Strom für die eigene Steckdose: Die Energievision für den Landkreis Cham

Wer schon in Kreistagssitzungen vor gut 20 Jahren saß, der kann sich an diese Szenen erinnern, etwa wenn der damalige Grünen-Kreisrat Gerhard Weiherer in rethorisch schwieriger Darbietung von dezentraler Energieversorgung und Klimawandel referierte. Dann waren manche auf der anderen Seite der politischen Bühne kaum zu halten vor Gelächter und Hohn.
Der Prophet im eigenen Land machte da seine bittere Erfahrung, dass er hier nichts gilt. Und dennoch ist vieles von dem, was er da deklarierte, bis heute auf diese andere Seite gewandert. Wer von Klimawandel und dezentraler Energieerzeugung spricht und Visionen dazu hat, der braucht im Kreistag keinen Hohn mehr erwarten. Und wenn der Landrat diese Visionen ausgibt, erst recht nicht.
Kommunen für Konzerne
So war es jetzt am Montag bei der Umwandlung der Regionalwerke Landkreis Cham in ein gemeinsames Kommunalunternehmen mit möglichst allen Landkreiskommunen ein ruhiger Gang in die Abstimmung, die das etwas kompliziert wirkende Konstrukt als Mittel zur angestrebten Energiesicherung der Zukunft absicherte. Es gebe keine Vorlage für solch ein Unternehmen, betonte Landrat Franz Löffler. Doch was er als Vision mit baldiger Verwirklichungsgarantie skizzierte, soll den Energiemarkt auf den Kopf stellen. Statt der Konzerne und ihres Preisdiktats sollen künftig die Kommunen als Herzen der Energieerzeugung den Strom ins Land pumpen, um die eigene Wirtschaft und die Chamer Bürger mit Strom zu versorgen.
Franz Löffler sieht sich fast zum Handeln gezwungen – zumindest beschreibt er das so. Denn zum einen stehen den Kommunen die Investoren auf den Füßen, um Flächen pachten und mit Photovoltaik belegen zu können. Doch deren Strom gehe dahin, wo am meisten dafür bezahlt werde, etwa in Ballungsräume.
Zum anderen malt Löffler aus den Erfahrungen der jüngsten Zeit heraus ein Bild des Mangels an Energie, so dass nur dorthin geliefert werde, wo viel teurer Strom abgenommen werde. Die Wirtschaft im Landkreis werde abgehängt, da ihnen der Strom am Land fehle. Die Lösung seien die Regionalwerke, in denen die Kommunen ihre Kräfte bündeln, um Energie zu produzieren und regional weiterzuverkaufen.
„Energie ist das zentrale Thema der Zukunft“, betonte der Landrat vor den Kreisräten. „Doch was passiert mit der bei uns produzierten Energie?“ Der Landkreis wolle die Option erhalten, diese Frage selbst einmal beantworten zu können. Ziel sei ein regionaler Energiekreislauf. Die zweite Stufe seien nun die Kommunen als künftige Bauherren der PV-Freiflächenanlagen und Windkrafträder. Um das richtig zu machen, habe man sich eine auf Unternehmensorganisation wie auf Energiefragen spezialisierte Beratungsfirma, die BBH, aus München dazu geholt.
BBH-Vertreter Oliver Eifertinger, der mit seiner Kollegin Christine Wenzl angereist war, die im Übrigen gebürtig aus Cham ist, stellte das Konstrukt vor. In den Werken sind jetzt je anteilig zu 50 Prozent der Landkreis wie die Kommune des Landkreises dabei, soweit sie wollen. Je Einwohner zahlt der Landkreis drei Euro und jede beteiligte Kommune drei Euro, um einen finanziellen Grundstock zu erhalten. Sieben Jahre lang fließt somit aus der Landkreiskasse knapp 400000 Euro Richtung Regionalwerke. Gleiches zahlen die Mitgliedskommunen dazu.
