Grünen-Politiker, Landratskandidat, Mahner: Gerhard Weiherer ist tot

Von Christoph Klöckner · 20. März 2024 um 15:00

Der langjährige Grünen-Kreisrat wie mehrfache Chamer Landratskandidat Gerhard Weiherer ist jetzt im Alter von 78 Jahren verstorben.

Erst kürzlich war Gerhard Weiherer wieder Thema – bei einem Gespräch mit dem ehemaligen Chamer Landrat. Theo Zellner bedauerte in der Rückschau, dass er und seine Partei den Mahner und Warner Gerhard Weiherer nicht ernst genug genommen hätten mit seinen Vorhersagen – die Zeit sei dafür nicht reif gewesen.

Es ist das Los der Propheten, im eigenen Land kein Gehör zu finden. So war es auch bei Gerhard Weiherer, der als Volkswirt und Berufsschullehrer immer wusste, wovon er sprach, wenn er die Bedrohung durch den Klimawandel ansprach, auf den Club of Rome verwies und zu dezentraler Energieversorgung aufrief – das, was heute nun, Jahrzehnte später, der Landkreis gestartet hat.

Mit Hohn und Spott bedacht

Dinge, die schon zu seiner Zeit als Kreistagspolitiker der Grünen wissenschaftlich fundiert waren, die jedoch die Mehrheitsfraktion und manche der anderen im Kreistag vertretenen Parteien nicht hören wollten. Dafür hatte Weiherer einiges einzustecken – Hohngelächter war dabei noch das geringste, Verunglimpfungen waren durchaus üblich. Und das zu einer Zeit, wo die Grünen weder auf Bundes– noch auf Landesebene auf Regierungsbänken saßen. Dennoch fiel es den CSU-Vertretern schwer, diese demokratisch gewählte Opposition, die oft die einzig hörbare im Kreistag war, zu akzeptieren.

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Erste Schritte wagte er gemeinsam mit Gerhard „Hupferl“ Schmidt, der ihn für die Grünen begeisterte, und Manfred Hruby im Landkreis für die Grünen – und wurde wie die Mitstreiter schnell zum roten Tuch, vor allem für die Schwarzen. Denn er ließ sich trotz Zwischenrufen und Beleidigungen nicht davon abhalten, mit teils ellenlangen Erklärungen die Finger in die Wunden der CSU-dominierten Landespolitik, aber auch der auf Lokalebene, zu legen. Seine Themen waren breit gestreut, neben dem Naturschutz, der Energie- und Sozialpolitik waren es Bildungs- Gesundheits- und Wirtschaftsthemen, die den Grünen Weiherer beschäftigten.

„Er hat wichtige Pionierarbeit geleistet“

Er sei einer der Vorgänger im Landkreis Cham gewesen, der den Grünen den Weg geebnet habe, sagt Stefan Christoph, der mit Weiherer den Kreisvorsitz der Grünen innehatte und heute Grünen-Stadtrat in Regensburg ist: „Er hat wichtige Pionierarbeit geleistet, hartnäckig und notwendig.“ Dabei habe Weiherer Themen vertreten, die heute aktueller denn je seien.

Der Rodinger „Fundi“, der auf grünen Grundwerten wie etwa Anti-Atomkraft beharrte und seine politische Heimat auch in einer Friedenspartei sah, hatte eine dicke Haut, die wenig Schmach durchließ. Nur selten wurde er im Kreistag laut, um sich Gehör zu verschaffen – ohne letztlich im Wesentlichen verstanden zu werden. Dabei wollte er für seine Heimat nur das Beste. Das würdigte der Landkreis im Kreisehrenzeichen in Silber, das er zum 25-jährigen Jubiläum im Kreistag erhielt – dem er ab 1990 insgesamt fast 30 Jahre angehörte.

Stets kritisch, aber immer in dem ehrlichen Bemühen, die Lebenssituation der Menschen im Landkreis zu verbessern, habe er die Entwicklung der Heimat in den vergangenen 25 Jahren begleitet, hieß es in der Laudatio von Landrat Franz Löffler.

„Gerhard Weiherer war ein hochengagierter Politiker“, so Franz Löffler in einer aktuellen Würdigung. Er habe seine Überzeugungen und Standpunkte als Fraktionssprecher Bündnis 90/Die Grünen im Kreistag stets standhaft und unbeirrbar vertreten, aber immer sachlich und fair, erinnert Löffler: „Dadurch hat er einen wichtigen Beitrag zur demokratischen Meinungsbildung geleistet. Es waren nicht zuletzt seine Wortmeldungen, die dafür Sorge getragen haben, dass der verantwortungsbewusste Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen und die Bewahrung unserer schützenswerten Umwelt bei den Entscheidungen im Kreistag immer ausreichend gewichtet wurden.“ Er habe sich sehr kompetent bei der Neuordnung der Berufsschullandschaft im Landkreis eingebracht und damit an den Rahmenbedingungen für den heutigen hohen Stellenwert der beruflichen Bildung in unser Region mitgewirkt.

2001 trat er um den Landratsposten an

„Wir kontrollieren, attackieren und leisten Widerstand“, so drückte es 2001 Weiherer selbst aus, als er um den Landratsposten antrat. Es gelte einfach, immer weiterzumachen, um Veränderungen voranzutreiben. Und einmal landete er sogar einen Achtungserfolg für die Grünen. Das gelang ihm 2008 bei der Wahl um den Chefposten im Landkreis. Theo Zellner war wieder für die CSU angetreten – das beherrschende Thema war die Umstrukturierung der Krankenhauslandschaft durch den CSU-dominierten Kreistag. Und vor allem für den Krankenhausstandort Roding, der Heimat Weiherers, sah es duster aus. Weiherer nahm die Position für Roding ein – das Krankenhaus und das Thema Gesundheit sei nicht verhandelbar.

Viele Rodinger gaben ihm daraufhin ihr Kreuzchen und dem amtierenden Landrat damit die gelbe Karte. Er bekam sagenhafte 45,82 Prozent in der Stadt, in Falkenstein und Stamsried noch satte 22 Prozent und erreichte im Landkreis einen Schnitt von fast 19 Prozent.

Politisches Archiv angelegt

Nach dem Ausscheiden aus dem Kreistag zog er sich auch aus seiner Partei zurück und baute im Ruhestand sein Haus in Mitterdorf zum politischen Archiv für Zeitgeschichte um. 2020, als er seinen 75. Geburtstag feierte, waren bereits 4000 von ihm kommentierte Themenseiten zusammengekommen. „Ich will dem, der das einmal in 30 oder 40 Jahren liest, erklären, warum das so gelaufen ist“, sagte er dazu.

Bei der Beerdigung seines Chamer Vorbilds und Mitstreiters für die grüne Sache, Gerhardt Schmidt, beschrieb ihn Weiherer mit den Worten: „Ich muss es sagen, weil es wahr ist: Er wurde von den meisten Kreisräten als unbequemer Visionär und Utopist verlacht und verspottet. Er schreckte vor keiner Obrigkeit zurück!“ Gleiches lässt sich heute über ihn sagen.

Erste Reihe, vom Landrat aus links – da saß Gerhard Weiherer. Foto: Klöckner/Archiv