Tele-Notarzt für Kelheim startet 2025 – was sind die Folgen fürs Notarztsystem?

Wer über die 112 einen medizinischen Notruf absetzt, holt sich künftig mitunter auch digitale Hilfe ins Haus: Zum Jahresende soll in Bayern endlich der „Tele-Notarzt“ starten. Zunächst in Straubing; der Bereich Landshut-Kelheim soll 2025 folgen. Der virtuelle Begleiter von Rettungsdiensten soll die Notarzt-Versorgung verbessern. Zumindest anfangs könnte aber auch eine Verschlechterung drohen.
Bislang heißt Notarzt-Einsatz: Ein Mediziner, eine Medizinerin fährt oder fliegt zum Patienten. Der Tele-Notarzt (TNA) hingegen wird sich aus einer digital ausgerüsteten Zentrale „live“ zuschalten. Über Kameras im Rettungswagen und die Bodycams der Sanitäter hört und sieht er oder sie den Patienten und das Einsatzgeschehen; bekommt Gerätedaten wie Blutdruck oder EKG digital übermittelt.
Der TNA begleitet den Einsatz entweder komplett oder klinkt sich aus, wenn der „physische“ Notarzt vor Ort eintrifft. Sofern überhaupt einer kommt – bekanntlich klaffen an etlichen Notarzt-Standorten jetzt schon Lücken in der Dienstplanung. Und sie könnten künftig noch größer werden.
Jetziges System ist am Limit
Das bisherige Notarzt-System stößt vor allem im ländlichen Raum jetzt schon ans Limit. das sagen viele, die daran mitwirken. Immer weniger niedergelassene und Klinik-Ärzte wollen sich neben dem Stress in Praxis oder Krankenhaus noch Nächte und Wochenenden mit Notarzt-Diensten antun. Viele, die jetzt noch die Dienstplanung ermöglichen, gehen in den nächsten Jahren in Rente. Und der Fachkräftemangel macht auch vor dem Berufsbild Notfallmediziner/in nicht Halt, so dass auch die Notarzt-Sicherstellung via hauptberuflichen Kräften zunehmend schwierig wird. Spannend wird, ob der TNA das Problem verschärft oder es lösen hilft.
Allein am künftigen TNA-Standort Straubing werden rund 35 Vollzeitstellen mit hochspezialisierten Notfallmediziner/innen zu besetzen sein, wenn die TNA-Zentrale – geplant 2027 – für ihr gesamtes Gebiet einsatzbereit ist, teilt Stephanie Aumer vom Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung Straubing (ZRF) auf unsere Anfrage mit. Mit bis zu sieben gleichzeitig besetzten TNA-Arbeitsplätzen freilich wird das digitale System dann auch rund um die Uhr den gesamten ostbayerischen Raum abdecken: fast alle oberpfälzer, alle niederbayerischen Landkreise und kreisfreien Städte sowie Teile Oberbayerns.
Schwierige Personalsuche
Das nötige ärztliche Personal zu finden, „das wird eine echte Herausforderung für uns, klar“, räumt Stefan Neppl unumwunden ein. Zumal eine sehr hohe Qualifizierung vorgeschrieben ist, u.a. fünf Jahre Berufserfahrung und mindestens 500 Notarzt-Einsätze. Es gebe aber schon zahlreiche Interessierte, sagt Neppl. Der Notfallsanitäter ist Betriebsleiter in der neuen Telenotarzt-Zentrale Straubing.
Die Regensburger RKT Rettungsdienst gGmbH betreibt sie im Auftrag des ZRF; bislang lediglich mit einem kleinen administrativen Team. Es leistet technische und IT-Vorarbeit – und sucht eben für den Start schon die ersten 20 bis 30 Notfallmediziner/innen. Allein so viele „Köpfe“ sind laut Neppl nötig, um für den Anfang die ersten zwei TNA-Arbeitstische rund um die Uhr zu besetzen.
Denn zwar ist die Festanstellung der TNÄ vorgeschrieben. Aber Neppl schätzt, dass die meisten wohl in Teilzeit anheuern werden – und entsprechend ihre bisherige Arbeitszeit in Kliniken oder eben auch als „physische“ Notärzte reduzieren. Der RKT-Betriebsleiter geht davon aus, dass die gänzlich neue Telearbeit für viele Fachärzte zwar eine Herausforderung, aber andererseits attraktiv ist: Dienstzeiten und -Schichten sind planbarer und damit familienfreundlicher als der „echte“ Einsatz draußen oder in der Klinik; obendrein ist die Arbeit witterungs-unabhängig. Und auch für schwangere Notärztinnen leistbar, die „in echt“ meist nicht mehr arbeiten dürfen.
Droht angesichts solcher Vorteile das „physische“ Notarzt-System auszubluten? ZRF-Geschäftsführerin Stephanie Aumer verneint: „Die Organisation des bisherigen Notarztdienstes wird nicht tangiert.“ Ziel sei nicht „die Reduzierung der jetzigen Notarztstandorte“, sondern deren Ergänzung gerade dort, wo Schichten jetzt schon unbesetzt seien, so Aumer mit Verweis auf eine Studie des Instituts INM, wonach „ca. 20 Prozent der Notarzteinsätze vom Telenotarzt übernommen werden können“. Damit hätte man die „physischen“ Kräfte „gezielter für Einsätze zur Verfügung, bei denen tatsächlich ein Notarzt vor Ort gebraucht wird“, argumentiert Aumer.
Vor- und Nachteile
Freilich sind gerade „am Land“ Notarzt-Standorte gerade deshalb unattraktiv, weil pro Schicht wenig Einsätze anfallen. Wenn einen Teil davon der TNA abarbeitet, sinkt die Attraktivität noch mehr. Andererseits entfallen für den TNA, ebenfalls vor allem „am Land“, erhebliche Fahrzeiten zu den Einsatzorten; außerdem kann statt dem „echten“ der digitale Arzt den oft langen Patiententransport ins Krankenhaus begleiten. Unterm Strich wird sich wohl erst nach Einführung des TNA-Systems zeigen, wie es das jetzige Notarzt-System verändern wird.
Und auch die Kosten müssen sich letztlich erst noch erweisen. Laut bayer. Rettungsdienstgesetz müssen die Sozialversicherungsträger das neue System finanzieren. Die Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassenverbände in Bayern rechnet für die kommenden zehn Jahre mit Gesamtkosten von rund 180 Mio. Euro für Aufbau, Investitionen und Betrieb. Im Gegenzug erwarte man „medizinische und wirtschaftliche Synergieeffekte, z.B. bei Einsätzen im ländlichen Raum“, so eine Sprecherin.