Wie der Waldmünchner Karl Reitmeier Teil der Weltgeschichte wurde

Wir müssen ungewöhnlich beginnen: Mit einem Verbesserungsvorschlag. Denn der Titel „Als der Eiserne Vorhang fiel“, er wird dem, was Karl Reitmeier in und mit der Grenzöffnung erlebt hat und zu erzählen vermag, nicht annähernd gerecht. Es ist kein „als“, kein Moment, es ist eine Gesamtschau. Zusammengesetzt aus Begegnungen, Gesprächen, Menschen. Und Überzeugungen.
Karl Reitmeier musste schlucken, ehe er seinen Vortrag im „Bürgertreff am Böhmertor“ begann. Mehrere Male mussten die „Dirrmaler Wirte“ Stühle heranschaffen, um dem Andrang Herr zu werden. Schnell addieren sich die Schätzungen auf eine Zahl um die Hundert. Entsprechend „geplättet“ zeigt sich Carola Rieger als Repräsentantin der Stadt, die den 72-Jährigen als „absoluten Kenner“ der bayerisch-böhmischen Geschichte einführt.
Immer wieder der Čerchov
Wahrscheinlich hat noch nicht einmal sie geahnt, was und welcher Schatz hinter dieser Formulierung stecken könnte. Reitmeiers Freundschaft zu einem gewissen Jaroslav Höll aus Pila etwa, die über Jahre halten sollte und die eines Tages nach dessen überraschendem Tod in einer Begegnung mit dessen Enkeltochter Jindřiška Štemberová („zufällig“ (??) am Čerchov) einen Höhepunkt erfuhr. Ja, ihr Opa habe viele Jahre von einem Deutschen erzählt, der gut zu ihm gewesen sei und mit dem ihn eine ungewöhnliche Freundschaft verbinde...
Besondere Verbindungen
Verbindungen. Sie sind, bisweilen unbewusst, wesentlicher Teil der Reitmeierschen Geschichtsstunde am Sonntag Abend. So ist es ausgerechnet besagte Enkelin Jindřiška Štemberová, die Reitmeiers Herzenswerk „Der Čerchov ist immer das Ziel“ ins Tschechische übersetzt hat.
Hommage an Reinhold Macho
Verbindungen, die in einer Person einen Ursprung haben: Reinhold Macho. Der frühere und 2005 viel zu früh verstorbene Further Bürgermeister sei es gewesen, der in Reitmeier – der sein gesamtes berufliches Leben in der Drachenstadt verbrachte – den Funken für das Nachbarland entzündet hatte. Er, der als Kind die Vertreibung noch erlebt hatte, sei zeitlebens von Idee der deutsch-tschechischen Freundschaft beseelt gewesen, sah sie als Impuls statt als Graben, Schuldzuweisung oder Hindernis. „Er war ein Pionier, der vor Ideen sprühte.“ Nur ein Beispiel: Auf seine Initiative geht die Renovierung des Südflügels von Schloss Ronsperg (Poběžovice) zurück, auf dem die europäische Idee geboren wurde.
Ein erstes Oktoberfest 1987 in Prag
Macho hatte lange schon bevor sich der Fall des Eisernen Vorhangs abzeichnete, den Kontakt zu den Nachbarn gesucht. 1987 fand auf seine Initiative das erste Prager Oktoberfest statt – mit Bier aus Herzogau und Darbietungen des Blasorchesters Furth im Wald. Ein Jahr später war Bürgermeister Dr. Jaroslav Fronk aus Domažlice auf seine Einladung zu Gast in Furth im Wald – das galt damals als Sensation.
Fronk war es seinerseits, der beim 25-jährigen Bestehen des Grenzübergangs Schafberg Edmund Stoiber (damals Innenminister) und Wirtschafts-Staatssekretär Hans Spitzner kurzerhand nach Domažlice einlud. Der Tanz beider mit Mädchen in chodischer Tracht, Reitmeier hat sie wie so vieles mit der Kamera festgehalten.
