„Wir wollen keine Schätzchen sein!“: Uschi Glas im großen Geburtstagsinterview

Von Philipp Hedemann · 3. März 2024 um 05:00

Sie gehört seit 55 Jahren zu Deutschland beliebtesten Schauspielerinnen. Am 2. März wird Uschi Glas, die im niederbayerischen Landau an der Isar geboren wurde, 80 Jahre alt.

Im Interview spricht sie unter anderem über Nacktszenen, Liebe und Hass, Geld, schmerzende Kritiken, Trotz, Rassismus, die AfD, Willy Brandt, Franz Josef Strauß, Gott, den Tod und warum sie kein Schätzchen sein möchte.

Das Interview im Wortlaut:

Frau Glas, mit „Zur Sache, Schätzchen“ hatten Sie vor mehr als 55 Jahren Ihren Durchbruch. In wenigen Tagen werden Sie 80 Jahre alt und für viele sind Sie immer noch das „Schätzchen“ von 1968. Aber jetzt erscheint Ihr neues Buch „Ein Schätzchen war ich nie“. Warum wollen Sie kein Schätzchen sein?

Uschi Glas: Unter einem „Schätzchen“ verstehe ich eine anschmiegsame Frau, die schüchtern zum Mann emporschaut. So wollte ich nie sein, und so war ich auch nie. Ich habe immer versucht, mir selber treu zu bleiben, selbst wenn ich damit jemanden vor den Kopf gestoßen habe. Mir war es immer wichtig, unabhängig zu sein, und ich habe mich nicht selbst hintergangen, sondern darauf geachtet, mit mir selbst im Reinen zu sein, um so auch mein eigenes Seelenpflänzchen zu schützen. Mein Buch ist ein Appell an die Leserinnen und Leser, vor allem an die Frauen, sich nicht unterbuttern zu lassen, zu sich selbst zu stehen und alles dafür zu tun, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Wir wollen keine Schätzchen sein!

Ihnen eilt der Ruf voraus, sich nichts gefallen zu lassen, auch gerne mal gegen den Strom zu schwimmen. Wie äußert sich das?

Glas: Ich habe mir nie eine Kappe überstülpen lassen, weder eine politische noch irgendeine andere, um zu gefallen. Wenn alle einer Meinung sind und keinerlei Widerrede zugelassen ist, stellen sich bei mir alle Haare einzeln auf. Wenn alle dasselbe wählen, kann ich ja als einzige etwas anderes wählen. Dafür leben wir doch in einer Demokratie.

Im Bundestagswahlkampf 1972 setzten Kolleginnen und Kollegen, Filmschaffende und Produzenten Sie unter Druck, sich der Kampagne „Willy wählen“ anzuschließen. Aber Sie wollten keinen Wahlkampf für Willy Brandt machen. Warum?

Glas: Der ganze junge deutsche Film war damals von Willy Brandt begeistert. Viele der Filmschaffenden standen politisch links, und für die Israel-Kritik bis hin zu Antisemitismus von einigen aus der Szene hatte ich gar kein Verständnis. Mit meiner Haltung machte ich mir keine Freunde, denn plötzlich hieß es: „Wenn Du nicht mitmachst, bist du beim jungen deutschen Film draußen, dann werden dich alle ignorieren, dann wirst Du keine einzige Rolle mehr kriegen.“ Weil ich mich nicht habe zwingen lassen, ist diese Weissagung tatsächlich so eingetreten. Dabei hätte ich sehr gern im jungen deutschen Film mitgespielt.

Bereuen Sie Ihre Entscheidung?

