Aufgeklebte Fanliebe: Der Jahn ist der Platzhirsch an den Laternen und Masten in Cham

Von Christoph Klöckner · 26. März 2024 um 14:00

Im Sommer 2023 waren es die Klimakleber, die bei vielen für Unmut sorgten, wenn sie sich auf viel befahrenen Straßen auf den Asphalt festklebten. Davor ist die Stadt Cham verschont geblieben – aber nicht vor anderen Klebern, die regelrechte Revierkämpfe um die Chamer Laternenmasten auszutragen scheinen.

Deren Überbleibsel sind zwar meist bunt, aber deshalb nicht unbedingt schön anzuschauen. Zumal – je nachdem, wer da gerade geklebt hat – der nächste mit anderen Präferenzen sich gleich bemüßigt fühlt, einen anderen drüberzupappen.

Wobei es letztlich immer eines bleibt, wenn auch im überschaubaren Rahmen: Sachbeschädigung. Und die kann durchaus teuer werden, wie bundesweite Gerichtsurteile zeigen. Als Kavaliersdelikt wird das nicht gesehen – mehrere Hundert Euro kann das kosten. „Wir stellen bei jedem Aufkleber Anzeige gegen Unbekannt“, sagt Bürgermeister Martin Stoiber.

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Nach seinem Wissen bislang ohne Erfolg – so richtig habhaft ist die Stadt den unbekannten Klebern noch nicht geworden. Wobei der Sachschaden gering und mehr in Arbeitszeit zu messen ist. Denn natürlich sind die Aufkleber eine Arbeitsbeschaffung für Menschen, die die Stadt sauber halten und eigentlich damit genug zu tun haben, wie etwa die Beschäftigten des Stadtbauhofs.

Die rücken den Stickern ab und zu mit Spachteln und anderem zu Leibe, doch gegen die Flut der bunten Bilder haben sie kaum eine Chance. Die Kleberei konterkariert auch die Bemühungen des Bürgermeisters, die Stadt attraktiver zu machen. Ähnlich wie wilde Graffiti hinterlassen die Kleber eher ein Bild der Vernachlässigung.

In drei Bereiche lassen sich die bunten Bilder sortieren: Fußball, Politik oder Werbung – zum Teil auch in Kombination. In Cham sind es vor allem Fußballfans, die ihren Lieblingsverein mit oder ohne Motto an die Masten und Regenrinne kleben. Damit verbindet sich unter den Freunden des Ballsports auch ein Revierkampf, den Fußballfans vor allem rund um und in den Stadien ausleben.

Wer ein Bundesligaspiel besucht, braucht nicht lange zu suchen, um zu sehen, welcher Couleur der war, der hier vorbeilief. In Cham ist es das Rotweiß des Jahn aus Regensburg, der hier im Kampf um jeden Laternenmast optisch die Nase vorn hat, knapp gefolgt von den Mia-san-mia-Bayern aus der Landeshauptstadt, während die meist überklebten blauen Sechziger kaum eine Rolle spielen.

Da ist eine andere Mannschaft mit gleicher Farbe dominanter: die Stuttgarter Kickers. War da ein Gast in der Stadt oder gibt es hier wirklich Kickersfans?

Während die Sticker-Werbung marginal ist, gibt es einige politische Statements – vor allem gegen Rechts. Ein Überbleibsel scheint dagegen der mit dem Motto „Refugees welcome“ zu sein, ebenso wie die Friedenstaube und dem Appell: „Raus aus der NATO!“. Er stammt aus der Zeit, bevor Russland die Ukraine überfiel. Und völlig aus der Zeit ist der Sticker der Bandiera Rossa Ratisbona eines Arbeiterbundes für den Wiederaufbau der KPD.

Gleich ein ganzes Gedicht für den FCB – und Blau überklebt...
Aufkleber über Aufkleber: Platzhirsch ist hier der Jahn, egal in welcher Liga... Fotos: Klöckner
Der Biber mit seiner Botschaft an der Schuegrafstraße
Skurril, das hier zu finden: Ein Kleber des „Arbeiterbundes“ für die Wiedergründung der KPD.
Auch das ein seltenes Bild: Stuttgarter Kickers am Mast
Ein Bild von Anfang 2022, als der Ukraine-Krieg erst gerade begonnen hatte – damals wollte einer aus der NATO.
Heimatgefühle der Bayern-Fans: Bier mit Ball
Da hat schon einer dran geknabbert, an der Solidarität.