Mit Treffelstein und Babylon hat zusammengefunden, was zusammengehört – der Sprachbarriere zum Trotz

Von Petra Schoplocher · 18. August 2023 um 19:00

Die Umarmung, sie ist äußerst herzlich, die Wiedersehensfreude ist zu spüren. Keine Frage, mit Helmut Heumann und Pavel Bambásek haben sich zwei gefunden. Und mit ihnen – praktisch als als Glücksfall on top – „ihre“ beiden Gemeinden Treffelstein und Babylon. Eine Geschichte mit Tiefgang.

Als Dolmetscher Vilem Bulka zum Verhältnis der beiden Bürgermeister verschwörerisch lächelnd meint: „Die Chemie stimmt“, drängt sich das nächste Bild, das von der gleichen Wellenlänge auf. Was im Fall Treffelstein-Babylon herrlich doppeldeutig ist, begann ihre Beziehung im und auf dem Wasser. Die bayerische Kommune, die gerade wieder an die 1000 Einwohner heranschmeckt, fungierte für ein Drachenbootrennen im Juni 2022 als Kooperationspartner der Böhmen – die gemeinsame Vorbereitung, die Treffen, sie waren der Durchbruch in Sachen Partnerschaft.

Tschechische „Suchanzeige“

Rund ein Jahr zuvor hatten die Babyloner beim Aktionsbündnis Cerchov plus (von dem beide Riesen-Fans sind) eine Art „Suchanzeige“ aufgeben. „Es gibt viele Berührungspunkte“, begründet der 48-jährige Bürgermeister den Vorstoß von tschechischer Seite. „Deutsche fahren hier her und leben hier“, zudem sei der Wunsch immer wieder einmal an ihn herangetragen worden.

Gegenseitige Besuche

Schnell kristallisierte sich aus den Mit-Kandidaten Tiefenbach, Gleißenberg Treffelstein heraus. Nach gegenseitigen Besuchen der Gemeinderäte „wollten wir es dann einfach“, verdeutlicht Helmut Heumann. Er sieht die Wahl Bambáseks als Glücksfall für die Partnergemeinde, aber auch die interkommunale Zusammenarbeit. Heumann ist überzeugt: Deren offizielle Besieglung hat Bedeutung für den gesamten Landkreis.

Der Sinn von Europa

Er wünscht sich, dass viele Menschen das Große-Ganze sehen, nämlich zwei grenznahe Gemeinden, die sich zusammentun. Denn: Nicht zuletzt mache genau das, wie die Begegnungen von Menschen, Europa aus.

20 Minuten von Treffelstein nach Babylon

Anders als Babylons Partnerstadt Lauenen in der Schweiz, zu der die Entfernung ein Hindernis darstellt, ist Treffelstein nur einen Katzensprung entfernt, seit die schmalen Straßen neu asphaltiert sind, ist die Strecke in 20 Minuten zu schaffen. Es gibt regelmäßige Treffen, aber keine fixen Termine, „wir wollen uns ja Freiräume lassen.“

Spuren hinterlassen

Dennoch hat die im Frühjahr besiegelte Partnerschaft schon Spuren hinterlassen. Der neue Konferenzraum im Rathaus Babylon beispielsweise. „Sieht ja aus wie bei uns“, verschlägt es Helmut Heumann fast die Sprache.

Vom Feuerwehrfest begeistert

Pavel Bambásek wiederum hat regen Input aus dem Besuch des Treffelsteiner Feuerwehrfestes im Juli mitgenommen. Das „fachübergreifende“ Miteinander der Vereine – Fußballer, Schützen, Musikkapellen... – habe er so nicht gekannt. „Sicher ein Ansatz“, sagt er immer noch beeindruckt, auch von den Zuschauermengen am Straßenrand beim Festzug.

„Wir schaffen das“

Heumann und Bambásek sind aus vielen Gründen überzeugt, dass es gelingen wird, die Verbindung mit Leben zu füllen. Weil in Vereinen und Organisationen große Vorfreude, Neugier und Bereitschaft herrscht, sich einzulassen. „Viele sehen die Chancen“, berichtet das Bürgermeister-Duo, dem folglich nicht bange ist, dass sich die Partnerschaft „von offizieller auf Bürgerebene runterbrechen“lasse. Zumal die Jüngeren – Stichwort Sprachbarriere – den Luxus Englisch als gemeinsame Basis nutzen könnten.

