Solar-Boom: Landkreis Neumarkt könnte das Dreifache seines Stromverbrauchs erzeugen

Von Heidi Bauer · 22. April 2024 um 05:00

Solarstrom, Windkraft, Wasserkraft: Bei den erneuerbaren Energien bewegt sich viel im Landkreis Neumarkt – am meisten bei der Photovoltaik, stellt Klimaschutzmanagerin Kathrin Kimmich fest. Sie erklärt, warum Privathaushalte davon profitieren und warum sich die Anschaffung von Balkonkraftwerken lohnt.

Im Landkreis Neumarkt war 2023 ein Rekordjahr beim Ausbau von Photovoltaik, vor allem auf Dächern und Balkonen, stellt die Klimaschutzmanagerin fest. Mit Blick auf die Potenzialanalyse, die für das Solarkataster erstellt wurde, meint sie: „Theoretisch könnte man im Landkreis Neumarkt das Dreifache von dem erzeugen, was verbraucht wird, wenn alle verfügbaren Dachflächen genutzt würden.“

Praktisch könnte man zumindest auf jeden Fall den Verbrauch decken, denn dass alle Dächer bis zum Rand belegt werden, sei nicht realistisch. 2023 kamen zu den bestehenden 10460 PV-Anlagen insgesamt 2754 hinzu – das seien über 26 Prozent mehr.

Zahl der Stromspeicher um 87 Prozent angestiegen

Gemessen an der Leistung der Anlagen, betrage das Wachstum 23 Prozent, bilanziert die Klimaschutzmanagerin. Die Zahl der Stromspeicher stieg um 87 Prozent. 2024 wurden bisher 574 neue PV-Anlagen im Landkreis Neumarkt registriert, davon 164 Balkonsolaranlagen.

Wahrscheinlich seien es jedoch deutlich mehr, weil die Registrierungen immer zeitverzögert erfolgten, so Kimmich. Allein diese zugebaute Leistung entspreche über 13100 Kilowatt Peak.

Einen Boom verzeichnet sie insbesondere bei den Balkonkraftwerken, deren Zahl im Landkreis um mehr als das Zweieinhalbfache auf inzwischen 962 gestiegen ist. 2023 kamen 536 hinzu, im ersten Quartal 2024 bereits 154. Die Klimaschutzmanagerin geht davon aus, dass die tatsächlichen Zahlen noch höher liegen, weil es einerseits sicherlich auch nicht registrierte Anlagen gebe, andererseits noch welche nachgemeldet werden.

Sie erwartet, dass der Boom bei den Balkonkraftwerken anhalten wird, wenn das Solarpaket vom Bundestag verabschiedet wird. Die geplante Gesetzesänderung beinhalte eine ganze Reihe an Maßnahmen zum Bürokratieabbau.

Vereinfachung bei den Balkonkraftwerken

Bereits zum 1. April hat die Bundesnetzagentur die Registrierung von Steckersolaranlagen für den eigenen Balkon (Balkonkraftwerke) vereinfacht. Man müsse seine Anlage nun nicht mehr zweifach melden, die Meldung beim Netzbetreiber entfalle. Die Anmeldung im Marktstammdatenregister, in dem alle stromerzeugenden Anlagen registriert werden müssen, wurde stark vereinfacht.

Nach Verabschiedung des Solarpakets dürften die Betreiber statt bisher nur 600 dann 800 Watt an das eigene Netz anschließen. Damit könnten bei optimalen Bedingungen etwa 800 Kilowatt-Stunden (kWh) Strom pro Jahr erzeugt werden. Damit könnten viele Haushalte einen großen Teil ihres Verbrauchs selbst erzeugen, meint Kimmich.

Doppelte Ersparnis bei Drehstromzählern

Neu sei auch, dass man die Plug-in-Anlage ohne Weiteres anschließen dürfe, auch wenn man noch einen alten Drehstromzähler habe, der dann sogar rückwärts drehen dürfe, wenn mehr Stromerzeugt wird, als man tatsächlich selbst braucht. So ergebe sich eine doppelte Ersparnis, so Kimmich. Allerdings würden nach und nach alle alten Drehstromzähler umgerüstet.

Mit Blick auf Windkraft als Energieträger stellt sie fest, dass zwar in einigen Gemeinden neue Windräder in Planung seien, allerdings dauere die Umsetzung erfahrungsgemäß mehrere Jahre.

