Chamer CSU-Abgeordneter in der Ukraine: „Extrem bedrückend und ein großer Auftrag“

Von Johannes Schiedermeier · 5. April 2024 um 19:00

„Es ist extrem bedrückend, aber es ist gut, dass wir uns vor Ort ein Bild gemacht haben und jetzt erzählen können, was wir gesehen haben!“ Der Chamer Landtagsabgeordnete Dr. Gerhard Hopp hat sich am Freitag wieder auf den Weg nach Hause gemacht aus der Ukraine. Er hat zu kämpfen mit den Eindrucken, aber auch klare Vorstellungen, was er jetzt will.

Der europapolitische Sprecher der CSU-Fraktion im Landtag hatte sich am Dienstag mit seinem Fraktionsvorsitzenden Klaus Holetschek auf den Weg über Moldau nach Kiew gemacht (wir berichteten). Dort erlebte er über die App „Kiew Alert“ Luftalarme und den Aufstieg von drei russischen Bombern, die an diesem Tag aber nicht die Hauptstadt als Ziel hatten.

„Es ist extrem bedrückend“

Nach Gesprächen mit dem Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko, von dessen Herzlichkeit und unerschütterlichem Optimismus, Hopp sehr beeindruckt ist, gab es ein Gespräch im Verteidigungsausschuss.

Tags darauf führte die Reise nach Butscha. Die Kleinstadt mit 37 000 Einwohnern wurde in den ersten Kriegstagen von Spezialeinheiten der Russen besetzt. Als sie einen Monat später bei einem Gegenangriff wieder vertrieben wurden, fand die ukrainische Armee 458 Leichen, von denen 419 Anzeichen dafür trugen, dass sie erschossen, gefoltert oder zu Tode geknüppelt worden waren. Sie lagen teilweise gefesselt auf offener Straße, in Gärten, Kellern, Massengräbern und Brunnen.

„Es ist extrem bedrückend“

„Es ist extrem bedrückend“, schildert Hopp. In einer Kirche zeigt ihm ein Priester die ausgestellten Bilder der Grausamkeiten. „Er hatte auch ein Bild seines Mitbruders, der getötet wurde. Wir meinen immer, dass es Kriegsrecht und Menschenrechte gibt. Dort existieren sie nicht“, sagt Hopp. „Das ist alles schwer erträglich. Und dann gehst Du raus und triffst mitten in der Realität unglaublich herzliche Menschen, die diese Realität des Krieges zwar täglich erleben, aber trotzdem angefangen haben, ihre zerbombten Dörfer wieder aufzubauen.“

Ein Beispiel dafür ist Borodjanka, ein Vorort von Kiew, in dem ebenfalls Massaker an Zivilisten verübt worden sind. Außerdem, so erzählt Hopp, habe das russische Militär dort erstmals Streubomben eingesetzt. „Das sieht aus wie in Syrien“, sagt der Abgeordnete. Der Wiederaufbau von Borodjanka hat begonnen und die 20 000 Einwohner-Stadt sucht eine deutsche Patenstadt.

Konkrete Hilfe aus Bayern

Doch der Abgeordnete hat nicht nur Eindrücke mitgebracht, sondern auch ganz konkrete bayerische Hilfsmöglichkeiten ausgelotet. So sollen bayerische Firmen beim Wiederaufbau helfen und Wissen beitragen, dass die Ukraine eine dezentrale Energieversorgung aufbauen kann. „Das ist eine der harten Lehren, die das Land gezogen hat: Große Versorger sind erstklassige Ziele. So versucht Putin, die Ukrainer zu zermürben, indem er der Zivilbevölkerung Wasser, Strom und Energie kappt“, schildert Hopp.

Ganz konkret halfen die Bayern auch einer Initiative für Flüchtlinge innerhalb der Ukraine. Sie hatten sich Tore gewünscht für einen Fußballplatz. Bayern hat geliefert, inklusive Ball. Auch bei der Inklusion von kriegsversehrten Studenten soll geholfen werden. Medizinische Hilfen für 140000 Euro hatten die beiden Abgeordneten im Gepäck. Sie sollen weiter aufgestockt werden.

Am Freitag traten Hopp und Holetschek über Nacht die Rückfahrt an. Zehneinhalb Stunden waren sie unterwegs bis nach Moldau. Dort sprachen sie mit der Vizepräsidentin des Parlaments, Doina Gherman. Die Republik Moldau gilt als eines der nächsten bevorzugten Ziele Putins, der im benachbarten Provinz Transnistrien bereits Truppen stehen hat. Transnistrien hatte sich von Moldau abgespalten und für unabhängig erklärt. Es befindet sich zwischen Moldau und der Ukraine. Hopp berichtet von ständigen Herausforderungen für die kleine Republik Moldau. „Die erleben dort täglich Provokationen und Fake News“, so Hopp.

„Wir kämpfen weiter“

In der Nacht zum Samstag wird Hopp am Flughafen München ankommen. Aus dem Fazit seiner Reise zieht er jetzt schon einen klaren Auftrag: „Es ist gut, dass wir anlässlich des zweiten Jahrestages des Ukrainekrieges selbst dort waren. Jetzt müssen wir daran arbeiten, dass aufgehört wird, alles wegzureden und sich vor den eigentlichen Aufgaben wegzuducken: Die Ukraine braucht jede Hilfe, die sie kriegen kann.“

Für humanitäre Hilfen will sich Hopp in Bayern einsetzen. Für die militärische möchte er eine Initiative der Bundestagsfraktion. Besonders bewegt hat ihn in diesem Zusammenhang die Aussage einer 50-jährigen Politologin in Butscha. Sie ist freiwillig immer wieder an der Front. „Sie hat zu mir gesagt: Wir kämpfen weiter und wir müssen gewinnen. Denn wenn wir verlieren, dann kämpfen wir auch weiter. Gegen Euch. Weil Putin uns dazu zwingen wird.“

Die Herzlichkeit der Menschen in der Ukraine empfindet Hopp als als extrem konträr zur täglichen Realität des Krieges. Hier trifft er die Vizeministerin für Wiederaufbau, Oleksandra Azarkina.