Autobauer Audi setzt auf Lastwagen, die sich auf die Schiene bringen lassen

Von Christian Eckl · 4. April 2024 um 19:00

Vom Regensburger Hafen aus führt nun ein Zug nach Ungarn. Das Besondere daran: Der Autobauer Audi aus Ingolstadt hat zusammen mit zwei Unternehmen eine Lösung entwickelt, bei der Lastwagenladungen in wenigen Minuten auf Züge umgeladen werden können. Die Ingolstädter wollen CO2-neutrale Transportwege ausbauen.

Der Zug stoppt. Die grünen Waggons ruckeln etwas. Als sie zum Stehen kommen, drückt der Logistik-Mitarbeiter einen Knopf: Eine Automatik setzt sich in Bewegung. Erst hebt sie den Waggon mit Fracht für das Audi-Werk in Ingolstadt. Dann schwenkt der Waggon aus und wird wieder das, was er eigentlich ist: Ein Sattelauflieger für einen Lastwagen. Dessen Zugmaschine schiebt sich unter den Sattelauflieger, der Lastwagenfahrer verkabelt die Fracht – und schon ist aus dem Güterwaggon für die Schiene ein Sattelzug für die Straße geworden. Das, was am Donnerstag bei Regen im Bayernhafen an der Donau in Regensburg präsentiert wird, dauert keine fünf Minuten und ist eines der innovativsten Logistik-Projekte im deutschen Autobau. Audi hat sich mit dem Logistiker Duvenbeck und dem Start-up Helrom zusammengetan, um den Güterverkehr am Knoten Ingolstadt und Neckarsulm mit Regensburg und dem ungarischen Lébény zu verbinden.

Vorzüge der Bahn nutzen

Dieter Braun ist zuständig für die Lieferketten bei Audi. Der Manager kommt ins Schwärmen: „Hier passiert etwas ganz Neues, etwas ganz Spezielles“, sagt Braun. Audi versuche hier, die Vorzüge des Güterverkehrs auf der Schiene mit den Vorteilen des Verkehrs auf der Straße zu kombinieren. „Bahnhofsunabhängig können wir hier Lkw-Trailer auf die Schiene bringen“, sagt Braun. Kritische Güter-Umschlagspunkte könne man aber auf diese Weise umgehen. Das würde auch den CO2-Ausstoß des Audi-Lieferverkehrs deutlich reduzieren.

Autobauer tun gut daran, sich um den Umweltschutz Gedanken zu machen. Doch das beginnt nicht erst beim Produkt selbst. Denn entscheidend ist nicht nur, wie viel CO2 ein Verbrenner verursacht, die in Deutschland nach wie vor am häufigsten gekauft werden. Auch bei der Produktion von Elektroautos müssen Strecken bewältigt werden. Und wo Verkehr ist, da ist eben auch zumeist Umweltbelastung. Jetzt haben sich drei Unternehmen zusammengetan, um die Abwicklung des Lieferverkehrs umweltfreundlicher zu gestalten. Zusammen mit dem Start-up Helrom und dem Logistik-Unternehmen Duvenbeck hat die Audi AG das neue System vorgestellt. „Energie wird sehr lange ein knappes Gut bleiben“, sagt auch Roman Noack, Vorstandsvorsitzender von Helrom. Die Bahn sei insofern ein wichtiges Transportmittel, um energiesparend zu fahren. „Das Problem ist: Das mit der Bahn funktioniert nicht“, behauptet Noack. „Zumindest nicht für zeitkritische Transporte.“

Zeitkritisch ist in der Autoproduktion naturgemäß alles. In Ungarn hat Audi ein Werk in Györ. Regensburg liegt quasi im Dreieck zwischen Ingolstadt, dem Mutterwerk von Audi, und Neckarsulm in Baden-Württemberg, erklärt ein Sprecher des Autobauers. Die Lastwagen fahren auf der Straße zwischen den Werken und dem Bayernhafen in Regensburg. Dort wird die Fracht auf die Schiene gebracht und Richtung Lébény in Ungarn transportiert. Von dort aus geht es weiter ins Audi-Werk in Györ.

Peter Haselwanger ist Chef der Transportplanung bei Audi. Er erklärt die Strategie des Autobauers. „Wir haben vor, die Bahnanteile in unseren Inbound-Transporten zu erhöhen“, sagt Haselwanger. Für alle Nicht-Betriebswirte: Inbound meint die Logistik innerhalb verschiedener Standorte eines Unternehmens. „Wir wollen defossilisieren, wir wollen raus aus der Diesel-Welt und rein in die Elekrotechnologie mit Einsatz einer Brückentechnik“, so Haselwanger. Ein Werk alleine könne eine Zugverbindung aber nicht mehr stemmen. „Ein Zug muss hin und her fahren, im Idealfall auch ausgelastet und nicht leer“. Deshalb habe man das Projekt in zwölf Monaten auf die Schiene gebracht. „Für ein Bahnkonzept“, scherzt Haselwanger, „ist das extrem schnell“. Pro Woche würden die Transporter 185.000 Kilometer zurücklegen. „Das ist viermal um die Welt“, so der leitende Audi-Angestellte.

Logistik seit 1932

„Uns gibt es seit 1932, seit fast 50 Jahren transportieren wir für die Autoindustrie“, sagt Norbert Joichl von Duvenbeck. In den kommenden zwei Jahren würden 170 Elektro-Lastwagen auf die Straße gebracht. Da das aber Grenzen habe, so Joichl, sei die Verknüpfung mit der Schiene optimal. Dem kann Joachim Zimmermann vom Bayernhafen als Nutznießer nur zustimmen.