Glas: Nein. Man sollte sich nicht verstellen und sich zu Dingen überreden lassen, die man nicht machen möchte. Es ist wichtig, den aufrechten Gang früh zu erlernen. Wenn du dich selbst geprüft hast, und zu dem Schluss kommst, dass du etwas nicht machen möchtest, dann musst du bei dir bleiben. Um sich selbst zu schützen, muss man auch mal nein sagen, auch wenn man dadurch etwas verlieren könnte. Wer nie nein sagt, gerät aus der Balance und wird krank. Und wenn ich bedroht werde, oder man mir sagt, wenn du es nicht so machst, wie wir es wollen, ist für mich der Ofen aus. Wenn ich erpresst werden soll, eine bestimmte politische Haltung einzunehmen, dann mache ich es schon aus Trotz nicht.

Was hat dieser Trotz mit Ihrer Kindheit zu tun?

Glas: Rückblickend muss ich sagen, dass mein Vater ein sehr lieber Mann war, aber als Kind habe ich ihn vor allem als sehr streng wahrgenommen. Ich wäre gerne aufs Gymnasium gegangen, aber mein Vater war der Meinung: „Du bist hübsch, du heiratest eh mit 24 und kriegst zwei Kinder, dann ist die Sache geritzt. Dafür brauchst Du nicht auf die höhere Schule gehen.“ Darum habe ich nur die Mittlere Reife. Mein Vater hatte stets das letzte Wort. Wenn er sagte: Jetzt ist Schluss, dann war Schluss. Aber ich habe schon als Kind begriffen: Mein Vater kann mir vielleicht verbieten, noch etwas zu sagen, aber er kann mir nicht verbieten, zu denken, was ich will.

In Ihrem Geburtsort Landau an der Isar waren Sie und Ihre Familie krasse Außenseiter. Hat auch das Ihren Trotz genährt?

Glas: Wahrscheinlich. Mein Vater war im erzkonservativen katholischen Niederbayern sozialdemokratischer Protestant aus Franken. Mehr Außenseiter geht kaum. Meine Mutter kam aus Schwaben und war ursprünglich katholisch, ist aber zum evangelischen Glauben konvertiert, um meinen Vater heiraten zu können. Das war damals eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Wir wurden „Ketzer“ genannt. Es hat mich wirklich beschäftigt, warum die Katholiken jedes Mal, nachdem wir Protestanten in ihrer Kirche Gottesdienst gefeiert hatten, die Kirche mit Weihrauch ausgeräuchert und so offensichtlich von uns Ketzern gereinigt haben. Und weil ich einen etwas dunkleren Teint und dunkle Locken hatte, wurde ich zudem „Negerlein“ genannt.

Hinter diesem rassistischen Spitznamen steckte ein böses Gerücht.

Glas: Ja, es gab das Gerücht, dass mein Vater ein schwarzer amerikanischer Soldat war. Aber das war schon rein rechnerisch unmöglich, weil ich geboren wurde, bevor amerikanische Soldaten im Zweiten Weltkrieg deutschen Boden betreten haben. Trotzdem habe ich als Kind darüber nachgedacht, ob ich vielleicht später geboren worden bin und mein Geburtstag zurückdatiert wurde, um zu verschleiern, wer mein Vater ist. Aber all die Ausgrenzungen und Anfeindungen haben mich nicht gebrochen, sondern meinen Widerspruchsgeist erst so richtig geweckt. Ich habe mich nie klein machen lassen und früh gelernt, mir selbst die beste Freundin zu sein.

In „Zur Sache, Schätzchen“ sollten Sie in der berühmtesten Szene laut Drehbuch eigentlich nackt sein. Aber Sie wollten das nicht und haben – wie so oft – Ihren Willen durchgesetzt. Auf eigene Kosten ließen Sie sich für die Szene eine Korsage anfertigen. Auch später haben Sie nie eine Nacktszene gespielt. Warum?

