Hallenbad-Lieferanten queren Pausenhof : Mutter rettet Mädchen in Cham vor 7,5-Tonner

Das hätte fast in einer Katastrophe geendet: Gerade noch konnte eine Mutter ein kleines Mädchen vergangenen Donnerstag von einem Lastwagen zurückzerren. Auf dem Pausenhof der Grundschule. Der Lieferverkehr zum Hallenbad gefährdet die Kinder, sagt Matthias Liebl, selbst Vater eines Grundschülers.
Schon mehrmals hat Liebl beobachtet, wie Großfahrzeuge das Schulgelände befahren – auch zu Pausenzeiten oder zum Unterrichtsende.
Zu Schulschluss für einen Teil der Kinder um 11.15 Uhr passierte auch, was der Chamer Mutter eine Woche später immer noch in den Knochen steckt. Sie hatte ihre Tochter von der Schule abgeholt und wollte mit ihr den großen Lastwagen abwarten, der vom Schulhof zurück auf die Bürgermeister-Vogl-Straße einbiegen wollte und wegen Fußgängern auf dem Bürgersteig anhalten musste. Bei der Anfahrt des Lkw rannte auf einmal eine Schülerin vor die Räder. „Ich habe sie reflexartig gepackt und zurückgezogen“, erinnert sich die Mutter. Der Lastwagenfahrer hätte keine Chance gehabt, das Mädchen zu sehen.
„Im falschen Film“
Liebl berichtet von ähnlichen Situationen, wo er Lastwagen über den Pausenhof nach hinten zum Hallenbad fahren sah. Schon im Januar habe er deshalb die Schule informiert; die Schulleiterin habe ihm versichert, er spreche ihr aus der Seele; kurze Zeit darauf habe es einen Elternbrief gegeben.
Unter anderem mit Anweisungen, dass die Eltern beim Abholen der Kinder den Seitenstreifen nicht benutzen sollten und auch der Lehrerparkplatz vorne an der Straße nicht befahren werden sollte. Das Problem mit den Lastwagen bestand aber weiterhin, sagt Liebl, der im Februar eine zweite Mail an die Schule schickt – „da fahren große Postautos ein und aus und Riesenlaster. Oft auch rückwärts und ohne akustische Warnung. Ich denke, ich bin im falschen Film.“ Der Vorfall in der vergangenen Woche hat Liebl darin bestärkt, nun auch andere Eltern zu informieren und an die Öffentlichkeit zu gehen. „Es muss sich etwas ändern. Eltern müssen wachgerüttelt werden.“
Kinder erkennen die Gefahr nicht
Elternbeiratssprecher Wolfgang Bernhard hat inzwischen wie Liebl das Gespräch mit den Verantwortlichen gesucht. „Die Kinder flitzen nach Unterrichtsende zum Bus, die sind noch zu klein, um die Gefahr auf dem Schulgelände zu erkennen.“ Bernhard drängt auf eine Lösung des Problems, hat deshalb bei der Stadtverwaltung nachgefragt, die sowohl für Hallenbad wie auch für Grundschule verantwortlich ist.
Die Sperrung der Schleinkoferstraße, in der normalerweise die Busse abfahren, habe die Situation noch verschlimmert. Liebl stellt klar: Der Vorfall letzte Woche „hinterlässt mich als besorgten Vater zutiefst entsetzt und wirft erneut die Frage auf, warum erst beinahe tragische Ereignisse eintreten müssen, bevor angemessene Maßnahmen ergriffen werden.“ Auch Bernhard fordert, dass die Stadt schnellstmöglich eine Lösung findet.
Einzigartig in Bayern
Doch in der Chamer Verwaltung ist man selbst hilflos, räumt geschäftsführende Beamtin Sigrid Stebe-Hoffmann ein. „Wir sind in einer misslichen Lage mit dem Alleinstellungsmerkmal in Bayern, dass wir eine geteilte Zufahrt Hallenbad und Pausenhof haben.“
Eigentlich würden alle Lieferanten schon bei der Bestellung darüber informiert, dass sie bestimmte Zeiten zur Anfahrt einhalten sollten. „Aber die halten sich einfach nicht daran“, sagt Stebe-Hoffmann. Zum zweiten soll der Lieferverkehr eigentlich zunächst an der Schranke halten „und dann aufs Knöpfchen drücken und warten, bis jemand kommt und ihn einweist“. Doch weil inzwischen viel zu viele Personen den Code für die Schranke kennen, könne nur noch schlecht überwacht werden, dass die Schranke auch stets wieder geschlossen werde.
Lösungsansätze gesucht
„Die Schranke steht die meiste Zeit offen“, räumt Stebe-Hoffmann resigniert ein. Gleichzeitig verstehe sie die Ängste der Eltern. „Dass die Eltern sich sorgen, ist völlig klar. Die Kleinen rennen nach Schulschluss wie die Wilden zum Bus, das kann man denen nicht vermitteln, dass sie viel besser aufpassen müssen. Wir müssen uns noch einmal mit der Bautechnik zusammensetzen.“ Vielleicht finde jemand eine Lösung. „Daran ist allen gelegen. Wir sind uns der Verantwortung bewusst.“
Neben den Lieferungen für das Hallenbad – vom Chlor bis zur Pipette – befahren auch regelmäßig Postautos, Cateringfahrzeuge oder Lieferanten für die Schule das Gelände, haben Eltern beobachtet. „Vielleicht könnte man den Lieferverkehr beim oberen Schulgebäude gegenüber dem Fraunhofer Gymnasium halten lassen und die gelieferten Waren mit einem Hubwagen zum Hallenbad transportieren“, versucht Liebl einen Lösungsansatz.
Retterin hofft auf Lösung
Bei der Stadt habe man ihm im Gespräch signalisiert, dass man sich zusätzlich Schulpersonal oder Eltern als Aufsicht vorstellen könnte. Elternbeiratsvorsitzender Bernhard findet das wenig zielführend: „Das ist ein Problem der Stadt, das können doch nicht andere auffangen.“
Die Mutter, die am Donnerstag geistesgegenwärtig das kleine Mädchen gerettet hat, ist immer noch geschockt. Ihre eigene Tochter, die sie an diesem Tag nur ausnahmsweise von der Schule abgeholt hat, wird sie in nächster Zeit nicht mehr allein nach Hause gehen lassen.
Gleichzeitig sagt sie auch: „Das kann nicht dauerhaft die Lösung sein, dass alle auf einmal ihre Kinder nur noch abholen.“ Aber die Gefahr sei allgegenwärtig: „Der Lastwagenfahrer hatte gar keine Chance, das Mädchen vom Führerhaus aus zu sehen.“
Matthias Liebl fordert ganz klar: „Fahrzeuge dürfen keinesfalls mehr den Schulhof befahren.“