Wohnungsnot: Berchinger Architekt fordert auch beim Bauen eine Zeitenwende

Immer höher, größer und exklusiver bauen – das ist nicht der Weg, den der Berchinger Michael Kühnlein eingeschlagen hat. Im MZ-Experteninterview erklärt er, wie man nachhaltig, aber trotzdem bezahlbar baut.
Herr Kühnlein, was versteht man eigentlich unter „nachhaltigem Bauen“?
Michael Kühnlein: Nachhaltig ist, wenn ein Gebäude lange hält, 100 Jahre und mehr, wenn es sich ändernden Ansprüchen und Nutzungen stellt, sich anpassen kann. Nachhaltiges Bauen heißt, Flächen sparen, die Versiegelung der Landschaft eindämmen, um- und weiterbauen und wiederverwenden: So können alte Scheunen, Bahnhöfe, Kasernen durch intelligente Konversionsplanung zu Wohnungen werden oder ehemalige Brauereien zu Hotels, stillgelegte Fabriken zu Jugendzentren – alles schon umgesetzte oder geplante Projekte.
Warum ist es so wichtig geworden?
Kühnlein: Im Grunde geht es um Klimaschutz. 60 Prozent unseres Müllaufkommens stammen vom Bau – vom Abbruch bestehender Gebäude und Abfall von Neubauten. Dadurch werden wertvolle Rohstoffe vernichtet, aber diese Ressourcen sind nur begrenzt verfügbar: Erdöl, Gas, aber auch Sand und Metallerze stehen nur noch für eine begrenzte Zeit zur Verfügung. Die Energie, die wir aufwenden müssen, um Rohstoffe zu gewinnen, Zement, Steine, Glas oder Eisen herzustellen, verursacht klimaschädliches CO2. Wir müssen endlich umdenken.
Was konkret muss sich ändern beim Bauen? Was können wir eventuell von früheren Generationen lernen?
Kühnlein: Wir brauchen einen Paradigmenwechsel: die „Zeitenwende“ im Bauen. Die Architekten warten auf politische Vorgaben losgelöst vom Lobbyismus. Massenbaustoffe werden nicht umweltfreundlich produziert. Unsere Vorfahren kamen mit einem halben Dutzend Baustoffen aus: Holz, Stein, Lehm, Eisen, Glas, Kalk, Schilf und Hanf, die „Bauchemie“ waren Kalk, Leinöl, Knochenleim und Kasein. Darum gilt es, diese Gebäude zu erhalten und neue klimaschonend und nachhaltig zu bauen.
„Wir können nicht weiterhin grundsätzlich die billigsten Baumaterialien verwenden, die nur billig in der Herstellung, aber teuer in der Entsorgung sind und nebenbei oft eine krankmachende Wirkung haben.“ Michael Kühnlein, Architekt
Welche Rahmenbedingungen braucht es für nachhaltiges Bauen?
Kühnlein: Es gibt (noch) keine gesetzlichen Vorgaben für nachhaltiges Bauen, bisher nur Empfehlungen. Wir können nicht weiterhin grundsätzlich die billigsten Baumaterialien verwenden, die nur billig in der Herstellung, aber teuer in der Entsorgung sind und nebenbei oft eine krankmachende Wirkung haben. Es muss der gesamte Materialprozess von der Herstellung über die Logistik bis zu einer späteren Entsorgung betrachtet werden. Die Entscheidungen fürs Bauen müssen ganzheitlicher erfolgen: nicht billig viel bauen, sondern bewusst den Lebenszyklus eines Gebäudes betrachten. Aktuell wird meist über den tatsächlichen Bedarf hinaus gebaut: Warum müssen jetzt alle Supermärkte größer und neu gebaut werden? Damit der Einkauf von Zahnpasta, Marmelade und Nudeln auf noch längeren Wegen zum Erlebnis wird?
Was sind die wichtigsten Eckpunkte für nachhaltiges Bauen, worauf kommt es an?
Kühnlein: Es braucht auch bei den Bauherren ein Umdenken. Es sollte nicht zur Schau gestellt werden, was man sich leisten kann, sondern das einfache Bauen im Fokus stehen: dass Materialien effizient für Konstruktion, Wärme- und Wetterschutz eingesetzt werden. Der Planer muss wissen, wie und wo jeder einzelne Baustoff eingesetzt werden kann.