Glas: Als Schauspielerin musst du immer deine Seele nach außen kehren, du musst die Gefühle der Rollen nicht nur spielen, sondern sie auch leben. Deshalb habe ich nie eingesehen, mich quasi doppelt nackt zu machen und mir auch noch die Klamotten vom Leib zu reißen. Aber im jungen deutschen Film war das damals Mode. Spätestens auf der 15. Seite des Drehbuchs hieß es immer: „Die Hauptdarstellerin lässt die Hüllen fallen.“ Meistens ohne jeden Grund, ohne dass die Szene es hergab! Meine Agentin sagte damals: „Uschi, jetzt stellen Sie sich doch nicht so an. Sie sind doch so gut gebaut. Sie können sich das doch leisten. Alle machen das!“ Meine Antwort darauf war stets: „Es kann schon sein, dass ich es mir leisten kann, aber ich möchte es nicht. Und wenn alle da mitmachen, mache ich erst recht nicht mit.“

Was finden Sie so schlimm an Nacktszenen?

Glas: Sie machen den Film meistens nicht besser. Aber besonders unverständlich finde ich es, eine Nacktszene als einen Akt der Emanzipation zu verkaufen. Was soll emanzipiert daran sein, sich von Männern auf den Busen starren zu lassen? Ich wollte stets auf Augenhöhe mit Männern sein. Und meine männlichen Kollegen mussten sich doch auch nicht sinnlos nackert machen.

Welche Ihrer vielen Rollen hat am meisten Ihrer Persönlichkeit entsprochen?

Glas: Als ich jung war, hat mir sicher die etwas spießige und konservativ erzogene Barbara aus „Zur Sache, Schätzchen“ gut entsprochen. Im Film gerät sie dann an den verrückten Werner und findet Gefallen an ihm.

Was ist Ihnen wichtiger: Das Urteil des Publikums oder das Urteil der Kritiker?

Glas: Mich interessiert nur das Urteil des Publikums. Ich verdiene gerne gutes Geld, aber ich möchte es mir auch verdient haben. Wenn ein Produzent einen Haufen Geld in einen Film investiert und mir die Chance gibt, darin mitzuwirken, dann sehe ich es als meine Pflicht an, alles dafür zu tun, dass dieser Film auch ein Erfolg wird. Es war immer mein Anspruch, so zu spielen, dass die Menschen ihre Pantoffeln ausziehen, Schuhe und Mantel anziehen, die Geldbörse nehmen und sich auf den Weg ins Kino machen. Auch bei meinen Fernsehfilmen und Serien, war es mir nie wurscht, ob das jemand anschaut oder nicht. Ich habe die Einschaltquoten immer genau verfolgt. Aber nicht, dass man mich missversteht: Erfolgreiche Filme und Serien, die bei den Menschen gut ankommen, können und sollen auch gutgemacht sein.

Und was die Kritiker sagen, ist Ihnen wirklich völlig wurscht?

Glas: Wenn etwas zerrissen wird, kränkt es immer. Vor allem, wenn die Kritik sich nicht auf mein Spiel, sondern auf meine Person bezieht und ins Private geht. Wenn mich ein Mensch, der noch nie ein Wort mit mir gesprochen hat und vielleicht keinen meiner Filme gesehen hat, in einem beleidigenden oder verletzenden Rundumschlag für etwas verurteilt, für das ich stehe, dann tut das immer weh.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Glas: Ich habe mit dem Wort Stolz ein Problem. Stolz ist etwas ganz Dummes. Ich bin nicht stolz, sondern dankbar und demütig für all das, was ich machen durfte und was ich immer noch machen darf. Ich war und bin fleißig und diszipliniert, aber ich hatte auch viel Glück. Man muss sein Glück aber auch am Schopfe packen. Ich konnte mich dabei meist auf meine Intuition verlassen.

Wann konnten Sie sich auf Ihr Bauchgefühl verlassen?

Glas: Alle waren dagegen, dass ich die Barbara in „Zur Sache, Schätzchen“ spiele. Meine Agentin sagte: „Heutzutage schaut doch kein Mensch mehr einen Schwarz-Weiß-Film! So eine Low-Budget-Hungerleider-Produktion mit einem unfertigen Drehbuch hat absolut keine Chance!“ Zudem stand ich damals bei Rialto-Film unter Vertrag und drohte dort alle weiteren Engagements zu verlieren. Aber ich habe an „Zur Sache, Schätzchen“ geglaubt und wollte unbedingt drehen. Heute versucht man, Erfolge zu machen, indem man alles abklopft. Aber manchmal musst Du einfach mal was riskieren. Und dann klappt es auch. Meistens.

