Nach Auslegung der Baupläne: Massive Einwände gegen Amazon-Projekt in Rohr

Der geplante Wirtschaftspark Stocka mit einem Amazon-Logistikzentrum in Rohr in Niederbayern trifft weiterhin auf erhebliche Widerstände. Nach einer ersten Auslegung der Baupläne gehen zahlreiche Einwände gegen das Vorhaben ein. Verkehrsproblematik und der Trinkwasser- und Naturschutz stehen im Fokus.
Das Projekt sieht auf dem früheren Areal des Gutshofs Stocka im Rohrer Ortsteil Bachl auf überplanten 38 Hektar ein Amazon-Logistikzentrum (23 Hektar) an der West- und weitere Firmen an der Ostseite (Panattoni-Park/9,5 ha) vor. Der Marktrat hat sich mit 15:2 Stimmen für eine „Änderung des Flächennutzungsplans in ein Sondergebiet Logistik und einen vorhabenbezogenen Bebauungsplan“ ausgesprochen. Pläne und Gutachten (insgesamt rund 600 Seiten) waren in einer frühzeitigen öffentlichen Beteiligung bis 27. März 2024 erstmals einsehbar.
Noch ist unklar, wie viele Stellungnahmen bei der Gemeinde Rohr eingingen – denn die Frist zur Eingabe wurde bis Freitag, 12. April 2024, verlängert, teilt Bürgermeisterin Birgit Steinsdorfer auf Anfrage mit. Darum hatten unter anderem benachbarte Kommunen ersucht. Erst nach Ablauf der Frist will sich Steinsdorfer äußern. Im weiteren Prozedere muss Rohr die Einwände in einer Markratssitzung beraten.
Rechtsanwälte eingeschaltet
Nach Recherchen der Mediengruppe Bayern gibt es zahlreiche Eingaben: Zwei Bürgerinitiativen, zwei Wasserzweckverbände, der Bund Naturschutz (BN), der Landesbund für Vogelschutz (LBV), politische Parteien sowie Anwohner nahe des Areals melden teils massive Bedenken an. Auch die umliegenden Gemeinden Hausen, Langquaid, Abensberg und Saal a. d. Donau werden Stellungnahmen abgeben. Zunächst befassen sich noch die jeweiligen Gemeindegremien damit. „Wir haben ein Rechtsanwaltsbüro mit der Prüfung der Unterlagen beauftragt“, sagt Langquaids Bürgermeister Herbert Blascheck.
Die „Bürgerinitiative Abensberg und benachbarte Gemeinden“ (BIA) spricht in einer Pressemitteilung von „zahlreiche Ungereimtheiten“ in den Logistikpark-Plänen, beispielsweise „fehlende Gutachten, den Auswirkungen hinsichtlich Verkehrslärmmehrung in benachbarten Ortschaften, massive Lichtverschmutzung im direkten Umfeld, Energieverbrauch sowie CO2-Ausstoß jenseits der vereinbarten Klimaziele“. Insgesamt neun Einwände wurden formuliert.
BI Bachl tritt wieder auf den Plan
Die „BI Bachl/Rohr/Abensberg“ (BIB), die bereits 1992 entstand, als Stocka zu einem Deponie-Standort werden sollte, hat sich „auf einen Punkt konzentriert“, so ihr Vorsitzender Thomas Kopp. Dabei geht es um das Landesentwicklungsprogramm, das für Logistikunternehmen oder ein Verteilzentrum außerhalb von Siedlungseinheiten einen direkten Autobahn-Anschluss oder Zubringer vorschreibt. „Das ist bei Stocka aus unserer Sicht nicht gegeben. Es besteht eine räumliche Nähe zur Autobahn, die Bedingung ist aber nicht erfüllt“, sagt Kopp und schlussfolgert: „Das Projekt darf nicht genehmigt werden.“
Eine Gefahr für das Trinkwasser fürchten die Wasserzweckverbände der Hopfenbachtal- und der Rottenburger Gruppe. Deren Wassereinzugsgebiet erstreckt sich auch über Stocka. „Durch den Verkehr am Logistikpark ist mit Reifenabrieb und Rußpartikel zu rechnen. Dieser Schmutz könnte bei Regen von der Straße in den Karst dringen“, erklärt Marlene Alkofer-Gruber, Geschäftsführerin der Rottenburger Vereinigung. „Damit droht eine Verunreinigung von Hopfen- und Forellenbach“, ergänzt Leo Poschmann, Vorsitzender der Hopfenbachtal-Gruppe.
Mehrere Trinkwasser-Brunnen wären betroffen
Ein geplantes Versickerungsbecken zur Oberflächenentwässerung ist für Poschmann „zu klein dimensioniert“. Bei massiven Starkregen-Ereignissen würde das Becken überlaufen, das verschmutzte Wasser in Karst und Bäche fließen. Mehrere Brunnen wären betroffen – möglicherweise auch der Stadtwerke Abensberg und Kelheim. Tausende Haushalte hätten Beeinträchtigungen. „Die vorgesehene Reinigung muss nachgebessert werden. Wenn wir das selbst übernehmen, explodieren die Trinkwasserpreise“, so Poschmann.
Naturschutzverbände wie BN und LBV gehen im Schulterschluss vor. Laut Vogelschutzbund herrscht um das Projektgebiet „vor allem in den Randbereichen und im unmittelbaren Umfeld eine eindrucksvolle Artenvielfalt. Derartige gewachsene Strukturen sind nicht ausgleichbar.“ Der LBV widerspricht einer vorliegenden Umweltverträglichkeitsprüfung, wonach keine erheblichen negativen Auswirkungen zu erwarten sind. „Es ist das falsche Projekt am falschen Ort“, unterstreicht Kreisvorsitzender Peter-Michael Schmalz.
Anrainer fürchten Lärm und Licht rund um die Uhr
Einwendungen von Bürgern aus dem Ortsteil Scheuern zielen auf Verkehrslärm, Luft- und Lichtverschmutzung und den Wertverlust ihrer Immobilien ab. Petra Riedel wohnt nur 100 Meter Luftlinie vom geplanten Logistikpark entfernt. „Rund um die Uhr würde dort Betrieb herrschen. Wir hätten keine Ruhe mehr.“ Ihr Vater Erich Riedel hat als Eigentümer des über 100 Jahre alten Hofs die Einwände eingereicht.
Projektentwickler wollen auf Anliegen eingehen
Reaktion: „Die Stellungnahmen werden alle sorgfältig geprüft und in den zwingend durchzuführenden Abwägungsprozess einbezogen“, erklärt PR-Managerin Sarah Friedrich vom Projektentwickler Panattoni, der gemeinsam mit Amazon das Vorhaben verfolgt. Man stehe in engem Austausch mit der Gemeinde Rohr und allen relevanten Behörden, ergänzt Friedrich.
Resonanz: Bei großen Bauvorhaben sei es durchaus üblich, „dass gewisse Fragen oder Bedenken bestehen“, so Friedrich. „Die frühzeitige öffentliche Beteiligung trägt dazu bei, die Anliegen der Menschen noch besser zu verstehen und in den Abwägungsprozess einzubringen.“ Unter Berücksichtigung der vorgetragenen Belange werde die Planung weiterentwickelt.