BLKA erklärt: So skrupellos gehen die Automatensprenger in Bayern vor

Von Benedikt Schneider · 12. März 2024 um 19:00

Immer häufiger kommt es zu spektakulären Sprengungen von Bankautomaten in Bayern. Die Spur führt dabei zu kriminellen Banden aus den Niederlanden, die teils extrem skrupellos agieren. Der Modus Operandi ist dabei fast immer derselbe.

Eine interaktive Karte, wo die Täter von 2022 bis heute (Stand: 12. März 2024) zugeschlagen haben, sehen Sie etwas weiter unten.

„Hände hoch, das ist ein Überfall“ war einmal. Der Bankräuber von heute sprengt Automaten. Seit Jahresanfang hat es allein in Bayern bereits neun Fälle von Automatensprengungen gegeben. Nur einer davon, der jüngste vom vergangenen Sonntag in Konradsreuth in Franken, konnte bisher aufgeklärt werden. Und das nur durch einen Wildunfall, der das Fluchtauto der Täter lahmlegte. Alexander Groß, der Pressesprecher des Bayerischen Landeskriminalamts, erklärt, warum der „Bankraub 2.0“ derzeit so häufig vorkommt, wie die Täter vorgehen, warum sie so schwierig zu fassen sind und was Banken und Polizei dagegen unternehmen.

Wie gehen die Täter vor?

Der Modus Operandi ist fast immer derselbe: In den frühen Morgenstunden, meist zwischen 3 und 5 Uhr, fahren die Täter mit ihrem Fluchtfahrzeug direkt vor die Bank. Der Fahrer bleibt im Auto sitzen, während die zwei bis drei anderen Täter in die Bank gehen. Dort werden die Automaten zunächst mechanisch, das heißt mit Brecheisen, aufgebrochen, um den Sprengstoff dann an der entsprechenden, neuralgischen Stelle zu platzieren. Meistens handelt es sich dabei um einen Festsprengstoff, der mit einem Zündkabel versehen wird und von außerhalb der Bank zum Explodieren gebracht wird. Danach versuchen die Täter in kürzester Zeit so viel Geld wie möglich einzusammeln und zu flüchten. Von der Ankunft an der Bank bis zur Flucht vergehen in der Regel drei bis maximal zehn Minuten.

Wie wählen die Täter die Banken aus?

Meist handelt es sich um Banken in kleinen Ortschaften, in denen die Täter nicht mit nächtlichen Passanten rechnen müssen. Das Objekt der Begierde wird teils Wochen und Monate zuvor ausgespäht. Dabei interessiert die Kriminellen, um welche Automatenmodelle es sich handelt und welche Sicherheitsvorkehrungen die Banken haben. Zudem befinden sich die Tatorte meist in direkter Nähe zu großen Landstraßen oder Autobahnen, damit die Flucht möglichst schnell gelingt.

Welche Fluchtfahrzeuge werden benutzt?

Als Fluchtfahrzeug kommen fast ausschließlich Audi-RS-Modelle zum Einsatz. Oft ist es ein schwarzer Audi RS6. Diese haben laut Groß den Vorteil, dass sie einerseits über 400 bis 600 PS verfügen und somit eine schnelle Flucht möglich ist. Andererseits fallen sie im normalen Verkehr nicht sonderlich auf. „Das Auto sieht aus wie ein normaler Kombi. Man sieht ihm nicht an, dass es eigentlich ein Sportwagen ist“, sagt Groß. Sind die Täter dann erst einmal weit genug entfernt, tauchen sie mit normalen Geschwindigkeiten in der Masse unter.

Gestohlene Kennzeichen am Fluchtfahrzeug

Videoaufnahmen oder Fotos der Kennzeichen bringen die Ermittler übrigens häufig nicht weiter. Die beim Überfall verwendeten Nummernschilder sind meist schon Wochen vorher an ganz anderer Stelle gestohlen worden und werden kurz nach dem Überfall schnell wieder durch neue, ebenfalls gestohlene Kennzeichen ersetzt.

Was ist über die Täter bekannt?