Die Auswahl sollte nach Eignung, Verfügbarkeit, Umweltverträglichkeit, aber auch danach getroffen werden, ob die Materialien wieder verwendet werden können. Porenbeton wird beispielsweise als umweltfreundlich angepriesen, ist aber problematisch und teuer in der Entsorgung. Bei diesen Themen müssen auch wir Architekten noch dazulernen und deutlicher Zeichen setzen.
Für die Konstruktion und Oberflächen eignen sich beispielsweise Holz, Lehm, Lehmziegel, Kalk und Naturstein, als Dämmung Stroh, Holzfaser, Sägemehl, Zellulose, Schilf. Lange Transportwege und überflüssige Verpackungen sind zu vermeiden. Grundsätzlich sollten wir mehr nachwachsende Rohstoffe für die Konstruktion verwenden. Auf chemischen Holzschutz kann verzichtet werden. Für die Toilettenspülung und Waschmaschine ist Grauwasser geeignet. Die Schwammstadt-Prinzipien sollten berücksichtigt werden. Das bedeutet: Regenwasser möglichst vor Ort speichern anstatt es in den Kanal einzuleiten und Überflutungen zu fördern.
Welche Rolle spielen erneuerbare Energien beim nachhaltigen Bauen und welche Technologien werden eingesetzt?
Kühnlein: Es sollten Materialien gewählt werden, die auf nicht fossiler Basis hergestellt werden, sondern mit Sonnen- und Windenergie oder Geothermie. Gleiches gilt für die Beheizung und Energieversorgung der Gebäude: So können PV-Anlagen mit Speicher, Wärmepumpen beziehungsweise nachwachsende Rohstoffe zur Beheizung verwendet und Regenwasser genutzt werden.
Die Energieeffizienz eines Gebäudes lässt sich durch den Einsatz von Strahlungswärme entweder über Fußbodenheizung mit geringer Vorlauftemperatur (28 Grad) oder Direktheizung mit PV und Stromspeicher steigern. Dazu tragen auch kompakte Baukörper, ein guter Dämmstandard, eine Low-Tech-Ausstattung sowie Fassadenbegrünung, Gründächer und Laubbäume bei, die im Sommer Schatten spenden und vor Überhitzung schützen.
Welche Herausforderungen bestehen bei der Integration von nachhaltigen Gebäuden in städtische Umgebungen?
Kühnlein: Es gibt genügend historische Vorbilder, wo das gelungen ist. Es braucht eine fachlich fundierte Planung. Helfen können Gestaltungsfibeln für denkmalgesegnete Städte. Solche gibt es bereits in Berching, Velburg und Hohenfels. Aber auch Förderungen sowie die Beratung von Bauherrn sind wichtige Schritte. Sanierungen und Umnutzungen bestehender Gebäude sind per se nachhaltig. Beispiele, wo das gelungen ist, sind unter anderem das Schreiberhaus in Neumarkt, der Wieserstadl in Velburg, das Stadlmann-Anwesen in Freystadt und die Post sowie der Ziegelturm in Berching. Diese Gebäude sind übrigens zwischen 300 und 600 Jahre alt.
Viele private Häuslebauer werden sich jetzt fragen, ob sie sich nachhaltiges Bauen überhaupt noch leisten können.
Kühnlein: Sie können, wenn sie kleine Grundstücke bebauen, auf überflüssiges „Dekor“, unnötige Flächen verzichten und kompakt bauen, was sie wirklich brauchen: kleine Keller, reduzierte Haustechnik, keine gefliesten „Großgaragen“ oder überdimensionierte Terrassen und Freisitze. Außerdem können sie Förderungen in Anspruch nehmen – solche gibt es beispielsweise von der KfW für energieeffizientes und nachhaltiges Bauen.
Welche Impulse möchten Sie für die Zukunft geben?
Kühnlein: Die Politik soll klare Rahmenbedingungen schaffen und die Architekten mehr fordern – zum Umdenken, aber auch zum Dazulernen. Die Kreislaufwirtschaft muss in Gang kommen, nicht nur die Abfallsysteme verfeinert werden. Wir brauchen gesunden Menschenverstand, der die Balance von Mensch und Natur wiederherstellt. Die Umweltkosten sind vom Verursacher zu tragen, nicht von der Gesellschaft.
Damit das Bewusstsein für Umweltschutz wächst, muss man bereits bei den Kindern anfangen, beispielsweise mit Umweltbildung und ökologischen Bauten für Kinder. Die Sorge um die Zukunft und Liebe zur Heimat lässt uns keine andere Wahl.