Als Sie ein Kind waren, sagte Ihr Vater zu Ihnen: „Zwergel, abends musst du in den Spiegel schauen können.“ Konnten Sie das immer?

Glas: Im Großen und Ganzen, ja. Aber natürlich mache ich Fehler, verhalte mich falsch, bin mal ungerecht und ungehalten. Dann war der Blick in den Spiegel am Abend nicht so angenehm. Doch ich habe grundsätzlich etwas gegen Ungerechtigkeiten. Wenn jemand am Set oder sonst wo schlecht behandelt wird, habe ich das Bedürfnis, einzuschreiten. Ich kann nicht anders. Und ich habe immer versucht, mich selbst zu kontrollieren. Das ist auch nötig, denn wenn man sehr jung sehr erfolgreich ist, sitzt der Teufel einem auf der Schulter.

Wieso saß Ihnen der Teufel auf der Schulter?

Glas: Wenn du von allen verwöhnt und umgarnt wirst, könntest du dich wie das Allerletzte benehmen, und sie würden es dir trotzdem durchgehen lassen. Sie würden sagen: „Künstler sind nun mal so!“ Das kann in Versuchung führen. Aber gerade dann ist es wichtig, das nicht auszunutzen, sondern sein eigener strenger Kritiker zu werden. Ich wollte immer gerne ein normaler Mensch sein und lebe das auch. Ich bin dankbar, dass ich einen Beruf habe, den ich immer noch liebe, aber ich fände es total lächerlich, mich herauszuheben, nur weil ich einen Text auswendig lernen und etwas darstellen kann.

Sind Sie gläubig?

Glas: Ja. Ich glaube jedoch nicht daran, dass es einen evangelischen, katholischen, muslimischen oder jüdischen Gott gibt. Aber ich glaube zu 100 Prozent an die Existenz eines höheren Wesens. Ich bete jeden Abend und lasse den Tag so Revue passieren. Da mögen Leute drüber lachen, aber das ist mein Zwiegespräch, meine Tagesbilanz. Ich will nicht einfach sagen: „Ist doch alles in Ordnung“ und über das hinweggehen, was nicht in Ordnung ist. Die Welt ist so aus den Fugen geraten, dass jeder sich auch um andere kümmern muss, statt ständig nur an sich zu denken. Ich glaube, dass wir alle eine Verantwortung für das Funktionieren der Gesellschaft tragen und jeder sich fragen sollte: „Wo kann ich mich engagieren? Wo muss ich aufstehen und sagen: So geht das nicht!“

Millionen Menschen haben in den letzten Wochen genau das getan, sich an Demonstrationen gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus beteiligt.

Glas: Ich habe die Straßen in München noch nie in meinem Leben so voll gesehen, wie bei der großen Demonstration gegen rechts, die Ende Januar wegen des zu starken Andrangs aufgelöst werden musste. Dagegen kommt kein Oktoberfest an. Ich hatte das Gefühl, die ganze Stadt war auf den Beinen. Es hat mich sehr gefreut, dass so viele Menschen gegen Fremdenfeindlichkeit aufgestanden sind. Mein Mann und ich nehmen zudem seit Wochen an der „Run for their Lifes“-Solidaritätsveranstaltung teil, die auf das Schicksal der von der Hamas verschleppten Geiseln aufmerksam macht und sich für ihre Befreiung einsetzt.

Machen Ihnen die starken Umfragewerte der AfD Sorge?

