Wenn der Partner zum Feind wird: Braucht Neumarkt einen Notruf und ein Frauenhaus?

Der gefährlichste Ort ist nicht die Tiefgarage oder der nächtliche Park. Gewalt gegen Frauen findet häufig im eigenen Heim statt, mit dem Partner als Täter. Auch in Neumarkt steigt die Zahl der Fälle. Frauenhäuser bieten den Betroffenen Schutz. Doch die nächsten befinden sich in Nürnberg und Regensburg. Und diese sind oft ausgebucht. Wie wirkt sich das auf den Landkreis Neumarkt aus?
„Wir sind in der Regel immer voll“, erzählt Ingeborg Heindl vom Frauenhaus Regensburg. Zwölf Zimmer bietet sie an. In jedem wohnt eine Frau, manche mit Kindern. Bei der Gründung des Hauses in den 1980er Jahren war es als Übergangslösung für ein paar Monate gedacht, bis die Frauen eine eigene Wohnung gefunden hatten. Die gestiegenen Mieten machten das aber in den letzten Jahren fast unmöglich. Meist blieben die Frauen mehr als ein Jahr hier, sagt Heindl.
Eigentlich gilt in Deutschland der Grundsatz, dass bei häuslicher Gewalt der Täter die gemeinsame Wohnung verlassen soll. „Oft wäre das aber zu gefährlich, weil der Täter dann weiß, wo die Frau lebt“, so Heindl.
Häusliche Gewalt trifft vor allem Frauen
Die Fälle betreffen alle Altersgruppen und sozialen Schichten. Und sie sind keine Seltenheit. Jedes Jahr veröffentlicht das Bundeskriminalamt einen Bericht zu Lage in Deutschland. Die neuste Ausgabe von 2022 verzeichnet 240.000 Opfer von häuslicher Gewalt. 71 Prozent davon weiblich. In Neumarkt sehen die Zahlen ähnlich aus: 126 Fälle der häuslichen Gewalt meldet die Polizeiinspektion für 2022. Auch hier sind zwei Drittel der Opfer weiblich. Dazu kommen 51 Sexualdelikte – und eine unbekannte Dunkelziffer.
Weißer Ring berät Gewaltbetroffene
„Gerade im ländlichen Bereich haben die Frauen oft Angst zur Polizei zu gehen“, sagt Anastasia Kenty von der Opferhilfe Weißer Ring. Da es in Neumarkt keinen speziellen Frauennotruf gibt, landen viele Hilferufe bei ihr: „25 waren es im letzten Jahr.“ Das sei zwar verglichen mit München, wo manchmal 50 Anrufe am Tag eingehen, relativ wenig, aber immer noch erschreckend viel.
Schutzcafé in Neumarkt muss kürzer treten
Neumarkts zweite Anlaufstelle für Gewaltbetroffene jeden Geschlechts ist das Schutzcafé des Vereins Safe Space. Bis vor kurzem fand es einmal im Monat im Café Immergrün statt – aktuell aber nur noch vier Mal im Jahr. Das liegt nicht an mangelnder Nachfrage: „Ehrenamtlich schaffen wir das alles einfach nicht“, sagt Luisa Hofmann von Safe Space. Das Hilfstelefon des Vereins wird oft genutzt. Und auch als Referentinnen für Workshops wird das Team häufig angefragt: Eine zentrale Notrufstelle oder auch ein Frauenhaus in Neumarkt fände Hofmann deshalb „absolut sinnvoll“.
Landkreis Neumarkt unterstützt Frauenhäuser
Doch wer wäre für eine solche Einrichtung überhaupt zuständig? In der Regel sind es der Freistaat und die Kommunen, welche sich die Kosten für Hilfseinrichtungen teilen. Da der Landkreis Neumarkt die Häuser in Regensburg mitnutzt beteiligt er sich dort an der Finanzierung. Für Gisela Meyer, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises, macht das Sinn: „Die betroffenen Frauen wollen ja gerne möglichst weit weg von ihrem Heimatort und in einer großen Stadt sein, damit sie anonym bleiben können.“
Ist ein Frauenhaus in Neumarkt sinnvoll?
Ein Haus in Neumarkt wäre deshalb eher für Frauen aus anderen Landkreisen interessant. Darauf sei sie aber noch nie angesprochen worden. „Aber wenn sich ein entsprechender Bedarf abzeichnet, kann ich das gerne einbringen.“ Für die Regensburger SPD-Bundestagsabgeordnete Carolin Wagner würde sich Neumarkt dagegen durchaus als weiterer Standort anbieten: Denn „bayernweit haben derzeit nur drei von 41 Frauenhäusern noch Aufnahmemöglichkeiten“.
Dabei ist Deutschland rechtlich verpflichtet, umfangreiche Hilfsangebote bereitzuhalten: 2018 unterzeichnete die Bundesrepublik die Istanbul-Konvention der Vereinten Nationen, die umfassende Maßnahmen zum Schutz von Frauen und Mädchen festlegt.
UN rügt Deutschland
Wie viel davon verwirklicht wurde, prüfte eine Kommission der UN im Oktober 2022. Ihr Fazit: „Es wurde eine breite gesellschaftliche Debatte angeregt. Allerdings gibt es bedeutende Mängel bei der praktischen Umsetzung“. Bemängelt wurden unter anderem das Fehlen einer Gesamtstrategie, einer für die Umsetzung zuständigen zentralen staatlichen Stelle, sowie der dafür nötigen Finanzmittel.