Im Theater Regensburg: Josef Menzl wird jetzt Talkmaster der Volksmusik

Kein Klischee bleibt sicher: Die Blaskapelle verspricht bei ihrer ersten bayerischen Late-Night-Show den Stresstest fürs künftige Staatstheater. Im Zentrum steht die Frage: Wie zeitgemäß ist Volksmusik?
Dieser Mann ist nicht zu fassen. Josef Menzl spielt Klarinette, auch Tuba, Gitarre und Saxophon. Er komponiert. Er ist in Volksmusik, Jazz, Rock und überhaupt jedem Stil daheim – Hauptsache handgemacht. Er spielt mit seiner Kapelle bei – kleiner Auszug aus der Webseite – „Taufen, Beschneidungen, Scheidungen, Saustechen, Tupperware-Partys, Fernseh-Übertragungen, Bulldog-Musikanten-Treffen“. Er hat mit der Kapelle gerade eine CD herausgebracht – Titel „Hitz“, etwa für: heiße Hits – und geht an Ostern schon wieder ins Studio für eine nächste. Und jetzt startet er auch noch eine Late-Night-Show im Theater Regensburg! Na gut: Motorradl fährt er zur Zeit nicht viel.
„It’s a Menz’ World“, der Titel des Abends, passt schon mal granatenmäßig und belegt: Auf den Mund gefallen sind Josef Menzl (50) und sein Bruder Sebastian Menzl (46) nicht. Das Spiel mit Worten liegt ihnen wie das Spiel mit Noten. Vollmundig trommeln sie für die „1. Bayerische Late-Night-Show“. Sie kündigen einen „Stresstest“ für das künftige Staatstheater an und die peinliche Befragung eines Herzensthemas: Ist Volksmusik noch zeitgemäß? Die Frage schäumte beim Oktoberfest 2022 auf wie ein warmes, stark geschütteltes Obergäriges. Menzl und Co. sollten im Zelt die Stimmung kochen lassen und möglichst instagramtaugliche Momente produzieren, mit Partyhits wie „Hände zum Himmel“, „Hölle, Hölle, Hölle“ und dem platten „Layla“. „Tut mir leid, aber so was haben wir einfach nicht drauf“, sagt Josef Menzl am Freitag im Gespräch. Ist halt „a Menz’ World“, keine Men’s World. Die Kapelle zog sich jedenfalls zurück. Die Medien schrieben vom Wiesn-Beben. Menzl und die Seinen bekamen für ihre Haltung Beifall, sogar vom Präsidenten des Blasmusik-Verbands Baden-Württemberg zum Beispiel.
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Das Festhalten an bayerischer Blasmusik ohne Tümelei und Party-Schleiferl gefiel dem Hören nach auch Matthias Schloderer. Vom kaufmännischen Direktor des Theaters Regensburg kam angeblich die Anregung, den Menzl für die aktuelle Spielzeit – passgenau zum Motto „Identitäten“ – ins Haus zu holen. Gute Idee, wie man heute weiß. Das Trommeln für die Show auf allen Kanälen hätte es wohl gar nicht gebraucht. Die Tickets waren ja binnen Tagen weg, ein zweiter Termin kurzfristig nicht machbar, aber: Der Abend soll nicht der letzte bleiben. 2025 dürfte wieder was gehen. Und was erwartet das Publikum nun am 5. April am Bismarckplatz? „Wir kehren das Theater von oben nach unten“, sagt der neue Talkmaster der Volksmusik. „Wir wollen die Leute in unsere Welt holen.“ Und die umspannt tatsächlich so ziemlich alles: Jazz aus New Orleans, „Bésame mucho“ aus Mexiko, kantigen Rock von AC/DC und natürlich Urbayerisches. Josef Menzl findet Inspiration hier wie da. „Auf der Wiesn haben wir mal Bohemian Rhapsody von Queen gespielt“, sagt er. „Ohne Keyboard. Ohne Elektrik. Hat funktioniert!“ Überhaupt: Vom kernigen Auftreten der Blaskapelle Josef Menzl darf man sich nicht täuschen lassen. Wer sie einmal gehört hat, vielleicht in kleinerer Runde, weiß, wie zart, perlend, hochpräzise, herzhaft, innig und einfach wunderbar sie spielt. Dazu muss man kein Blasmusik-Fan sein. Aber hinterher ist man vielleicht einer.
Die Stücke schreibt häufig Josef Menzl. Auf einen Zwiefachen (die Musikgattung zählt seit 2016 zum immateriellen Kulturerbe Bayerns), den er in dunkler Corona-Zeit komponiert hat, ist er stolz. Das will was heißen, denn der 50-Jährige, so direkt und präsent er auch auftritt, ist einer, der lang zweifelt, bis er zufrieden ist. Das Stück wird man im Theater vielleicht auch hören.
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Rund ein Dutzend Musiker stehen dann auf der Bühne, die vom Flügelhorn-Duo bis zur großen Besetzung alles ausbreiten, was das Repertoire hergibt. „Die Auswahl ist schwierig“, sagt Menzl. „Wir könnten leicht fünf Stunden spielen.“ Die Kapelle gibt’s schließlich seit bald 30 Jahren, und am Anfang war sie die erste, die Blasmusik in einen neuen Fokus rückte.
Zur Musik kommt der Ratsch mit Gästen. Keine Promis, sondern „Leute, die zu Volksmusik was zu sagen haben“, sind angekündigt. Rudolf Neumaier etwa, Vorsitzender des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege, dem viel daran liegt, das angeblich Verstaubte in seiner ganzen Frische zu zeigen. Oder Harald Eitzenberger, der am Mozarteum Salzburg Trompete und klassischen Gesang studiert, aber auch in Blaskapellen spielt. Oder Andreas Schmid aus Zwiesel, der in München Volksmusik studiert, Hauptfach: Steirische Harmonika. „Ein Gaudibursch mit Stern“, sagt Menzl über ihn, und vor allem ein experimentierfreudiger Musiker. „Da interessiert zum Beispiel die Frage: Was bringt einen 19-Jährigen zu einem Bachelor-Studium in Volksmusik?“
Dass eine Veranstaltung, die um 19.30 Uhr beginnt, als Late-Night-Show betitelt ist, wundert einen weniger, wenn man weiß, dass Josef Menzl eher um fünf als um sieben Uhr aufsteht und normalerweise eher um neun als um zehn Uhr im Bett liegt.
Am Drehbuch wollten die Brüder Menzl übers Wochenende noch schreiben. Wie genau sie sich dann daran halten werden, steht auf einem anderen Blatt. Sicher ist nur: Kein Klischee bleibt an dem Abend sicher. „Irrelevantes wird relevant, Unbekanntes wird bekannt, der Zwiefache wird zur Symphonie“, so heißt’s in der Ankündigung. Noch eins steht laut Menzl schon fest: „Wir werden sicher überziehen.“