Nach derzeitigem Erkenntnisstand der Polizei handelt es sich bei den Tätern um Mitglieder eines mehrere hundert Mann starken Milieus aus den Niederlanden. Von einer „übergeordneten Struktur“, wie es Groß nennt, werden dort junge Männer mit marokkanischem Hintergrund angeworben und in der Nähe von Amsterdam und Utrecht in einer Art von Trainingslagern ausgebildet. Auch deshalb bezeichnet Groß das Milieu als „Hydra, dem drei Köpfe nachwachsen, wenn man einen abschlägt“. Wenn eine Tätergruppe gefasst wird, rekrutiert die übergeordnete Struktur einfach neue nach. Zudem behalten die Täter ihre Beute nicht. Groß geht davon aus, dass sie das Geld abgeben und für ihren Auftrag lediglich „einige hundert Euro“ erhalten. Früher sei diese Gruppe auch in den Niederlanden aktiv gewesen. Dort haben Banken jedoch stark nachgerüstet und Automaten wurden konsequent zurückgebaut, denn der Zahlungsverkehr ist bei unserem Nachbarn wesentlich digitaler und weniger von Bargeld abhängig als in Deutschland. Deshalb konzentriert sich die Tätergruppe nun auf das angrenzende Ausland.

Wieso nehmen diese Verbrechen gerade so zu?

Alexander Groß bezeichnet die Automatensprengungen als „Bankraub 2.0“. Den klassischen Banküberfall, bei dem angestellte unter Androhung von Gewalt zur Herausgabe von Geld gezwungen werden, gibt es praktisch nicht mehr. Dort mussten die Täter zu normalen Öffnungszeiten direkt an Menschen herantreten. Das Entdeckungsrisiko war dadurch viel höher. „Die Sprengung von Automaten verspricht eine risikoarme Alternative, mit Aussicht auf viel Geld in kurzer Zeit zu sein“, so Groß. Denn die Automaten sind je nach Lage und Frequentierung mit einem mittleren fünfstelligen bis zu einem niedrigen sechsstelligen Betrag gefüllt.

Wie können sich Banken schützen?

Bei der sogenannten Vernebelungstechnik wird die Bank nach einer Explosion mit Rauch gefüllt und den Tätern so die Sicht genommen. Weiter sind moderne Automaten zunehmend mit Verfärbe- beziehungsweise Verklebetechnik ausgestattet. Bei einem Angriff werden dadurch die Banknoten in der Geldkassette durch Farbe oder Klebstoff unbrauchbar gemacht. Zudem können die Banken durch einen Nachtverschluss die Täter in die Helligkeit zwingen. Da die Nacht der größte Freund der Kriminellen ist, könnte dies zu einem starken Rückgang der Automatensprengungen führen. Jedoch geht damit ein Serviceverlust der Banken einher. Amerikanische Geldinstitute setzen laut Groß zunehmend auf Security-Dienste, die die Filialen in der Nacht bewachen. Und natürlich kann auch eine funktionierende Videoüberwachung, vor allem im Nachgang einer Tat, hilfreich sein, um den Tätern auf die Schliche zu kommen.

Was unternimmt die Polizei?

Einerseits wird durch die „konsequente Strafverfolgung unter Ausschöpfung aller rechtlicher Mittel“ auf Abschreckung gesetzt, sagt Groß. Die Vorwürfe gegen einschlägige Täter lauten insbesondere auf schweren Bandendiebstahl, Herbeiführen von Sprengstoffexplosionen und Zerstörung von Gebäuden. Weil die Automaten oftmals in direkter Nähe zu Wohnraum stehen und die Täter durch ihr skrupelloses Vorgehen billigend in Kauf nehmen, Menschen zu gefährden, wird teilweise auch wegen versuchter Tötungsdelikte ermittelt. Dies kann mit bis zu lebenslanger Haft bestraft werden.

Schadenssumme übertrifft Beutesumme

Darüber hinaus setzt die Polizei aber massiv auf Prävention. Gemeinsam mit den Banken werden Analysen angefertigt, welche Automaten besonders gefährdet sind und deshalb schnellstmöglich ausgetauscht werden sollten oder Maßnahmenpakete erarbeitet, die die Erfolgschancen der Täter minimieren.

Im vergangenen Jahr konnte die Polizei zudem zwei große Fahndungserfolge feiern. Im Januar wurden in Zusammenarbeit mit der niederländischen Polizei neun Menschen zwischen 25 und 41 Jahren verhaftet, denen mehr als 50 Straftaten zugeordnet werden. Alleine in Bayern gab es bis dahin 34 solcher Geldautomatensprengungen bei denen ein Schaden von mehr als vier Millionen Euro entstand und die Täter über 3,4 Millionen Euro erbeuten konnten. Eine zweite Gruppe von vier Tätern, denen mindestens sechs Sprengungen zugeordnet werden kann, konnte im September 2023, ebenfalls in den Niederlanden, dingfest gemacht werden. Sie erbeuteten mindestens rund 400.000 Euro.

Erklärt das Phänomen des „Bankraubs 2.0“: Alexander Groß, Pressesprecher des Bayerischen Landeskriminalamts. − Foto: mgb