Bühnenapotheke und Comeback nach Shitstorm: Die Wiesnkapellen aus der Region

Von Julian Alexander Fischer · 16. September 2023 um 17:14

Ob bei Partymusik auf der Bierbank stehen, zu Schlager gemütlich schunkeln oder bei Blasmusik das Hendl genießen: Die Musik auf dem Oktoberfest in München deckt so manche Stimmung ab. Auch mehrere Bands und Kapellen aus der Region sorgen auf der Wiesn für die passende Atmosphäre – und haben dafür so manchen Trick parat.

Die Heldensteiner: Mit gut gefüllter Bühnenapotheke auf die Wiesn

„Die Bühnenapotheke ist immer bestens gefüllt. Von Grippostad bis zu Klosterfrau Melissengeist auf Zuckerwürfeln sind wir mit allem versorgt“, erzählt Günter Pilzweger, Dirigent der Oktoberfestkapelle „Die Heldensteiner“. Das Wichtigste sei schließlich das Durchhalten für den Zeitraum von zweieinhalb Wochen. Deswegen bleibe die Maß während der Auftritte auch eine Ausnahme: „Wir trinken Wasser, Saftschorle und nehmen Magnesium. Das ist ein Marathon und keine Party.“ Als einige der wenigen Kapellen spiele man sowohl nachmittags als auch abends durch – bis zu elf Stunden am Tag, 198 Stunden über den gesamten Zeitraum der Wiesn.

Trotz des Stresses ist die Vorfreude groß: „Vor der Wiesn fühle ich mich wie ein Achtjähriger am 24. Dezember.“ Die Gruppe aus Heldenstein im Landkreis Mühldorf am Inn tritt bereits seit 1986 im Löwenbräu-Festzelt auf. Seitdem ist viel passiert. So sei seine Kapelle auch schon unbeteiligt in Schlägereien verwickelt worden. „Ein paar Urgesteine vom ersten Auftritt sind noch dabei. Wir versuchen immer, Nachwuchs aus Heldenstein zu bekommen. Bei speziellen Instrumenten müssen wir aber in der gesamten südostbayerischen Region schauen“, berichtet Pilzweger, der 2009 erstmals dabei war.

Das Publikum im Löwenbräu-Zelt sei sehr international, berichtet er. Schließlich sei das ausgeschenkte Bier eines von zwei, die man weltweit kenne. Dennoch fange man nachmittags mit gediegener Blasmusik an. Das ändere sich dann aber: „Spätestens um 19 Uhr soll das ganze Zelt auf den Bänken stehen.“

Blaskapelle Mathias Achatz: Gratwanderung zwischen Hintergrund und „Ballermann mit Niveau“

Ein ähnliches Konzept verfolgt die Blaskapelle in der Ochsenbraterei unter Leitung von Mathias Achatz aus Pemfling (Landkreis Cham). Von 12 bis 17 Uhr gehe es traditionell zu. „Da bleibt die Blasmusik eher im Hintergrund, die Leute wollen sich unterhalten und ihr Schnitzel essen“, erklärt Achatz. Ab 19.30 Uhr heißt es dann: „Fast schon Ballermann, aber mit ein bisschen mehr Niveau“, wie es der Kapellmeister bezeichnet.

Auftritte in München gehören für ihn sowieso fast zum Alltag. Viermal die Woche tritt er nämlich im Englischen Garten am Chinesischen Turm auf, dann allerdings mit kleinerer Besetzung. Für die Wiesn hole er sich Unterstützung aus ganz Deutschland und Österreich: „Da habe ich mir die besten rausgepickt“. Schließlich seien die Auftritte mit unterschiedlichen Publikumserwartungen auf den Oktoberfest „immer eine Gratwanderung. Am Nachmittag muss man sich manchmal auch durchmogeln.“

Josef Menzl und Erwin und die Heckflossen: Nach Shitstorm wieder dabei

Dass dieser Spagat nicht immer gelingt, hat die Kapelle Josef Menzl im vergangenen Jahr erfahren. Damals geriet die Gruppe aus Pentling im Landkreis Regensburg in einen Shitstorm, nachdem sie auch abends noch vorwiegend Blasmusik gespielt hatte. Bei Social Media und Google prasselten zahlreiche Beschwerden auf das Bräurosl-Festzelt ein.

Doch es wurde schnell eine Lösung gefunden. Die befreundete Partyband „Erwin und die Heckflossen“ aus Regensburg sprang spontan ein und spielte abends im Bräurosl-Zelt. Diese Aufteilung hat sich bewährt, sodass sie auch in diesem Jahr zum Einsatz kommt.

