Der Gast hat das Sagen: Rührei ist im Landhotel Gruber in Waldmünchen nicht einfach Rührei

„Die Eierfrage...“. Evi Wagner lächelt und legt eine kunstvolle Pause ein. Hunderttausende Male hat sie sie schon gestellt. Als zweite, nach dem sie sich nachdem Wohlbefinden ihrer Gäste erkundigt hat. So beginnt der Urlaubstag in Herzogau, so beginnt manch anregendes Gespräch – und so tut sich manche Überraschung auf.
Die ältere Dame, die an diesem Tag den ersten Ausblick und das Frühstück genießt, bekennt sich gleich. Früher habe sie selbst Hühner gehabt, noch heute gelte das geflügelte Wort: Wenn weniger als 20 Eier im Kühlschrank sind, „stimmt was nicht.“
Rührei ist im Landhotel Gruber nicht einfach Rührei. Aktuell gibt es eine Frühlingsvariante, aber natürlich darf der Gast seine Lieblingsvariante zusammenstellen: Käse, Schinken, Lauch ...
Gebruzzelt wird in der Früh auf der Kochplatte statt auf dem großen Gasherd. Schnell, unkompliziert, die Mikrowelle zum Anwärmen der Teller (ein Muss) in greifbarer Nähe.
Dann die Überraschung: Bettina Bindl, die seit rund einem Jahr mit Evi Wagner den Frühstücksservice schmeißt (und für Wagner „ein Glücksfall“ ist), wendet das leicht mit Pfeffer und Salz vorgewürzte Ei rasch vier, fünf Mal und nimmt die Pfanne vom Herd. „Damit es feucht bleibt, es zieht ja ohnehin weiter“, erklärt die gelernte Hotelfachfrau. Bedeutet: Lange Verweildauer ist gleich trockenes Rührei.
Am liebsten weich
Wobei es Kunden gäbe, die genau das wollten, die seien aber die Ausnahme. Wie auch beidseits gebratene Spiegeleier sowie der Griff zu Salz und Pfeffer auf dem gekochten Ei – Favorit, wenig überraschend: weich.
Geschätzt um die 3000 Eier verarbeiten sie pro Jahr, überschlagen Wagner und Bindl. Sie kommen aus Mitterkreith und damit wie alle frischen Lebensmittel aus der Region, für Evi Wagner aus Überzeugung eine Selbstverständlichkeit wie der Einkauf im Handwerksbetrieb oder beim Direktvermarkter. Mit Ausnahme von Pommes und Kroketten ist alles selbst gemacht, fügt sie noch ganz stolz hinzu.
Wagner selbst? „Das klassische Frühstücksei“, verrät sie. Und das, obwohl Enkel Nico – der das Hotelfach gerade erlernt – eine andere Feststellung getroffen hat: Die Oma macht das beste Rührei der Welt; und das auch nachmittags um halb drei, wenn man da erst aufsteht... Bettina Bindl, selbst Hühnerhalterin, hat eine andere persönliche Prämisse: Hauptsache weich. Bedeutet: Hart gekocht und/oder kalt geht für sie gar nicht. Wie auch nicht warmgehaltene Eiermasse, wie in manch anderem Hotel zu finden. „Da verzichte ich“, lächelt die Fachfrau.
Für die Abendverpflegung – in deren Genuss nur (noch) Hotelgäste kommen – kümmert sich Wagners Nichte Ingrid. Es gibt á la carte oder Menü die Qual der Wahl aus den stets vier Hauptgängen: oft inbegriffen Fisch (drei bis vier Mal pro Woche), ein Fleischgericht „ohne Schwein“ oder vegetarisch.
Jans Lieblings-Omelette
Verschiedene Eierspeisen finden sich auf der „regulären“ Speisenkarte, unter anderem „Jan‘s Lieblingsomelette “. Wer ist Jan? „Das hat ein Holländer erfunden, der über viele Jahre Stammgast war“, erklärt Evi Wagner die sehr deftige Variante mit Zwiebeln, Käse, Schinken und Champignons. Bestellt wird es gern von (Goldsteig-)Wanderern, die sich nach doch oft schnitzellastigen (nicht despektierlich gemeint) Unterkünften über Abwechslung freuen würden. Die ordern zudem gerne Kaspressknödel, eine herzhafte Spezialität aus Semmelknödelteig – natürlich mit Ei(ern).
Dass alles selber gekocht und zubereitet wird, macht das 24-Betten-Haus für besondere Ansprüche attraktiv. Längst gibt es einen Vorrat an Milchersatzprodukten und solche, die bei Nahrungsunverträglichkeiten herhalten müssen. Selbst mit Ei-Ersatz haben die Fachfrauen schon (gute) Erfahrungen gemacht. „Solange man selber kocht, geht vieles“, betont Evi Wagner und erinnert sich an eine der größeren Herausforderungen: Das Kind so ziemlich gegen alles allergisch, die Mutter Veganerin.
Bettina Bindls Rühreier müssen an diesem Frühstücksmorgen eine besondere Prüfung bestehen. Unter den Gästen ist eine Gastronomin. „Lob aus diesen Kreisen wiegt doppelt“, ordnet Evi Wagner ein, die den 1954 als Gasthaus gegründeten Betrieb 1990 von ihren Eltern übernommen hat. Die Auflösung überrascht wenig: „Toll!“, lautet das Urteil der Expertin aus Oberbayern.
Das Frühstücksangebot am Büffet wird sich an den Ostertagen kaum ändern, „bei uns ist jeder Tag außergewöhnlich“, lächelt Evi Wagner. Aber natürlich gäbe es ein paar bunt gefärbte Eier, Hefegebäck und eine kleine Überraschung auf den Tischen.
In der Karwoche ging es relativ beschaulich zu, ganz bewusst, „der Enkel war da“ , erzählt die Herzogauerin noch ganz beseelt. Längst teilt sie es (sich) so ein, dass es passt. Mit der Buchungslage und der Nachfrage ist sie zufrieden, in den nächsten Tagen sind nahezu alle zwölf Zimmer belegt.
Aber: Von nichts kommt nichts. Gleich nach Ostern will sie die Sanierung der Terrasse angehen. Gemäß der Devise „Immer am Ball bleiben“, für die ihr ihr Mann eine lange Liste hinterlassen hat. „Alles hier trägt seine Handschrift“, sagt sie mit einem Anflug von Traurigkeit. Ihr Peter, er fehlt.
Wagner freut sich auf ihre Gäste und deren Geschichten. Erst kürzlich hatten sich Schweizer eingebucht, auf der Rückreise aus Finnland, wo sie ein halbes Jahr gearbeitet hatten. Viele schöne Anekdoten spült die unmittelbare Nähe zum Goldsteig-Wanderweg an, erzählt die Inhaberin.




