in der Psychiatrie.

Fünf Vorfälle im Stadtgebiet von Regensburg

Statt einer Anklage hat die Staatsanwaltschaft gegen den jungen Mann ein Sicherungsverfahren beantragt – heißt, es geht nicht um Schuld oder Strafe, sondern die Frage, ob er eine Gefahr für die Allgemeinheit ist und deshalb dauerhaft in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden muss. Der Beschuldigte leidet an einer Intelligenzminderung mit deutlicher Verhaltensstörung, trug die Anklage zu Prozessauftakt vor, „und einer Pädophilie“.

Bewahrheiten sich die Vorwürfe, scheint sich Letzteres klar im Tun des 21-Jährigen widerzuspiegeln: Am 28. Januar 2023 kommt es im Stadtteil Galgenberg zu zwei Vorfällen. Erst wird am Nachmittag ein Elfjähriger mit eindeutigen Absichten angesprochen, dann einem Gleichaltrigen im Garten eines nahen Kinderheims fast an den Po gefasst. Nur zwei Tage später trifft es einen 13-Jährigen an einer Bushaltestelle in Kumpfmühl – hier kommt es tatsächlich zum Übergriff, aber über der Kleidung. Alle drei rennen davon. Am 18. März wird ein Spielplatz zum Tatort, wieder am Galgenberg – ein Elfjähriger wird bedrängt und auf der Kleidung berührt. Selbiges passiert am 30. Juni einem weiteren Elfjährigen – danach wird öffentlich gefahndet. Auch die beiden Betroffenen rennen weg.

Zu den Vorwürfen schweigt der 21-Jährige, seine Strafverteidiger David Hölldobler und Philip Roth erklären, dass keine Angaben gemacht werden. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass alle fünf Jungs vor Gericht aussagen müssen. Dazu kam es am ersten Verhandlungstag jedoch erst mit Verspätung: Die Jugendkammer hatte darüber zu entscheiden, ob einer der Schöffen womöglich befangen sein könnte. Der betreute den Beschuldigten nämlich bis zu seiner Verhaftung im Oktober 2023 in einer Werkstatt für Behinderte – darauf hatte dieser das Gericht selbst hingewiesen, was aber prompt zu einem Befangenheitsantrag führte. Die Richter sahen darin aber kein Problem und lehnten den Antrag der Verteidigung und auch der Staatsanwältin ab.

Zu Wort kamen an Tag eins drei der fünf Jungen, die laut Anklage von dem 21-Jährigen missbraucht worden sind. Vorsitzender Richter Gerald Siegl nahm sich viel Zeit, um jedem von ihnen ausführlich zu erklären, was passiert, wer wo sitzt und worauf es bei ihren Zeugenaussagen ankommt – die Wahrheit. Alle drei identifizierten den Beschuldigten auf Nachfrage des Gerichts als den Mann, der sie einst habe anfassen oder dazu drängen wollen oder es an einer Bushaltestelle in Kumpfmühl getan haben soll. „Ich hab Nein gesagt und dann hat er’s schon gemacht“, erinnerte sich ein Junge.

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Wenngleich die Personenbeschreibungen aller drei Zeugen in Polizeivernehmungen in Details leicht voneinander abwichen, zeichnete sich auch ein klares Bild: Der Mann, der sie ansprach, tat das offenbar auf immer dieselbe Weise – er fragte erst höflich, rannten die Kinder weg, geschah nichts. Dabei sprach er mit „komischer Stimme“, wirkte auf sie „nicht normal“ und ging, als würde er ein Bein etwas nachziehen. Auf den sogenannten Wahllichtbildern, die Ermittler den Jungen vorlegten, erkannten sie den Beschuldigten aber nicht.

Privates Foto von Eltern führte zum 21-Jährigen

In den Fokus der Kripo geriet der 21-Jährige aber schon Monate vor seiner Festnahme im Oktober. Nach MZ-Informationen, weil alarmierte Eltern den jungen Mann wohl fotografiert hatten – das Bild machte dann in Chats die Runde und führte dazu, dass ihn am 5. August jemand erkannte und die Polizei rief. Warum der Beschuldigte wieder auf freien Fuß kam, wird sich im Zuge des Sicherungsverfahrens zeigen müssen. Dazu wusste die Polizistin, die ihn damals mit zur Wache nahm, nichts Näheres.

Die Jugendkammer hat zur Bewertung, ob der junge Mann in die Psychiatrie kommt, vier weitere Prozesstage angesetzt. Eine Entscheidung über seine Zukunft wird daher frühestens am 8. Mai fallen. Auch ein Gutachter kommt dabei zu Wort.