Hohe Tariflöhne, Fachkräftemangel: Warum sich Neumarkter Zeitarbeitsfirmen umorientieren

Unsicherer Arbeitsplatz, schlechte Bezahlung, keine Aufstiegschancen? Den besten Ruf hat die Zeitarbeit nicht. Doch das ist Vergangenheit, sagen Neumarkter Zeitarbeitsfirmen. Geeignetes Personal zu finden, sei derzeit aber eine Herausforderung, auch weil Bewerber hierzulande oft zu hohe Ansprüche haben.
Arnd Förster ist Geschäftsstellenleiter der Zeitarbeitsagentur Team Kraft in Neumarkt. „Das Schmuddel-Image ist vorbei“, sagt er. Mittlerweile seien die meisten Unternehmen an einen Tarifvertrag gebunden. Auch er kenne Horror-Geschichten von Zeitarbeitsfirmen, die Hilfskräfte ausnutzen und falsch eingruppieren, Lohnauszahlungen verweigern oder Sicherheitsausrüstung vom Lohn abziehen. Aber das seien wenige schwarze Schafe. Wenn er auf den Durchschnittslohn inklusive Zulagen all seiner Zeitarbeiter blicke, seien das im vergangenen Jahr 25 Euro pro Stunde gewesen.
Auch Sandra Wolters, Niederlassungsleiterin von Ratisbona in Neumarkt, sagt: „Ein Großteil unserer Mitarbeiter verdient mehr als die Stammbelegschaft.“ Außerdem sei es schon lange nicht mehr üblich, dass Zeitarbeiter sechs Wochen dort und sechs Wochen dort eingestellt sind. Ziel sei, die Menschen in eine Festanstellung zu bekommen, sagt sie.
Vermittlung über Zeitarbeitsfirmen für Unternehmen unrentabel?
Attraktiv sei die Leiharbeit grundsätzlich für jeden, sagt Wolters. Besonders aber für Menschen, die sich auf dem Arbeitsmarkt schwer tun – zum Beispiel durch eine fehlende Berufsausbildung, Qualifikationen oder Verfehlungen in der Vergangenheit. Auch für Migranten biete sie eine gute Einstiegsmöglichkeit in den deutschen Arbeitsmarkt.
Rund 830.000 Leiharbeiter waren 2022 in Deutschland beschäftigt, zeigt ein Bericht der Bundesagentur für Arbeit. Damit macht die Zeitarbeit 2,1Prozent der Gesamtbeschäftigung aus. Mehr als jeder Zweite übt in einer Firma eine Helfertätigkeit mit geringem Anforderungsniveau aus. Auch deshalb liegt das Hauptaugenmerk vieler Neumarkter Zeitarbeitsfirmen auf der Vermittlung von Helferjobs – so auch bei Orizon, sagt Personaldisponent Dennis Mutzbauer. Aber die Nachfrage von Unternehmen sinke in diesem Bereich merklich. „Für Betriebe ist es teilweise unrentabel.“
Tariflicher Lohn ist höher als der gesetzliche Mindestlohn
Der Grund: Orizon ist wie alle Firmen, mit denen unser Medienhaus gesprochen hat, an einen Tarifvertrag gebunden. Arbeiter, die der geringsten Entgeltgruppe angehören, bekommen einen Stundenlohn von mindestens 13,50 Euro. Der gesetzliche Mindestlohn beträgt derzeit 12,41 Euro.
Das bedeutet: Die Nachfrage nach Helfertätigkeiten sinke, weil Unternehmen selbst zum Teil günstiger einstellen können, sagt Mutzbauer. Ob Firmen sich diesen Aufwand machen, hänge von der Branche ab und davon, wie viel sie ihren eigenen Mitarbeitern bezahlen. Gefragt ist die Zeitarbeit laut der befragten Neumarkter Firmen vor allem in der Metall-, Logistik-, Elektro- und Kunststoffbranche.
Mehr Fokus auf die Vermittlung von Fachkräften
Im Moment nehme die Vermittlung von Helfertätigkeiten bei Orizon noch etwa 80 Prozent ein. Auf die sinkende Nachfrage wolle man reagieren, indem man den Fokus mehr auf das Vermitteln von Fachkräften lege. Auch bei Team Kraft habe man diesen Trend schon vor einigen Jahren erkannt und darauf reagiert, sagt Förster. Für die Vermittlung von Helfertätigkeiten sieht er eine schwierige Zukunft. „Die Gewerkschaften müssen sich etwas einfallen lassen, um auch unqualifiziertes Personal unterzukriegen.“
Auch Roberto Luccini, Büroleiter von Hofmann Personal in Neumarkt, stelle fest, dass Unternehmen Helferpositionen aktuell lieber selbst besetzen und nur bestimmte Kontingente für die Personaldienstleister freigeben. Aber: „Da der Tariflohn seit jeher höher als der Mindestlohn ist, sehen wir dies nicht als ausschlaggebenden Faktor. Vielmehr zeigt sich hier die konjunkturelle Eintrübung der Wirtschaft.“ In solchen Phasen würden Unternehmen grundsätzlich erst bei Helfer-Positionen sparen, um ihre Fachkräfte so lange wie möglich zu halten.
Bewerber haben oft zu hohe Ansprüche
Aber auch die Vermittlung von Fachkräften sei für die Zeitarbeitsfirmen nicht unbedingt leicht. Qualifiziertes Personal hätte derzeit in der Region kein Problem, selbst einen Job zu finden, so Mutzbauer. Gleichzeitig treffen alle befragten Zeitarbeitsfirmen – in jeglichen Vermittlungsbereichen – häufig auf Bewerber, die zu hohe Ansprüche, aber gleichzeitig zu schlechte Voraussetzungen oder Qualifikationen haben – zum Beispiel keinen Führerschein, fehlende Flexibilität oder schlechte Deutschkenntnisse.
Team Kraft und Orizon setzen deshalb auf Recruiter in Osteuropa, um Fachpersonal zu gewinnen. Dort hätten die Bewerber zum Teil schon Berufserfahrung in Deutschland gesammelt und seien motiviert, ihre Sprachkenntnisse und Qualifikationen hier auszubauen, sagt Förster. Er sieht ein großes Problem auf dem Arbeitsmarkt: „Er ist überfordert mit Leuten, die man nicht vermitteln kann.“
Laut den Zeitarbeitsfirmen hätten sich aber viele Unternehmen in der Region und allgemein in Deutschland schon darauf eingestellt, Menschen ohne oder mit wenig Deutschkenntnissen einzustellen und haben zum Beispiel Muttersprachler vor Ort.
Weiteres Infos zur Leiharbeit
Frühindikator für Wirtschaft: Die Nachfrage an Arbeitskräften in der Zeitarbeitsbranche ist oft ein Frühindikator für konjunkturelle Schwankungen. Laut einem Bericht der Bundesagentur für Arbeit führten jüngst die Corona-Pandemie und die Auswirkungen des Angriffskriegs auf die Ukraine dazu, dass die Stellenmeldungen gesunken sind. Bis 2018 aber gab es eine lange Wachstumsphase.
Leiharbeiter: Der Großteil der Beschäftigten in der Zeitarbeit ist jung und männlich, so die Bundesagentur für Arbeit. Personen ohne Berufsabschluss sind hier häufiger vertreten als bei den Beschäftigten insgesamt. Auch der Ausländeranteil ist höher.
Sprung in Festanstellung: Ungefähr acht von zehn Arbeitslosen, die angefangen haben, in der Zeitarbeit zu arbeiten, sind laut Bundesagentur für Arbeit nach zwölf Monaten sozialversicherungspflichtig beschäftigt.