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Auf „politischer“ Ebene funktioniert die sowieso. Menschlich – Bambásek und Heumann sind das beste Beispiel – und inhaltlich, haben die Kommunen doch ähnliche Themen und Herausforderungen. Energiefragen. „Er strebt Treffelsteiner Ziele an“, kommentiert Heumann augenzwinkernd die Ansage des Kollegen, ab 2024 alle kommunalen Dächer mit PV-Anlagen auszustatten (Treffelstein hat seine 100 Prozent schon).

Babylon bekommt Umgehung

Auf der anderen Seite: Für die geplante Umgehung Babylons, durch das Tag für Tag alleine rund 6000 Lastwagen brettern, gibt es Videoanimation, Informationsflyer... „Das ist für uns wie vieles andere sehr interessant.“ Baubeginn für die fast sechs Kilometer lange Hauptroute soll 2025, Fertigstellung zwei Jahre später sein.

Gemeinsames Ziel: Sanfter Tourismus

Nicht zuletzt das gemeinsame Ziel „sanfte“ Tourismusentwicklung: Beide grenzen an einen See an, Babylon verfügt zudem über einen Campingplatz. Bambásek saugt die Attraktivierung des Silbersees geradezu auf, er weiß, dass nicht nur das Preis-Leistungs-Verhältnis („da sind wir gut“), sondern auch Essen, Trinken und Unterhaltung passen müssen, damit die Menschen gerne wieder kommen.

„Irgendwie geht es“

Wie aber funktioniert die Kommunikation zwischen einem deutschen Bürgermeister, der kein Tschechisch kann, und einem tschechischen, der mehr kann als er zugibt: „Mails. Übersetzungsprogramme“, lächeln beide. Und Menschen wie Vilem Bulka, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Sprachbarriere im Sinne der gemeinsamen Sache aktiv überwinden zu helfen.

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Und dabei den ein oder anderen persönlichen Mehrwert mitnehmen. Vor einigen Wochen besuchte Helmut Heumann den Kindergarten in Babylon, Bulka im Schlepptau. Dessen Augen funkeln, als er von einer Einlage der Jüngsten erzählt (oder Eindrücke übersetzt, der Übergang ist mitunter fließend). „Wunderbar, báječné!“

Apropos Fremdsprache: Im neuen Konferenzraum des Babyloner Rathauses wird ab September ein Deutschkurs angeboten. Auf der anderen Seite der Grenze bemüht sich Helmut Heumann im Sinne der Gegenläufigkeit um ein ähnliches Angebot.

Die Menschen sind der Schlüssel

Der 64-Jährige aber weiß: Darauf wird es unter‘m Strich vielleicht nicht ankommen. Weil es mehr um Begegnungen beim und rund um Drachenbootrennen gehe, um andere Anlässe, abseits des Rampenlichts. Bei denen sich Menschen treffen, die sich noch dazu sympathisch und auf der gleichen Frequenz unterwegs sind. Spätestens dann gibt es keine Grenzen mehr, sondern nur noch herzliche Umarmungen wie die zwischen Helmut Heumann und Pavel Bambásek.

ZU BABYLON

Geographie: Babylon liegt auf halbem Weg zwischen dem Grenzübergang Furth im Wald/Folmava und Domažlice (sieben Kilometer) . Nach Treffelstein sind es etwa 27 Kilometer. Besonderheit ist der idyllisch gelegene (Bade)See mit Strand.

Daten: Aktuell zählt die Gemeinde Babylon 330 Einwohner, sie verfügt über einen eigenen Kindergarten, Sportanlagen und einen Campingplatz. Bürgermeister ist seit 2018 Pavel Bambásek.

Erinnert – nicht zufällig – an den Sitzungssaal in Treffelstein. „Hat Pavel bei uns abgeschaut“, grinst Helmut Heumann.