Neue Sammlungsobjekte zu Bayerns Rolle im Ersten Weltkrieg

Als die Welt brannte: Das Haus der Bayerischen Geschichte erzählt anhand von neuen Objekten von Militarismus und Propaganda, Not und kolonialem Erbe.
Zum großen Tag gab es Artischocken und Plumpudding, Feldhuhnpastete, Masthühner und Salat. Kelheim hatte sich herausgeputzt für den Besuch von Kaiser Wilhelm II. am 25. August 1913. Der besuchte die Stadt, um den 100. Jahrestag der Völkerschlacht von Leipzig zu feiern – und das 50. Jubiläum der Kelheimer Befreiungshalle, die zur Erinnerung an die Völkerschlacht errichtet worden war.
Die Ausstellungsmacher vom Haus der bayerischen Geschichte verweisen auf den unübersehbaren Militarismus, den die Mächtigen des Deutschen Reiches dort zur Schau trugen – am Vorabend des Beginns des Ersten Weltkrieges 1914. Auf dem Flyer zur Ausstellung züngeln Flammen am unteren Rand einer historischen Aufnahme des Festzuges aus Kelheim. Die Fürstenschar marschiert ins Feuer: Das passt zum Titel der Kabinettsausstellung „Weltenbrand“, die die Rolle Bayerns im Ersten Weltkrieg beleuchtet. Sie zeigt neu erworbene Objekte, die Schlaglichter auf bayerische Mentalitäten dieser Zeit werfen.
Richard Loibl, Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte, betonte beim gestrigen Presserundgang, die „miserable“ Vorbereitung, mit der die Führung des Kaiserreichs in den Ersten Weltkrieg gegangen sei, sei eine unglaubliche Fehlleistung gewesen: „Es herrschte der Irrglaube, nach einem halben Jahr siegreich zurückzukehren.“ Doch bald wurden Hunger und Rohstoffmangel alltäglich. Das Museum zeigt einen Fahrradreifen, der statt mit Gummi mit Metallspiralen bespannt ist – die Schläuche privater Fahrräder wurden beschlagnahmt. Je mehr Opfer der Krieg forderte, umso schneller verflog in der Bevölkerung die anfängliche Euphorie. Eine Beinprothese und die durchschossene Pickelhaube von Simon Gammel illustrieren eindrucksvoll, dass „das Überleben oft mehr mit Glück als mit Heldenmut zu tun“ hatte, wie es auf einer Tafel heißt. Im Fall von Gammel hatte ein Granatsplitter Helm und Schädel durchschlagen – er überlebte, blieb aber traumatisiert.
Propaganda der Zeitungen
Ein Exponat erzählt auf indirekte Weise vom Antagonismus zwischen Bayern und Preußen: Heinrich Wilhelm Schulze, Kammerdiener von Kaiser Wilhelm II., hatte auf einer Spange Orden aus allen größeren Bundesstaaten gesammelt – außer aus Bayern. Die Ausstellungsmacher sehen das als Zeichen für „den fehlenden Einfluss der Wittelsbacher in Berlin“.
Auch vor bayerischen Kinderzimmern machte die Kriegseuphorie nicht halt: Davon zeugen eine Kinder-Kriegsuniform, ein Spielzeug-Maschinengewehr und die Ausgabe eines „Kriegs-Struwelpeter“, der Kriegsgegner verspottete.
Besonders interessant ist die grafische Sammlung, die der Autor und Sammler Jean Louis Schlim dem Haus der bayerischen Geschichte überlassen hat. Schlim, der mehrere Bücher über die Wittelsbacher verfasst hat, ließ beim Rundgang anklingen, wie schwer ihm die Auswahl fiel – seine Sammlung umfasse 70000 Objekte, darunter einige Tausend aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Die ausgewählten Illustrationen und Titelblätter von Zeitungen und Zeitschriften beleuchten die mediale Darstellung des Krieges. Die Presse war der Zensur unterworfen und verharmloste und verherrlichte den Krieg. So zeigte die „Münchner Illustrierte“ auf ihrem Titel ein Foto mit der Unterschrift: „Deutscher Reservemann teilt sein Mittagsmahl mit hungrigen französischen Kindern“. Dabei werde verschwiegen, dass die Deutschen den Hunger der Franzosen verursacht hatten, sagte Schlim. In einer anderen Ausgabe inszenierte die Zeitung einen deutschen Meldereiter als modernen Ritter mit Pferd, Lanze und Helm und bediente so den Mythos eines „sauberen“ Krieges. Ein anderes Blatt versuchte, die von deutschen Truppen verursachten Zerstörungen belgischer Städte den Belgiern selbst zuzuschreiben.
Einzelne satirische Zeitschriften versuchten der Zensur zu entkommen. „Der Simplicissimus war die frechste Zeitung“, sagt Schlim über die satirische Wochenzeitschrift aus München. 1904 illustrierte sie die Kolonialpolitik des Reiches als Seiltanz über dem Meer. Auch ein kleiner Bayer sei auf dem Bild zu sehen, sagte Schlim – ein Hinweis auf Bayerns koloniales Erbe, das in der bayerischen Landesgeschichte bislang wenig diskutiert werde, wie das Museum konstatiert.
Bayerns koloniales Erbe
In der Ausstellung zeigt ein Film die bayerische Beteiligung am deutschen Kolonialismus. Der Franke Leonhard Körberlein war in der kaiserlichen Kolonialtruppe in der damaligen Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“ im heutigen Namibia am Krieg gegen die Herero und Nama beteiligt, die sich gegen Fremdherrschaft und Ausbeutung wehrten. Eine Fotografie zeigt Körberlein als Kamelreiter. 1919 brachte er in Spiritus eingelegte Skorpione, Insekten und Schlangen nach Bayern mit. Was nach Abenteuerlust und Exotismus aussieht, verdeutlicht die Verheerungen, die diese Zeit für die damaligen Kolonien bedeutete: Der deutsche Generalleutnant Lothar von Trotha befahl 1904 die völlige Vernichtung der Herero und 1905 die der Nama. Bis zu 100000 Menschen verdursteten in der Wüste, starben in Konzentrationslagern oder wurden erschossen. Die Bundesregierung erkannte die brutalen Einsätze der „Schutztruppe“ 2021 als Völkermord an.
Dass das Haus der Bayerischen Geschichte einen Spot auf das Thema lenkt, ist positiv. Noch besser wäre es, auch eine nicht-weiße Perspektive in die Ausstellung einzuspeisen. Auch in Bayern lassen sich heute solche Stimmen finden.
Die Ausstellung:
Intervention: Das Haus der Bayerischen Geschichte präsentiert „Weltenbrand. Bayern im Ersten Weltkrieg“ als Intervention innerhalb seiner Dauerausstellung.
Geöffnet: Ab sofort bis 2. Februar 2025 im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg zu sehen.