Glas: Ja, natürlich, aber dass jetzt Millionen für die Demokratie auf die Straße gehen, beruhigt mich auch. Ich habe nach dem bekanntgewordenen Geheimtreffen der Rechten in Potsdam das erste Mal das unsägliche Wort „Remigration“ gelesen, letztendlich ein beschönigender Ausdruck für Deportation. Das ist doch ungeheuerlich! Wo leben wir denn? Wenn ich mir überlege, wie viele Menschen sich jetzt fürchten, wie viele Menschen sich in Deutschland nicht mehr wohlfühlen und wie viele Menschen darüber nachdenken, dieses Land zu verlassen – darunter meine jüdischen Freunde, die sich nicht mehr trauen ihren David-Stern zu tragen –, dann macht mich das sehr traurig. Mir ist das wirklich ein zutiefst wichtiges Anliegen, weshalb ich in meinem Buch auch deutlich sage: Wir alle müssen Haltung zeigen, wir brauchen Menschen, die widersprechen. Ich versuche aufzuzeigen, dass wir es gemeinsam schaffen können, wenn wir eben nicht der Kopf in den Sand stecken. Ich schreibe von Situationen in meinem Leben, in denen ich ausgebuht wurde, weil ich nicht konform war, in denen ich beschimpft und bedroht wurde, aber hat sich gelohnt, das will ich den Menschen sagen: Seid mutig!

Ob Antisemitismus, linker Konformitätsdruck, Fremdenfeindlichkeit oder Russlands Angriff auf die Ukraine – Sie äußern sich seit über 55 Jahren immer wieder zu politischen Themen. Wenn es mit der Schauspiel-Karriere nicht geklappt hätte: Wären Sie dann gerne Politikerin geworden?

Glas: Ich habe mich noch nie gefürchtet, mich zu äußern, auch wenn das bisweilen einen Shitstorm nach sich zieht. Aber gerade deshalb wäre die Politik nichts für mich gewesen. Denn dann hätte ich ja nicht mehr sagen können, was ich will. Es gibt keine Partei, mit der ich immer 100-prozentig einer Meinung war. Schon mein Temperament und mein ständiges Alles-in-Frage-Stellen, hätten es mir unmöglich gemacht, mich einem Fraktionszwang zu unterwerfen. Das hätte mir die Kehle zugeschnürt. Eine Karriere in der Politik wäre deshalb überhaupt nicht mein Ding gewesen.

Bilder, die Sie mit Franz Josef Strauß zeigen und Ihre Spende an die CDU nach der Spendenaffäre unter Helmut Kohl haben Ihnen die Spitznamen „CSU-Uschi“ und „Schwarze Ziege“ eingebracht. Was ist dran an den Spitznamen?

Glas: Nichts. Das ist Quatsch. Aber ich fand, dass Franz-Josef Strauß ein blitzgescheiter Mann war. Er konnte auf Latein parlieren und sehr schnell querlesen. Es war sehr anregend, sich mit ihm zu unterhalten, aber wir waren keine Freunde. Doch wenn man als erfolgreiche Schauspielerin zum Bayerischen Filmball eingeladen ist, kann es halt passieren, dass man mit dem bayerischen Ministerpräsidenten an einem Tisch hockt.

Zu Beginn der Corona-Pandemie haben Sie für die Impfung geworben und dafür von militanten Impfgegnern Morddrohungen erhalten. Wie erklären Sie sich den Hass?

Glas: Ich kann mir den Hass nicht erklären. Ich frage mich wirklich, was für eine Seele ein Mensch haben muss, um so viel Energie darauf zu verwenden, einem anderen Menschen die schlimmsten Sachen zu schreiben. Dinge wie: Man solle mich an die Wand stellen und mich vergiften. Wie kann ein Mensch so viel Hass ausspucken? Was ist das für eine arme Seele? Wahnsinn! Wahnsinn! Die vermeintliche Anonymität des Internets erleichtert es natürlich, solche Drohungen auszusprechen.

Macht Ihnen dieser Hass Angst?

Glas: Ein bisschen Schiss kriegst du da schon, aber als überzeugte Impfbefürworterin bin ich davon überzeugt, dass es richtig und wichtig war, dass ich die Kampagne unterstützt habe.