Mit dem Geld sollen Anlagen in den Regionalwerken zur Planreife gebracht werden. Die fertigen Planungen kaufen dann die Kommunen von den Regionalwerken, starten eine „Projektgesellschaft“ und bauen damit die Anlagen.
Durch diese Einzweckgesellschaften gebe es immer nur ein Risiko für eine Anlage. Gerechnet wird mit zehn bis 15 solcher Projektgesellschaften in den nächsten zehn Jahren. Ein Haken könnte die Minderheitenbeteiligung sein, die Investoren nicht schmecken könnte.
In der Diskussion betonte der Sprecher der Chamer Bürgermeister, Kreisrat Michael Multerer, dass es eine Stromlücke von zehn bis 15 Jahren zu schließen gebe, da Atomkraft weg sei. Ein Ausbau auf regionaler Ebene in regionaler Hand bringe Preisstabilität, sei Wirtschaftspolitik im Sinne der Unternehmen. Ähnlich sah es Kreisrat Max Schmaderer, wobei der eine zentrale Biogasanlage forderte – für die Wärme- und Energieplanung. Kreisrat Karl Holmeier sprach von „Neuland“, doch sei das der richtige Weg.
Zweierlei Paar Stiefel?
Wobei die größte Herausforderung der Netzausbau durch die Bayernwerke sei, „doch es gibt keinen anderen Weg!“ Damit sprach er eine Sache an, wo es am Ende doch ums Handeln eines Konzerns, eben E.ON, geht. Auf dessen Ausbau sind die Regionalwerke und Kommunen angewiesen. Darauf ging Landrat Löffler ein. Es gelte für die Bayernwerke, die Netzinfrastruktur und hier allein 350 Umspannwerke neu zu bauen. Zahlen müsse das der Verbraucher – und zwar dort, wo viel um- oder ausgebaut werde – das Land und nicht der Ballungsraum.
„Das ist eine Unwucht. Da muss über die Bundesnetzagentur reformiert werden“, so Löffler. Grünen-Kreisrat Michael Doblinger erinnerte daran, dass Ministerpräsident Markus Söder, als der Norden Deutschlands mit seinem Windstromausbau die Lasten tragen musste und eine gerechtere Verteilung übers Netzentgeld wollte, dagegen gesprochen habe. Löffler meinte zwar, das seien „zwei Paar Stiefel“, doch gab er zu, dass die Küste besonders betroffen sei.
Wie soll das funktionieren?
Regionalwerke: Die jetzt als gemeinsames Kommunalunternehmen aufgestellten Regionalwerke sollen einmal günstigen Strom an Bürger und Wirtschaft im Landkreis verkaufen. Doch wie soll das laufen?
Idee: Einfach erklärt sind die Regionalwerke, die zur Hälfte den Landkreiskommunen und zur Hälfte dem Landkreis gehören, die Planer für kommunale Flächen. Die Kommunen kaufen die Pläne, und bauen in einer Projektgesellschaft mit Eigenmitteln, Krediten und Investorengeldern PV-Anlagen oder Windkrafträder, um den Strom dann wieder über die Regionalwerke zu verkaufen.
Kosten: Die Kosten für die Anlagen sollen von den Kommunen in Hauptsache getragen werden, damit die auch das Sagen über den Strom haben und über 50 Prozent der Anlagen besitzen. Wenn rechnerisch pro Hektar PV-Anlage beim Bau knapp eine Million Euro an Kosten entstehen, müssten die Gemeinden bei zehn Hektar mindestens fünf Millionen Euro aufbringen, wenn das übrige Geld von Investoren oder Bürgern kommt. Hier ist angedacht, dass die Gemeinden 20 Prozent Eigenmittel einbringen und 80 Prozent über Kredite decken. Es setzt voraus, dass die Gemeinden dieses Risiko tragen können und die Mittel dafür haben.
Unbekannte: Neben der Frage, ob die Mittelaufbringung möglich ist, steht die Unbekannte, ob die Bayernwerke als E.On-Konzerntochter die nötigen Zuleitungen und Umspannwerke bauen wird, um die Anlagen ans Netz zu bringen.