Laut Energieatlas Bayern wurden im Landkreis Neumarkt im Jahr 2021 679 Gigawatt Strom verbraucht, erläutert die Klimaschutzmanagerin. Die Zahlen von 2022 werden Mitte Mai veröffentlicht. Dem gegenüber steht eine Stromerzeugung von 328 Gigawattstunden (GWh) aus Solarenergie, 254 GWh aus Windkraft, 239 GWh aus Biomasseanlagen und sechs GWh aus Wasserkraft, zusammen also 827 GWh.

Auf Rang 11 aller bayerischen Landkreise

Das bedeute unterm Strich, dass im Landkreis Neumarkt das Verhältnis zwischen Stromverbrauch und Stromerzeugung bei 122 Prozent liege, also 22 Prozent mehr Strom erzeugt als verbraucht wurden. Damit stehe der Landkreis auf Rang 11 aller bayerischen Landkreise. Dies dürfte sich jedoch seit 2021 verändert haben. Ob der Prozentsatz weiter steige, bleibe abzuwarten. Auf jeden Fall bewege sich der Landkreis in die richtige Richtung, findet Kimmich.

Jedoch profitiere er nicht direkt davon, weil der selbst erzeugte Strom in der Regel in das öffentliche Netz fließe und dann wieder regulär zu normalen Preisen gekauft werden müsse.

Privathaushalte profitieren von eigener Stromproduktion

Freilich wäre es wünschenswert, findet Kimmich, dass Kommunen, die einen Überschuss durch erneuerbare Energien erwirtschafteten auch niedrigere Strompreise zahlen müssten, so genannte Regionalstromtarife. Es gebe Modelle, die das bereits ermöglichen.

Privathaushalte hingegen profitierten doppelt, wenn sie ihren Strom selbst produzieren: Sie könnten einerseits den aus ihren Anlagen erzeugten Strom, selbst verbrauchen und ferner den Überschuss ins Netz einspeisen, wofür sie eine Vergütung erhalten.

Kommunen fördern Balkonkraftwerke

Insbesondere Balkonkraftwerke seien mit Blick auf die durch die Steuerbefreiung inzwischen weit gesunkenen Anschaffungskosten lohnenswert, rechnet Kimmich. Ein 800-Watt-Balkonkraftwerk mit Kabeln, Wechselrichter und zwei Modulen gebe es zwischen 300 und 1000 Euro. „In ein bis zwei Jahren amortisiert sich das“, so die Klimaschutzmanagerin. Hinzu komme, dass einige Kommunen im Landkreis (Deining, Mühlhausen, Postbauer-Heng und Seubersdorf) Balkonsolaranlagen förderten.

Für PV-Anlagen mit Stromspeicher gibt es Kimmich zufolge seitens der Stadt Neumarkt sowie in den Gemeinden Mühlhausen und Postbauer-Heng sowie Pyrbaum einen finanziellen Obolus.

Was ist ein Balkonkraftwerk und was beinhaltet das Solarpaket?

Balkonkraftwerk: Eine Solaranlage für den Balkon besteht aus Solarmodulen, die ohne großen Aufwand an Balkon oder Terrasse befestigt werden können. Ein Wechselrichter wandelt den Gleichstrom vom Solarmodul in Wechselstrom für das Stromnetz um. Die Anlage wird an eine Steckdose angeschlossen, der Strom ins Hausnetz eingespeist. Haushaltsgeräte verbrauchen so zuerst den kostenlosen Sonnenstrom.

Solarpaket: Das geplante Solarpaket wurde am 16. August 2023 vom Kabinett beschlossen, am 22. April berät der Bundestag erneut darüber. Es beinhaltet zahlreiche Erleichterungen für Balkonsolaranlagen.

Solarkataster: Seit 2022 gibt es für den Landkreis Neumarkt ein Solar- und Gründachkataster. Anhand dessen können Interessierte sehen, welche Flächen für Solaranlagen geeignet sind: https://solar-neumarkt-opf.ipsyscon.de.

Informationen: Auskünfte rund ums Thema erneuerbare Energien gibt es auf der Internetseite https://klimaschutz-landkreis-neumarkt.de. Für Fragen zu Photovoltaik- und Balkonsolaranlagen steht Klimaschutzmanagerin Kathrin Kimmich unter der Telefonnummer (09181)5092911 zur Verfügung.

Das Solarpaket beinhalte eine Reihe von Erleichterungen, erklärt Kimmich. Foto: Heidi Bauer