Video mit halbnackten Polizisten sorgt intern für Ärger: „Beschämend für unseren Berufsstand“

Von Daniela Laitinen · 4. April 2024 um 15:00

Die bayerische Polizei hat ein Problem: Es herrscht ein „eklatanter Mangel“ an Dienstkleidung. Darauf macht die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) in einem Youtube-Video, in dem zwei halbnackte Beamte zu sehen sind, aufmerksam. Das Echo auf das Video ist groß, aber keineswegs nur positiv.

„Hier wird unser Berufsstand diffamiert.“ „Beschämend.“ „Das Video ist einer Berufsvertretung nicht würdig.“ „Der Nachwuchssuche nicht dienlich.“ Das sind nur einige der Reaktionen, die Andreas Holzhausen von der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Niederbayern in den letzten Stunden auf das Video der DPolG bekommen hat. Dutzende Polizisten aus dem Bezirk hätten sich deshalb bei ihm gemeldet.

„Bayerns Polizei zieht blank“

Es geht um ein Video, das die DPolG bewusst am 1. April veröffentlicht hat. Denn: „Bayerns Polizei „zieht blank“ und könnte buchstäblich ohne Hosen dastehen“, sagt der Vorsitzende des bayerischen DPolG-Landesverbandes, Jürgen Köhnlein. In dem Video sind ein Polizist und eine Polizistin in Unterhosen und mit nackten Beinen zu sehen. „Und, wie lange wartest Du schon?“, fragt ein Polizist seine Kollegin, bevor beide ohne Hose aus dem Streifenwagen steigen. Das mediale Echo auf das Video ist enorm. Die Reaktionen gemischt.

Holzhausen ist nicht begeistert von der Art, mit der die Kollegen von der anderen Gewerkschaft auf diese in der Tat gravierende Problematik hinweisen. „Der Mangel bei der Dienstkleidung besteht, das stimmt. Aber hier wird in erster Linie unser Berufsstand lächerlich gemacht.“ Polizeibeamte müssten Respektspersonen sein, die wenn es hart auf hart kommt, binnen Sekunden über Leben oder Tod entscheiden. „Respekt vermittelt dieses Video sicher nicht.“

Nicht gut fürs Image als Arbeitgeber?

Auch den Einwand mit der Nachwuchsgewinnung findet Holzhausen gerechtfertigt. „Welche Eltern wollen ihr Kind zu einem Arbeitgeber schicken, der nicht mal für eine ausreichende Dienstkleidung sorgen kann?“ Manche Reaktionen in den Sozialen Medien sind ähnlich. Einer kommentiert unter einen Post der DPolG auf Instagram: „Wäre halt besser, das Thema an die heranzutragen, die etwa daran ändern können, statt dafür zu sorgen, dass man sich draußen wieder blöde Sprüche anhören muss - und damit unseren Arbeitgeber als wenig empfehlenswert darzustellen. Großes Kino - nicht“. Andere hingegen begrüßen die Aktion. „Schon stark“ schreibt eine. „Geile Aktion“ nennt es ein anderer.

Laut Holzhausen wundern sich auch viele Kollegen, dass das Innenministerium als Dienstherr die Genehmigung für so ein Video erteilt hätte. Dieses verweist auf Nachfrage der Mediengruppe Bayern an den Pressesprecher der DPolG. „Die Öffentlichkeitsarbeit von Gewerkschaften bewerten wir nicht.“

Video mit Filmausrüstung und Komparsen

Michael Haiß von der DPolG hatte zwar nicht die Idee zu dem Video, wie er sagt, aber zeichnete für die Produktion verantwortlich. Und er winkt ab. Die beiden Polizisten seien Schauspieler. „Streifenwagen und Uniformen stammen von Filmcops eK.“ Die Münchner Firma liefert unter anderem die Ausrüstung für die Eberhofer-Filme, die Münchner Tatorte und auch den Passau Krimi, wie von Andreas Heinzel von Filmcops zu erfahren ist.

„Nie im Leben hätten wir unsere Kollegen so vor die Kamera gestellt“, beteuert DPolG-Landesvorsitzender Köhnlein. Er war und ist sich darüber bewusst, dass dieses Video nicht nur positive Reaktionen hervorruft. Aber: „Seit gut eineinhalb Jahren reden wir, schreiben Mails, bitten um Lösungen - und es tut sich nichts.“ Also mussten härtere Geschütze her. Der 1. April bot sich an, mit so einem provokanten Video an die Öffentlichkeit zu gehen. Das mediale Interesse, dass dieses nach sich zog, gibt ihm Recht.

Köhnlein kann den Einwand, dieses Video schmälere den Respekt vor der Polizei, nur bedingt nachvollziehen und kontert: „Ein Polizist mit einer zerschlissenen Hose oder Löchern im Hemd - hat man vor dem Respekt?“ Er glaubt nicht.

Keine Lieferengpässe bei der Bundespolizei - warum?

In der Tat herrschen seit Jahren Lieferengpässe bei den Uniformen der bayerischen Polizei. Das Innenministerium bestätigt das, nennt es ein „großes Ärgernis“. Zwei Hauptgründe gibt es: Zuerst Corona, dann der Ukraine-Krieg. Köhnlein: „Man muss wissen, dass an der Produktion einer Uniform mehrere Firmen beteiligt sind - Weber, Schneider, Näher.“ Und kaum einer davon sitzt in Deutschland. „Bei Corona kam es vor allem zu Engpässen bei den Stoffen, die großenteils in Asien hergestellt werden. Durch den Krieg fielen viele Schneider aus, die in der Ukraine angesiedelt sind.“ Die bayerischen Uniformen sind Spezialanfertigungen, mit bestimmten Vorgaben für Stoffe und Farbe, Reißverschlüsse, Knöpfe und Lampasse (der hellblaue Zierstreifen an der Hosenseite). Aber, und das ist es was Köhnlein nicht verstehen kann und was ihn ärgert: Auch die Uniformen der Bundespolizei haben ihre Vorgaben - dort gibt es aber keine Mangel. Die Beamten des Bundes haben ausreichend Kleidung, können diese auch immer ohne lange Wartezeiten nachbestellen.

Davon können bayerische Polizisten - wie im Übrigen auch die Kollegen in Bremen oder Berlin - nur träumen. Wenn hier eine Hose oder ein Hemd beim zuständigen Logistikzentrum Niedersachsen in Hamm geordert werde - dauere es teilweise bis über ein Jahr, bis dieses dann geliefert werde. Da hilft es auch nicht, dass jeder Beamte pro Jahr bis zu 270 Euro für Bekleidung zur Verfügung hat - er kann sie nicht einlösen.

Das Innenministerium verspricht mittelfristig Abhilfe. Ab 2030 werde die bayerische Polizei die Uniformbeschaffung wieder selbst übernehmen. Dafür werde der Staat ein Logistikzentrum in Hof errichten. Der Endausbau soll bis etwa 2030 abgeschlossen sein. „Mit der Beschaffung der Dienstkleidung können wir frühestens ab 2027 starten“, heißt es aus dem Ministerium von Joachim Herrmann (CSU).

Uniformen aus der Tauschbörse

Und bis dahin? „Es gibt interne Tauschbörsen für Uniformen und Ausrüstung, damit behelfen sich die bayerischen Polizisten derzeit“, so Köhnlein. Oder die Beamten müssen dann irgendwann in „Räuberzivil“ zum Dienst erscheinen, etwa in Jeans statt dunkler Uniformhose. Darf er das? „Eigentlich nicht. Aber wenn der Dienstherr die Ausrüstung nicht stellt - was soll er tun?“