Hausberg der Waldvereinssektion Lam seit 1884: Der Osser hat eine bewegte Geschichte

Zitherklänge eröffneten den Festabend der Waldvereinssektion Lam. Pater Augustinus Kozdra zitierte zur Eröffnung Goethe: „Die Geschichte macht den Menschen zu dem, was er ist. Sie gibt dem Einzelnen, aber auch einem Kollektiv eine bestimmte Prägung – seine Identität.“ Der Geistliche und zugleich 2. Vorsitzende der Sektion Lam lud zu einer Reise in die Vergangenheit ein.
Andreas Roider eröffnete den Streifzug mit den Anfängen der Sektion Lam am 10. Februar 1884 mit Auszügen aus der Chronik.
Damals wurde Bayern noch von König Ludwig regiert. Auf Einladung des königlichen Grenz-Oberkontrolleurs in Lam, Michael Schweiger, hatten sich im Saal des Gasthauses „Zur Post“ mehrere Freunde und Gönner des durch die Bemühungen des königlichen Bergmeisters Stölzl in Bodenmais ins Leben gerufenen Bayerischen Waldvereins eingefunden, um über die Gründung einer eigenen Sektion zu beraten.
Mit Rücksicht darauf, dass in Lohberg zuerst die Idee eines Bayerischen Waldvereins zu Tage getreten war, konzipierte man die Sektion Lam-Lohberg. Michael Schweiger hatte zuvor den Zweck des Bayerischen Waldvereins erklärt.
Bei der ersten Wahl konstituierte sich der Ausschuss wie folgt: 1. Vorstand Michael Schweiger, Schriftführer Josef Bleistein, Rentamtsoberschreiber in Lam, Kassier Josef Weiß, Kooperator in Lam, 1. Beisitzer Konstantin Willmann, Glasfabrik- und Gutsbesitzer in Lambach, 2. Beisitzer Anton Schrenk, Glasfabrikbesitzer in Lohberg. Anschließend habe man die Statuten festgelegt.
Wegweiser waren heiß begehrt
Die Aufgaben der Waldvereinssektion Lam-Lohberg wurden bereits 1884 ziemlich konkret thematisiert. Erste Tätigkeit war die Setzung von Wegweisern von Lam, Lambach und Lohberg auf den Osser, die Herstellung eines Weges zwischen den beiden Osserspitzen, die Errichtung einer Unterkunftshütte auf der Eggersberger Wiese, die Ausbesserung der Wege vom sogenannten Sattel sowie von Lohberg bis zur Osserwiese. Es gab damals schon einen bescheidenen Tourismus und deshalb bereits Führer auf den Berg. 1887 erstellten die Ehrenamtlichen den Weg von Lam zum Bergkircherl, wobei die schon vorhandenen Kreuzwegstationen nicht verrückt werden durften. Finanziert wurde das Ganze durch Sammelgelder. „Die Wegweiser waren heiß begehrte Souvenirs, die oft entwendet wurden. Sie mussten alljährlich ergänzt werden“, erzählte Roider. Die Aufstellung der Wegweiser erledigte eine von Anton Schrenk bestimmte Person im Tagelohn. Gefertigt hat die Wegweiser ein örtlicher Schreiner. Den Wegemarkierer nannte man Sektionsschmierer.
Erste Unterkunftshütte am Osser
Die Trasse von Lohberg zum Osser legten Wegmacher Georg Mühlbauer und seine Frau im Laufe des Jahres 1886 für 1,80 Mark bzw. eine Mark Tageslohn an. Am 7. November 1886 wurde in einer Ausschusssitzung die Fertigstellung bekannt gegeben. „Für den Weg erhielt man 200 Mark Zuschuss vom Hauptverein mit Sitz in Passau. 100 Mark hat die Sektion Lam-Lohberg beigesteuert“, wusste Andreas Roider aus den Aufzeichnungen. Vorher war die Route vom Osser nach Lohberg „fast lebensgefährlich“, ist nachzulesen. 1884 habe es schon erste Pläne gegeben, auf dem Osser eine Unterkunftshütte zu erstellen. Sie ist Anfang August 1885 vollendet worden. Die Gesamtkosten der Hütte betrugen 137,50 Mark. „Am 6. August hat man dort bereits zwei Fässer Bier vertilgt“, so Roider. Josef Bleistein (+1888), Rentamtsoberschreiber, war von der Stunde null an Schriftführer. Er wollte 1886 aufgrund seines Alters abdanken, wurde aber trotzdem gewählt und ließ sich erweichen. Die Versammlungen wurden bevorzugt dort abgehalten, wo Münchner Bier ausgeschenkt wurde.