Fotografien sind ein Schatz
Genau diese Kombination aus Erlebnissen, aus hunderten Begegnungen und Anekdoten ist es, die zusammen mit dem riesigen Fotografien-Fundus das Besondere auch dieses Abends ausmachen. Die geschichtliche Einordnung der samtenen Revolution im November 1989, die Demonstrationen in Prag und die Abfolge der Geschehnisse , die der gebürtige Ränkamer kurz streift, sind das eine. Richtig greifbar werden sie erst mit seinen Bildern aus Domažlice, wo sich ebenso hunderte, tausende Menschen dem Regime entgegenstellten.
Demo auch in Domažlice
Einer von ihnen: Vlastimil Konrády, der mit einer Quartett-Formation seiner Kapelle eigentlich „nur“ für die musikalische Ausgestaltung zuständig ist, sorgt für einen weiteren Gänsehaut-Moment. Der Musiker, längst ein Freund Reitmeiers, beschreibt spontan die Stimmung, die seinerzeit auf dem Stadtplatz herrschte.
Erste Exkursionen ins Nachbarland
Eindrucksvoll auch Reitmeiers Schilderungen der ersten Exkursionen und Besuche im Nachbarland kurz nach der Grenzöffnung. Die wurden einerseits erleichtert durch das Wissen, dass Kugelschreiber und deutsche Zeitungen das Passieren erleichterten. Anderseits gab es Momente, in denen selbst ihm bange wurde. Wie, als er eines Tages (den Übergang in Höll gab es noch nicht) von Klenčí Richtung Liskova unterwegs war, und auf Soldaten mit Kalaschnikows im Anschlag traf, zutiefst misstrauisch. Reitmeier zeigt sich verständnisvoll: Das sei Ausdruck der Ideologie gewesen, die man ihnen jahrzehntelang eingetrichtert hatte.
Vorsicht vor der Grenze!
Er erinnerte sich an Besuche mit seinem Vater an der Grenze beim Gibacht. „Gehe da ja nie rüber, die werden dich erschießen.“ Dass Klein Karl zumindest die Fußspitze ‘rüberhielt – um festzustellen, dass nichts passiert ist – wer weiß, ob es nicht zu seinem Grundvertrauen beigetragen hat.
Plötzlich Teil der Weltgeschichte
Im Februar 1990 wurde der Lengauer Teil der Weltgeschichte. Der Stacheldraht wurde abgebaut, er und sein Kollege Franz Amberger mit der Kamera dabei. Unmöglich, sich den Aufnahmen oder den Worten Reitmeiers zu entziehen. Freudestrahlend seien die tschechoslowakischen Grenzsoldaten ans Werk gegangen.
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Ein weiteres Bild schrieb Geschichte: bereits im April 1990 durfte eine kleine Further Delegation dem Čerchovgipfel (damals strengstes militärisches Sperrgebiet) ganz nah kommen. Ein einmaliges Erlebnis, sagt Reitmeier rückblickend, in dem der Wunsch reifte, einmal das ganze Areal erkunden zu können – was noch Jahre dauern sollte.
Wirtschaft knüpfte Kontakte
Schneller ging es mit anderen Aktionen. Wirtschaftliche Kontakte wurden geknüpft, die Geschäftswelt auf Messen beiderseits der Grenze präsentiert („das sollte keine Einbahnstraße sein“), Freundeskreise gegründet und Städtepartnerschaften besiegelt; als deutschlandweit zweite die zwischen Furth und Domažlice.
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In Bildern erinnerte Reitmeier an Besuche hochrangiger Politiker, die Eröffnungen der Wandergrenzübergänge oder Begegnungen in privaterem Kreis – all das möglich durch den Fall des Eisernen Vorhangs. Wenngleich diese heute Normalität seien, sei jede Einzelne wichtig, betonte er. Man dürfe nicht vergessen, dass dies lange unvorstellbar war. „Wir lebten an einer abscheulichen, nahezu undurchdringlichen Grenze.“ Die Freiheit sei ein Geschenk, Europa der Friedensgarant. „Tun wir Alles dafür.“ Ein würdigeres Schlusswort hätte diese Geschichtsstunde ersten Ranges nicht finden können.



