600 Haltestellen im Test: Neuer Nahverkehrsplan für den Landkreis Neumarkt kommt

Im Juli soll der neue Nahverkehrsplan für den Landkreis Neumarkt fertig sein. Eine Mammut-Aufgabe: Über 500 Orte und Ortsteile sollen so miteinander verbunden werden, dass niemand lange wartet, aber auch keine Busse leer herumfahren. Und bezahlbar soll es auch sein. Geht das überhaupt?
„Das ist natürlich das Ideal“, sagt Isabell Meier, stellvertretende Leiterin des Sachgebiets ÖPNV im Landratsamt. Beim Nahverkehrsplan geht es für sie aber vor allem darum, die Schwachstellen des Systems zu erkennen und aufzuzeigen, wie sich diese verbessern lassen.
Gezählt wird unter anderem, wie weit die Haltestellen voneinander entfernt sind, wie stark die Angebote genutzt werden und wie lange die Fahrten dauern. Aber auch die Barrierefreiheit an den etwa 600Haltestellen im Landkreis wird von Experten des Verkehrsverbundes Großraum Nürnberg überprüft.
Dritter Nahverkehrsplan
2006 und 2014 hat der Landkreis bereits einen Nahverkehrsplan erstellt. „Wir konnten dadurch viele Defizite beheben und sind auf einem guten Weg“, sagt Meier. So gebe es im ganzen Gebiet nur zwei Haltestellen, die weiter als 500 Meter vom nächsten Wohnort entfernt seien. Und das auch nur, weil die Umgebung den Bau einer näheren Haltestelle nicht erlaube. Dennoch machen die große Ausdehnung des Landkreises und die vielen Einzelorte den Planern zu schaffen: „Dadurch haben unsere festen Linien sehr lange Strecken mit vielen Haltestellen“, so Meier.
Rekord für Rufbusse und Sammeltaxis
Mit Linienbussen allein wäre das nicht zu schaffen. Deshalb setzt der Landkreis seit 2011 verstärkt auf Rufbusse und Sammeltaxis. Diese kleineren Fahrzeuge fahren zu festen Zeiten an die üblichen Haltestellen – aber nur, wenn rechtzeitig (mindestens eine Stunde vor Abfahrt) Bedarf angemeldet wird. Vor Corona dümpelte dieses System mit rund 30000 Fahrten im Jahr etwas vor sich hin. In den letzten zwei Jahren stieg es aber sprunghaft an: 2023 verzeichnete der Landkreis über 60000 Nutzer von Rufbussen und Taxis.
Werbekampagne am Seniorennachmittag
Das Geheimnis des Erfolgs scheint eine gelungene Werbekampagne zu sein: Patricia Kleibert von der Regina GmbH besuchte zahlreiche Seniorennachmittage und Veranstaltungen der Nachbarschaftshilfe, um das Rufbus-System zu erklären. „Oft kamen über 200 Teilnehmer“, sagt Kleibert. Gerade für ältere Menschen sei dieses System eine Möglichkeit, um mobil zu bleiben. Auch wenn „die Buchung per Handy im Moment noch schwierig ist“. Das soll sich im Herbst aber ändern, wenn die VGN-App so erweitert wird, dass alle Angebote online ausgesucht, gebucht und bezahlt werden können.
Geisterhaltestelle in Sengenthal
Und es gibt sogar eine Haltestelle, die nur von Rufbussen oder Taxis bedient werden kann: auf dem Parkplatz beim Gewerbegebiet in Sengenthal. Die Gemeinde hatte sie in der Annahme errichtet, dass dort auch die größeren Linienbusse halten könnten. Dafür sei laut Meier jedoch schlicht kein Platz. Um diese Geisterhaltestelle nicht ganz so verloren wirken zu lassen, nutzt die Gemeinde sie inzwischen als Mitfahrbankerl für Anhalter. „Wir haben dort ein kleines ärztliches Zentrum“, sagt Sengenthals Bürgermeister Werner Brandenburger. „Das sollte regelmäßig angefahren werden. Die Rufbusse können das auf keinen Fall ersetzen.“
Rufbusse zu unflexibel?
Auch anderorts wird das Rufbussystem kritisiert: „Mit seinen starren Fahrplänen ist es zu unflexibel für den ländlichen Raum“, sagt Freystadts Bürgermeister Alexander Dorr. Da die meisten Menschen in den abgelegenen Ortsteilen eigene Autos oder Mitfahrgelegenheiten hätten, werde das Angebot kaum genutzt. Sein Bürgermeisterkollege Michael Langner aus Pyrbaum sieht für seine Gemeinde dagegen vor allem ein „psychologisches Problem.“ Denn der ÖPNV sei auf Neumarkt als Zentrum ausgerichtet. Viele Pyrbaumer würden sich aber nach Nürnberg orientieren: „Deswegen vermissen sie die alten Buslinien nach Norden. Gefühlt müssen sie jetzt nach Neumarkt fahren, um nach Nürnberg zu kommen.“
Dietfurt schlecht angebunden?
Am anderen Ende des Landkreises, in Dietfurt, fällt Bürgermeister Bernd Mayr fast vor Lachen aus dem Sessel, als er gefragt wird, wie es um den ÖPNV steht: „Kommt drauf an, wo sie hinwollen. Dann kann es schon sein, dass was fährt.“ Aus seiner Sicht könne sich das Landratsamt „schon mehr reinknien, um auch den südlichen Zipfel besser anzubinden“. Zur Beruhigung schiebt er aber hinterher, dass die Verbindung nach Regensburg noch viel schlechter sei.
Egal ob der ÖPNV an einzelnen Orten gut oder schlecht funktioniert – eines ist er immer: Ein Draufzahlgeschäft. „Lange Jahre schossen wir eine Million aus dem Kreishaushalt zu“, sagt Michael Gottschalk vom Landratsamt. „Inzwischen sind es 4,8 Millionen pro Jahr.“ Gründe dafür seien die gestiegenen Energiepreise, aber auch die Ausweitung des Angebots. Dennoch sei die Summe im Kreistag bisher immer einstimmig bewilligt worden.