Josef Bleistein war in vier Jahren 134 Mal auf dem Osser. Das resultiert überwiegend aus der Kontrolle der Arbeiten von Wegmacher Georg Mühlbauer. Roider zitierte Anekdoten aus der Chronik. Ein Beispiel war der Besuch des damaligen Präsidenten des Bayerischen Waldvereins, Amtsrichter Unterkreutner aus Passau, in Lam. Dieser war mit Josef Bleistein auf den Osser gewandert. Ein tschechischer, fürstlich Hohenzollerscher Förster hat auf der böhmischen Seite indes alle Wegweiser, die der Waldverein Lam-Lohberg überwiegend zum Schwarzen See und zum Gütlplatzl angebracht hatte, mit den Worten „in einen böhmischen Baum wird kein bayerischer Nagel eingeschlagen“ zerstört.
Laut Chronik hatte die Sektion Lam/Lohberg im Jahre 1884 34 Mitglieder. Ein Protokoll existiert von einer Monatsversammlung am 29. August 1886 auf dem Großen Osser: „Um 4 Uhr früh ertönte der Ruf: Das Bier ist zu Ende, obwohl mit zwei Fuhrwerken 240 Liter des Gerstensaftes auf den Osser gekarrt worden waren.“ Für viele war dies entschieden zu früh. Dies hatte aber den Vorteil, dass der schwankende Abstieg bei Tageslicht angetreten werden konnte.
Seit 1897 Schutzhütte
Sektionschef Franz Reuel blendete auf die Familie Willmann zurück, die 81 Jahre die Geschicke des Waldvereins gelenkt habe. Auch der Fabrikbesitzer Anton Schrenk war stark involviert. Ab 1897 sei erst der Begriff Schutzhütte zutreffend, weil es ab diesem Jahr Übernachtungsmöglichkeiten auf dem Osser gab. Bei der Schutzhauseinweihung waren viele Leute in festlicher Kleidung gekommen, wie eine Aufnahme bewies. Der Bierkeller lag auf tschechischer Seite, weil der erste Wirt ein tschechischer Staatsbürger namens Johann Dengscherz war. „Wenn er das Bier von der tschechischen auf die deutsche Seite verkauft hat, ist Zoll angefallen. Darum ließ er die Leute das Bier maßweise selber holen, um den Zoll zu sparen!“
In der Chronik wiederholt sich ständig, dass erhebliche Mittel für den Unterhalt des Schutzhauses aufgewendet werden mussten. Die Pachtzeiten dauerten in der Regel 15 bis 20 Jahre. Die erste Telefonleitung führte schon 1910 auf den Berg.
1923 vollzog Lohberg die Trennung von Lam, weil Lohberg eine eigene Pfarrei wurde. Die Sektion Lohberg glaubte, einen Anspruch auf einen Teil der Einnahmen aus der Bewirtschaftung des Osserschutzhauses zu haben. Willmann habe geantwortet, dass das Schutzhaus auf seinem Grund steht. Somit waren die Gebietsansprüche geklärt.
Aus einem Tätigkeitsbericht von 1927 ging die enge Zusammenarbeit des Waldvereins mit dem Wintersportverein und dem Fremdenverkehrsverein Lam bei der Beschaffung von Prospekten und Werbeplakaten hervor. Die Reichsbahndirektion Nürnberg konnte im Winter 1927/28 zu mehreren Wintersportzügen nach Lam gewonnen werden. Das Sorgenkind war die Baufälligkeit der Schutzhütte. Auch wurde sie für das jährlich wachsende Publikum viel zu klein.
Abfahrtslauf im Jahr 1956
1931 hat man die Vergrößerung und Aufstockung mit Fremdenzimmern veranlasst. Fortan wurde die Hütte ganzjährig bewirtschaftet. Nur 1945/46 war sie auf Anordnung der Militärregierung geschlossen. 1937 habe man eine Planung für die Wasserleitung erstellt. Die Reparaturen am Osserschutzhaus verschlangen 1950 das gesamte Vermögen der Sektion. Im selben Jahr lud die Vorstandschaft zur Sonnwendfeier und Kreuzeinweihung ein.
In der Chronik gab es auch Aufzeichnungen eines Abfahrtslaufs der Bergwacht im Jahre 1956 vom Osser talwärts. Aufgrund der ständigen Investitionen musste Ausschau nach Förderungen gehalten werden. 1977 hat man 36 000 Mark aufgewendet, 2001 215 000 Euro. 2002 spülte das Hochwasser die Wege aus. 2007 hat der Sturm Kyrill viele Bäume entwurzelt und einen Wasserleitungsschaden verursacht. 2017 veranlasste die Sektion eine Tiefenbohrung, bei der sie mit einer Quelle fündig wurden und das Wasserproblem lösten. Am meisten Kopfzerbrechen bereitet derzeit der fehlende Stromanschluss, der im Falle einer Leitungsverlegung horrende Kosten von mehr als einer Million Euro verursachen würde.