Wer war der wichtigste Mensch in Ihrem Leben?

Glas: Wie bei vielen Menschen: meine Mutter. Schon als Kind habe ich sie bewundert. Was diese Frau alles geschafft hat! Sie hat den Haushalt mit wenig Geld gemanagt, gewaschen, geputzt, gekocht, im Garten gearbeitet, eingeweckt, vier Kinder großgezogen und hatte dabei immer ein fröhliches Lied auf den Lippen. Auch wenn mir diese Volkslieder als Teenager manchmal auf die Nerven gingen: sie war einfach eine wahnsinnig tüchtige Frau. Sie hat nie gejammert, sie hat sich nie darüber beschwert, dass wir jeden Pfennig dreimal umdrehen mussten.

Wer hat Sie noch beeinflusst?

Glas: Die legendäre Verlegerin Aenne Burda – die mit der größten Modezeitschrift der Welt einen großen Verlag aufgebaut hat – hat mich tief beeindruckt und beeinflusst. Ich habe sie kennengelernt, als ich 1969 meinen ersten Bambi erhielt. Als eine unglaublich emanzipierte Frau, die sich nichts von Männern hat gefallen lassen, sagte sie zu mir: „Uschi, mit Männern immer nur auf Augenhöhe!“ Heutzutage ist das zum Glück etwas selbstverständlicher, doch als ich am Anfang meiner Karriere stand, war es das leider überhaupt nicht. Aber ich dachte mir gleich: „Sie hat Recht! Warum sollte ich jemals andächtig oder devot zu einem Mann emporschauen?“ An Aennes Rat habe ich mich mein Leben lang gehalten.

Zu Dieter Hermann, Ihrem zweiten Mann, schauen Sie nicht andächtig empor, aber seit fast 20 Jahren schauen Sie ihm verliebt in die Augen. Was macht Ihre zweite Ehe so besonders?

Glas: Früher dachte ich immer, Gegensätze ziehen sich an. Ich musste erst etwas reifer werden, um festzustellen, dass Gemeinsamkeiten eine Beziehung nicht langweilig machen, sondern dass man so gemeinsam eine höhere Ebene erreichen kann. Als ich Dieter kennengelernt habe, habe ich festgestellt, dass wir im Umgang mit Menschen für genau die gleichen Werte wie Höflichkeit, Respekt und Verantwortung einstehen. Wir ergänzen uns gegenseitig und streiten nie, auch wenn wir nicht immer 100-prozentig einer Meinung sind. Wir brauchen nicht viele Menschen um uns. Wir können wunderbar zu zweit sein, ohne uns je zu langweilen. Diese Liebe ist wie ein Geschenk und beflügelt mich total.

Was unterscheidet die Liebe im Alter von der Liebe der Jugend?

Glas: Bei mir unterscheidet sie sich gar nicht. Die Gefühle der Liebe, der Zuneigung und des Verliebtseins sind bei mir immer gleichgeblieben. Es gibt natürlich Menschen, die brauchen Abwechslung, aber so war ich nie. Ich war auch als junges Mädchen kein flatterhafter Mensch. Ich war immer straight. Mit dem Mann, mit dem ich zusammen war, war ich zusammen.

Bereuen Sie etwas?

Glas: Ich habe sicherlich nicht immer alles richtig gemacht, und natürlich gab es in meinem Leben auch Tiefschläge. Aber dann hat es eben so sein müssen, dann habe ich nicht gehadert, es anzunehmen. Etwas ewig zu bereuen bringt nichts, denn ändern kann man es ohnehin nicht mehr. Ich bin kein Mensch, der rückwärts guckt. Vielleicht schaue ich mir auch deshalb fast nie meine eigenen Filme an. Ich gucke eigentlich nur nach vorne.

Warum schauen Sie nicht zurück?