Und weil sie bei ihrer Premiere im Bräurosl-Zelt viel gelernt hätten, „würde es beim zweiten Mal alles sicher noch ein gutes Stück besser werden“, kündigte Josef Menzl bereits im vergangenen Jahr an.

Münchner Oktoberfest Musikanten: Bayerische Musik für die Wiesn

Das Problem des unzufriedenen Publikums kennt Wolfgang Grünbauer nicht. Er feiert in diesem Jahr sein 40. Jubiläum als Musiker auf der Wiesn und weiß um alle Facetten der Veranstaltung. Seit 2010 ist der Kapellmeister der Münchner Oktoberfest Musikanten im Festzelt Tradition auf der Oidn Wiesn. „Hier ist die Tradition zuhause. Die Stimmung ist bayerisch, gemütlich und authentisch“, findet er. Die Gäste kämen nicht von weit her. „Auf einem Münchner Fest sollte bayerische Musik im Vordergrund stehen“, findet er.

Dennoch müsse er bei der Auswahl der Musik vorsichtig agieren: „Es ist wie beim Kochen. Das Publikum hat jeden Tag Hunger auf etwas anderes. Am Wochenende gibt es ein filigraneres Gericht, unter der Woche vielleicht eher Hausmannkost.“

Obwohl Grünbauer in Cham wohnt, kommen seine Musiker aus dem gesamten Freistaat, aus fast jedem Regierungsbezirk gebe es ein Mitglied. Abseits der Wiesn gebe es daher Auftritte mit einer kleineren Besetzung. Das ist beim Oktoberfest anders – sehr zu seiner Freude: „Wenn ein Maler statt mit vier Farben plötzlich mit 20 Malen kann, gibt es eine ganz andere Qualität.“

Tanngrindler Musikanten: Auf der Oidn Wiesn dahoam

Ebenfalls auf der Oidn Wiesn dabei ist Herman Rosskopf. Seit der Einführung des neuen Bereiches auf dem Oktoberfest im Jahr 2010 steht er mit seinen Tanngrindler Musikanten aus Hemau (Landkreis Regensburg) auf der Bühne verschiedener Festzelte. Nach mehreren Wirtswechseln tritt die Kapelle mittlerweile im Schützenlisl-Festzelt auf.

„Das Zelt spiegelt genau das wieder, was wir machen wollen“, erklärt Rosskopf. Seine kleine Kapelle aus acht Leuten könne keine zu großen Zelte unterhalten: „Das Publikum hier ist anders. Es gibt keinen, der sich besäuft.“ Das komme auch daher, dass auf der Oidn Wiesn Eintritt gezahlt werden müsse und die Zuschauerschaft so schon im Vorfeld „selektiert“ werde.

Soizweger Zwoagsang: Nach Premiere wieder dabei

Diese Stimmung im Schützenlisl-Festzelt schätzt auch Gabi Schweitzer, die mit Kathi Gruber den Soizweger Zwoagsang bildet. Das Duo aus Salzweg im Kreis Passau war im vergangenen Jahr erstmals auf der Wiesn dabei. „Die Leute haben großartig mitgemacht“, schwärmt sie noch heute. Im Volkssängerzelt Schützenlisl liegen zu diesem Zweck stets Gesangsbücher aus.

Im Gegensatz zu anderen Kapellen kann der Soizweger Zwoagsang aber nicht während der gesamten Wiesnzeit auftreten. „Wir sind beide berufstätig und haben mit den weitesten Weg“, begründet Schweitzer, weshalb das Duo mehr als neun Tage nicht schaffe. Ähnlich geht es den Tanngrindler Musikanten. „Wir sind nur semi-professionell und machen Urlaub auf der Wiesn“, erzählt Rosskopf.

Im Schützenlisl-Zelt wechselt die Besetzung neben der musikalischen Leitung und Sängerin Traudi Siferlinger ohnehin immer wieder. Und so tritt auch die Kapelle Kaiserschmarrn aus Wörth an der Donau (Landkreis Regensburg) an mehreren Abenden dort auf.

Die Kapelle Josef Menzl kehrt nach Kritik auf die Wiesn zurück. − Foto: Jacqueline Melcher/dpa
Die Münchner Oktoberfest Musikanten unter der Leitung von Wolfgang Grünbauer tritt mit großer Besetzung auf den Wiesn auf. Wolfgang Grünbauer − Foto: Wolfgang Grünbauer
Mathias Achatz dirigiert seine Kapelle in der Ochsenbraterei. − Foto: Mathias Achatz