Mann in Neumarkt überrollt: GDL-Experte über die psychischen Folgen von Zugunglücken für Lokführer

Ein Mann stirbt auf den Bahngleisen nahe des Neumarkter Bahnhofs, nachdem er von einem Güterzug überrollt worden ist. Der Lokführer erkennt den Mann, hat aber keine Chance, rechtzeitig zu bremsen. So scheint sich das mutmaßliche Tötungsdelikt am Donnerstagabend zugetragen zu haben. Doch es gibt nicht nur ein Opfer. Auch der Zugführer ist Leidtragender.
Der Mann blieb körperlich unverletzt, erlitt aber einen Schock. Das bestätigte Polizeisprecher Matthias Gröger noch am Abend an der Unfallstelle. Wie es ihm inzwischen geht, ist nicht bekannt. Es gibt aber Erfahrungswerte, weiß man bei der Gewerkschaft der Lokführer (GDL), denn tödliche Unfälle mit Menschen im Gleis sind trauriger Alltag. „770 waren es allein im Jahr 2022, das sind im Schnitt jeden Tag zwei“, fasst es Michael Bublies in Zahlen. Er ist nicht nur selbst Lokführer, sondern bei der GDL Referent unter anderem für die Bereiche Arbeitsschutz und Soziales.
Traumatisierende Folgen auch für Zugbegleiter
Leider passiere es, wie vermutlich im Neumarkter Fall, auch gar nicht so selten, dass Menschen bewusst auf Gleise gelegt werden. Welch traumatisierende Folgen das für die Lokführer, aber auch Zugbegleiter oder Gastronomen im Zugbistro haben kann, darüber mache sich kaum jemand ernsthaft Gedanken, bedauert Bublies. „Wer 50 Jahre Lokführer ist, erlebt im Schnitt zwei solcher Vorfälle. Manche haben Glück und haben gar keinen, es gibt aber auch Kollegen, die hatten schon zehn. Bei mir war es erst einer.“
Wie die Kollegen damit umgehen, sei sehr unterschiedlich. Er macht drei Hauptgruppen aus: Es Kollegen, die von solchen Ereignissen gänzlich unbelastet blieben, die wissen, dass sie nichts dafür können, und ihren Dienst ohne weitere Bearbeitung fortsetzen. Es gibt aber auch das extreme Gegenteil, weiß Michael Bublies: „Ein Drittel kann überhaupt nicht damit umgehen, egal, wie gut die Betreuung oder die Vorbereitung gewesen sein mag. Sie scheiden danach aus dem Berufsleben aus.“
Vorbereitung auf Unglücke seit Jahren Teil der Ausbildung
Bei der dritten Gruppe seiner Kollegen fruchte aber genau diese Bemühung, stellt der GDL-Funktionär fest. Eine gute Vorbereitung und Nachbetreuung sieht er als entscheidende Stellschrauben an, um seine Kollegen kompetent für solche Unfälle zu machen.
Erst seit etwa 15 Jahren sei es Teil der Lokführerausbildung, den Nachwuchs auf solche Vorfälle vorzubereiten. Es gebe entsprechende Trainingstage, bei denen unter anderem Kollegen von ihren Erfahrungen berichten. Doch das reicht nicht, vertritt Bublies den Standpunkt der GDL. Das Thema müsse auch während des weiteren Berufslebens immer wieder aufgenommen werden, in regelmäßigen Schulungen.
Ist es zu einem tödlichen Bahnunfall gekommen, ist laut Michael Bublies die Betreuung des Lokführers ein ganz wesentlicher Faktor: „Wichtig ist, dass sich jemand direkt an der Unfallstelle explizit um den Lokführer kümmert. Es gibt auch ausgebildete Ersthelfer unter den Kollegen. Solche Einsatzlokführer können dann gerufen werden, betreuen den Kollegen vor Ort und können dann auch den Zug übernehmen.“
In Neumarkt war das Kriseninterventionsteam vor Ort
Danach seien die folgenden zehn Tage entscheidend, so Bublies. Da wünscht er sich mehr Engagement von den Bahngesellschaften, denn bislang sei es den Betroffenen weitgehend selbst überlassen, ob sie sich psychologische Hilfe suchen. Und auch ob der Lokführer vor Ort tatsächlich betreut wird, sei längst nicht in allen Fällen sichergestellt.
In Neumarkt sei das immerhin gewährleistet gewesen, informiert das Polizeipräsidium Oberpfalz. Das Kriseninterventionsteam war vor Ort.
Was viele Menschen nicht verstehen würden, so Bublies, sei, dass ein Zug nicht so einfach stehen bleiben könne, zum Beispiel an einem Bahnübergang. Die starke Verzögerung der Bremswirkung zeigt sich auch in Neumarkt: Die Lok kam nahe des ASV-Sportzentrums zum Stehen, das Zugende kurz nach dem BayWa-Gelände. Mehrere hundert Meter Bremsweg seien aber, je nach Geschwindigkeit, Länge und Gewicht, durchaus nicht ungewöhnlich, so Bublies.