Glas: Für mich ist das, was kommt, viel interessanter als das, was war. Aber in dem Alter, in dem ich jetzt bin, treffe ich immer häufiger Menschen, die nur zurückblicken, die immer wieder die gleichen Anekdoten erzählen, die ich schon 13 Mal gehört habe. Das finde ich traurig und langweilig. Ich freue mich über das, was ich schon machen durfte, aber eigentlich freue ich mich noch mehr über das, was ich noch machen kann.

Wären Sie gerne noch mal 20 Jahre alt?

Glas: Nein. Ich wage zu bezweifeln, dass früher alles besser war. Ich hatte und habe ein interessantes Leben, aber deshalb spreche ich den jungen Leuten doch nicht ab, dass sie nicht auch ihre Gaudi haben. Nur ich kann da halt nicht mehr mitmachen.

Wie halten Sie sich körperlich und geistig fit?

Glas: Indem ich jeden Tag ein gewisses Programm durchziehe. Morgens mache ich mein Stretching-Programm und tagsüber versuche ich, so viel wie möglich zu laufen. Ich nehme stets die Treppen statt des Lifts und versuche täglich auf mindestens 10.000 Schritte zu kommen. Meistens schaffe ich das auch.

Was haben Sie noch vor?

Glas: Sehr viel! Ich habe drei Enkelkinder. Sie gehören zu den wichtigsten Menschen in meinem Leben, und ich versuche, sie so oft wie möglich zu sehen, um Spaß mit ihnen zu haben. Außerdem möchte ich meinen Verein brotZeit weiter vorwärtsbringen.

Was macht Ihr Verein?

Glas: Nachdem ich 2008 im Radio gehört hatte, wie viele Kinder jeden Morgen hungrig zur Schule gehen müssen, habe ich Dieter davon erzählt und sagte ihm, dass wir etwas dagegen unternehmen sollten. Er war sofort mit dabei. Zusammen haben wir dann den Verein brotZeit gegründet. Mittlerweile versorgen wir mehr als 15.000 Schülerinnen und Schüler, die ansonsten hungrig zur Schule gehen müssten, an fast 400 Schulen mit einem leckeren und gesunden Frühstück. Aber leider Gottes wird der Bedarf immer größer. Deshalb müssen wir weiter wachsen. Diese erfüllende Arbeit ist mir sehr wichtig.

Haben Sie neben Familie und Ehrenamt auch noch berufliche Pläne?

Glas: Natürlich! Mein Beruf bereitet mir nach wie vor große Freude, und ich möchte gerne noch viele Filme machen.

Wird das Auswendiglernen der Rollen mit zunehmendem Alter schwieriger?

Glas: Auch in jungen Jahren bin ich beim Lernen immer mal wieder an einen Punkt gelangt, an dem ich dachte: „Du kriegst es einfach nicht in deine Birne rein.“ Aber irgendwann ist der Text plötzlich doch im Kopf, und dann stellt sich jedes Mal ein großes Glücksgefühl ein. Ich habe zum Glück ein mathematisches Gedächtnis und so funktioniert das Auswendiglernen immer noch gut. Am besten klappt es, wenn ich im Park oder Wald spazieren gehe und die Texte dabei laut memoriere. So komme ich auch auf meine 10.000 Schritte.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Glas: Nein, aber ich hoffe trotzdem, dass ich noch möglichst lange lebe.

Haben Sie eine Vorstellung von dem, was danach kommen könnte?

Glas: Es ist ja noch keiner zurückgekommen, aber mir gefällt die Vorstellung vom Kreislauf, dass es nicht einfach so zu Ende geht, dass man – obwohl man weg ist – trotzdem noch irgendwie mit den Kindern und den Enkel weiterlebt. Zumindest in ihren Gedanken. Darum glaube ich nicht, dass man total verloren geht. Und wer weiß: Vielleicht werde ich ja als Ameise oder Buche wiedergeboren. Nur nicht als Schätzchen, so viel steht fest.

• Uschi Glas: Ein Schätzchen war ich nie, Goldmann Verlag, 224 Seiten, 24 Euro