Heimat, wo bist du hin? Bayern-Museum zeigt, wie Megaprojekte dem Land ihren Stempel aufdrückten

Von Marianne Sperb · 6. April 2024 um 15:00

Bewohner des Ottmaringer Tals bei Beilngries schauen 1980 auf den Bau des Main-Donau-Kanals: Die 171 Kilometer lange abgedichtete Rinne verbindet die Flusssysteme des Rhein-Main-Gebiets mit der Donau. Alte Kulturlandschaften sind verschwunden. Foto: Herbert Liedel, Helmut Dollhopf, HdBG

Die Lechkraftwerke, die Isental-Autobahn, der Main-Donau-Kanal: Großprojekte brachten Energie, Mobilität und Wohlstand, kosteten aber qauch einen hohen Preis. „Ois anders“, die neue Bayern-Ausstellung, packt ein zweischneidiges Thema an.

Wenn Richard Loibl durch seine niederbayerische Heimat kurvt, fragt er sich manchmal: Wo ist sie hingekommen? „Früher konnte ich stundenlang durch die Landschaft radeln, ohne einem Menschen zu begegnen“, sagt der Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte. „Oder höchstens einem Bauern am Feld, der mir den Vogel zeigte und fragte, ob ich nix Besseres zu tun hätte.“ Und heute? An den Ortsrändern pilzen Gewerbegebiete aus, dem Baumarkt folgt die Tankstelle, der Schnellimbiss, der Discounter. Einzelhaussiedlungen fressen sich ins Land, vielspurige Asphaltbänder schlagen Schneisen ins Grün, Solarfelder legen sich über Wiesen.

Großprojekte wie die Isental-Autobahn, die Lech-Kraftwerke, das Atomkraftwerk Gundremmingen oder der Flughaben München haben den Freistaat in den Jahrzehnten seit Kriegsende 1945 fundamental verändert. „Das Bayern von früher hat mit dem von heute nicht mehr viel zu tun“, sagt Loibl. „Da wurde ein neues Zeitalter eröffnet.“

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Bauboom und Flächenfraß haben das Land umgekrempelt und der Natur einen hohen Preis abverlangt, aber auch Fortschritt und Wohlstand ermöglicht. Mobilität und Energie waren die Schlüssel und die Treiber im landwirtschaftlich geprägten rohstoffarmen Flächenstaat. „Früher gab’s keinen Rhein-Main-Donau-Kanal, dafür muss ich heute bei Vorträgen jüngeren Leuten erklären, was der Begriff stempeln bedeutet, also: Arbeitslosengeld beziehen“, veranschaulicht Loibl, wie zweischneidig das Thema ist.

„Ois anders“: Unter diesem Titel spürt die neue Bayern-Ausstellung in Regensburg ab 19.April zehn Megaprojekten nach, die zwischen 1945 und 2020 entstanden sind und das Land fundamental verändert haben – wissenschaftlich bilanziert. Das Für und das Wider sind der rote Faden.

In den 1950ern und 1960ern standen wegen Strommangels noch Fabriken still, Kohle in Augsburg war sieben Mal so teuer wie im Saarland – bis Kernkraft als Energielieferant zur Verfügung stand, aus Atommeilern, die nun wieder rückgebaut werden. Der wilde stolze Lech ist heute zubetoniert, Tiere und Pflanzen haben ihren Lebensraum verloren – aber dafür liefert der Fluss saubere Energie. Die brutalistischen Wohnwaben im Regensburger Stadtteil Königswiesen sind eine empfindliche Narbe in der Silhouette der Welterbestadt – aber wer würde bestreiten, wie dringend wir Wohnraum brauchen? Die Isental-Autobahn, über Jahrzehnte erbittert bekämpft, brachte der Wirtschaft moderne Infrastruktur – und zerschnitt eine einzigartige Idylle. Und dem Flughafen mussten im Erdinger Moos Pfefferminzfelder und Dörfer weichen, aber die internationale Verkehrsdrehscheibe ist heute gar nicht mehr wegzudenken.

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Der Main-Donau-Kanal nimmt als Mutter aller Großprojekte den meisten Raum in der Ausstellung ein. Die 171 Kilometer lange abgedichtete Rinne verbindet die Flusssysteme des Rhein-Main-Gebiets mit der Donau und überwindet die europäische Wasserscheide. Aber im Altmühltal sind alte Kulturlandschaften für immer verschwunden. Entlang des Kanals sind Straßen, Bahnstrecken, Brücken, Fahrradwege, Logistikzentren und Häfen entstanden. Heute wird er vor allem für Schwerlast- und Massengüter genutzt, ist aber auch eine touristische Attraktion, die Flusskreuzer, Ausflugsschiffe oder Motorboote befahren.

Den trockenen Stoff vermittelt „Ois anders“ multimedial und interaktiv. Besucher können Bahnschranken bedienen oder sich zurücklehnen und staunen: Der Donau-Saal des Bayern-Museums wird zum Kino. Ein Rundpanorama führt in Filmen die riesenhaften Dimensionen etwa des Kanalbaus vor Augen.

Das Haus der Bayerischen Geschichte beschränkt sich nicht auf den Blick aufs Vergangene, sondern zieht die Linie weiter in die Gegenwart und in die Zukunft. Am Ende des Rundgangs werden Besucher selbst zu Projektierern. Sie entwerfen ein Wohngebiet, wählen, ob sie in die Höhe oder in die Fläche bauen, welche Energie und welche Architektur sie einsetzen wollen. „Ein CO2-Zähler, der mitläuft, gibt ihnen Rückmeldung, ob das Projekt nachhaltig geworden ist“, erläutert Ausstellungsleiter Andreas Kuhn.

„Ois anders“ gibt keine Antworten, sondern stellt Fragen. „Das Ziel ist, dass die Leute ins Gespräch kommen“, sagt Loibl. „Und das geht ganz leicht in dieser Ausstellung, denn bei jedem ploppt was auf. Der Flughafen zum Beispiel, jeder sagt: Ja mei, was täten wir ohne ihn? Das ist auch ein Generationen-Dialog. Ich zum Beispiel komm’ vom Land. Für mich haben Moped und Auto Freiheit bedeutet. Viele 20-, 30-Jährige heute sehen das ganz anders.“

Wie bauen wir morgen? Die Frage hält der Museumschef für entscheidend. „Wir werden nicht ohne Großprojekte auskommen. Davon bin ich fest überzeugt. Wir brauchen sie, schon um den Klimawandel zu bewältigen. Aber wenn wir große Vorhaben nicht anders angehen als in der Vergangenheit, werden sie reihenweise scheitern.“ Bürger beteiligen, multiperspektivische Sichtweisen einnehmen: „Ich glaub’, dass man ganz viel mit den Leuten reden muss, von Anfang an. Die Politik wird den Bürger immer öfter abstimmen lassen. Denn Großprojekte wird man nur im Dialog umsetzen können. Par ordre du mufti – das wird nicht mehr funktionieren.“

Die Wohnblöcke in Königswiesen mit Blick auf den Regensburger Dom Foto: Uwe Moosburger
Blick auf den Bau eines Reaktors am Kernkraftwerk in Gundremmingen Foto: Richard Harlacher
Der Main-Donau-Kanal wird für Massengüter und Tourismus genutzt. Foto: Liedel, Dollhopf
Die erbittert umkämpfte Isental-Autobahn, hier bei der Ausfahrt Lengdorf Foto: Klaus Leidorf