Die Ampel als Petze: Wenn am Knoten Cham-Mitte wieder alle Grün haben

Von Johannes Schiedermeier · 13. April 2024 um 19:00

Der Knoten Cham-Mitte ist eigentlich nur am Donnerstag sicher. An allen anderen Tagen hat es in den letzten Monaten schon gekracht. Insgesamt etwa zehn Mal. Zu allen Uhrzeiten. Um 11.15 Uhr, um 13.10 Uhr, um 15.40 Uhr, um 17.10 Uhr. So ganz sicher kann man nie sein. Und dann kommt noch der Unfallgegner und behauptet, dass er auch Grün hatte... Aber ganz so einfach ist das nicht.

Das Phänomen des gordischen Verkehrsknotens Cham-Mitte kennt auch die Chamer Feuerwehr. „Regelmäßig“, sagt Kommandant Markus Reittinger auf die Frage, wie oft er denn dorthin mit seinen Einsatzkräften ausrückt. Dabei ist sowas doch eigentlich für eine Ampelkreuzung recht unerklärlich. „Ungefähr so unerklärlich wie die Kreuzung in Willmering“, sagt Reittinger und spielt damit auf die häufigen Unfälle vor den Toren der Nachbargemeinde an, bevor dort das Staatliche Bauamt ratlos und praktisch in Notwehr einen Kreisverkehr errichten ließ. Aber sogar auf dessen Insel sind inzwischen schon wieder Autofahrer gestanden.

Etwas unerklärlich

Nun also Cham -Mitte. Ein Unfallschwerpunkt wird daraus noch lange nicht. Dagegen spricht schon die Unterschiedlichkeit der Unfälle und ihrer Ursachen. Einigermaßen erklärlich sind noch die 1,6 Promille in einem Fall. Da schwächelt das Rot-Grün-Sehen schon mal, wenn zu viel Blau im Spiel ist.

Was die Polizei aber auch erlebt: Zwei Autofahrer neben ihren demolierten fahrbaren Untersätzen und beide behaupten steif und fest: „Ich hatte Grün!“ Chams Vize-Polizeichef Marco Müller hat die Kreuzung im Auge und kennt auch die Rechtfertigungsversuche. „Da scheppert es tatsächlich immer wieder. Und es kommt auch ab und zu vor, dass beide Unfallgegner behaupten, sie wären bei Grün eingefahren.“ Das ist laut Müller natürlich nicht möglich. Aber wie klärt man sowas auf?

Die Ampel als Petze

Im Polizeibericht über den aktuellsten Unfall am 10. April heißt es lapidar: „Die Polizei wird zur Klärung des Unfallherganges Zeugenaussagen und den Ampelschaltplan zuziehen.“ Die Ampel als Petze? Wie das? Müller sagt, dass das Staatliche Bauamt die Ampelschaltung zum Unfallzeitpunkt abrufen könne und so feststellbar sei, wer bei Rot über die Kreuzung gefahren ist.

Im Staatlichen Bauamt Regensburg bestätigt German Zwack den Sachverhalt. Er ist dort Fachmann auf dem Gebiet der Ampelschaltungen. „Wir bekommen von den Signalbaufirmen die verkehrstechnischen Unterlagen mit den hinterlegten Programmen. Dadurch können wir jede Schaltung auf die Sekunde genau nachvollziehen, Wir wissen genau, wer gerade Vorfahrt hatte, weil wir Tag, Uhrzeit und Schaltprogramm kennen.“

Woher weiß die Polizei aber auf die Sekunde genau, wann der Unfall passiert ist? „Bei schweren Unfällen übernimmt das der Gutachter, in manchen Fällen ermitteln wir das selbst und bei den Unfällen ohne Personenschaden entscheidet die Versicherung, welche Maßnahmen sie ergreifen will“, sagt Vize-Polizeichef Marco Müller. Es kommt also noch eine zweite Petze ins Spiel: das eigene Auto.

Und das Auto petzt mit

Die Feuerwehr kennt das Spiel inzwischen aus eigener leidvoller Erfahrung. Immer wieder wird sie zu Unfällen gerufen, die von der Leitstelle die Kennung haben: „eCall ohne Spracherwiderung.“ Dahinter stecken Unfälle, die vom Auto selbst an die Leitstelle gemeldet werden. Oft sind die Einsätze aber umsonst, weil der Unfallfahrer ausgestiegen ist und die Anfrage der Leitstelle im Inneren des Wagens nicht gehört hat.

Das System funktioniert aber auch im Augenblick des Aufpralls. Ein Werkstattleiter erklärt, wo diese Sekunde dokumentiert wird: „Man kann Datum und Uhrzeit sekundengenau mit dem Fehlermessgerät auslesen, wenn der Zusammenstoß hart genug war, dass Sensoren zerstört wurden.“ Bei weniger harten Zusammenstößen registriere das Airbag-Steuerungsgerät die Längsbeschleunigung und deren jähes Ende. „Wenn da die Polizei etwas wissen will, dann können diese Daten und noch einiges mehr über den Hersteller abgerufen werden“, sagt er.

Dann schließt sich der Kreis

Legt man die Informationen des Autos dann denen der Ampelschaltung zugrunde, dann schließt sich der Kreis: Die Polizei kennt den Moment des Zusammenstoßes und muss nur noch beim Staatlichen Bauamt die aktuelle Ampelphase abfragen.

Der für den Landkreis Cham zuständige Abteilungsleiter des Staatlichen Bauamtes, Dr. Richard Bosl, ist derzeit im Urlaub. Deswegen bleibt die Frage einstweilen unbeantwortet, ob das Bauamt auf die Entwicklungen in irgendeiner Form reagieren wird.

Auch bei diesem Unfall in Cham-Mitte sucht die Polizei noch die Ursache. Beide Beteiligte hatten Grün...