Traditionshaus sperrt zu: Günter Salzbergers Abschiedstour von seinem Lebenswerk

Günter Salzberger ist bis heute ein streitbarer und damit auch umstrittener Chamer – ob als Einzelhändler, als Kommunalpolitiker oder als Kritiker der Stadt. Immer wieder hat er sich zu Wort gemeldet, oft gegrantelt, seltener gelobt. „Ich habe hier zwei Ordner mit Briefen an die Stadt – alle unbeantwortet“, sagt er. Auch wenn die seine Schreiben ignoriert – ein Schwergewicht ist er schon allein wegen des großen Geschäfts im Herzen der Stadt, das nicht einfach übergangen werden kann. Und das soll nun endgültig schließen.
Denn am Ende hat der Kaufmann in ihm gesiegt – der Modeeinzelhandel am Marktplatz lohnte nicht mehr. Zu wenig Einnahmen, um das Geschäft erhalten zu können – „da muss man die Reißleine ziehen!“, sagt er, auch wenn es wehtut. Denn, so erzählt er beim Geschichtsausflug in der Ahnenecke in seinem Büro, er sei hier der erste Hausbesitzer, der die Türe endgültig zuschließe.
Das könnte auch interessant sein für Sie: Schlussverkauf einer Chamer Institution
Das falle ihm als geschichts- und traditionsbewusstem Menschen sehr schwer, sagt Salzberger – und das sieht man ihm an. Noch nie ist in dem Haus, das eigentlich aus fünf Einzelhäusern besteht und früher das Brothaus der Stadt beherbergte, etwas Wichtiges oder Liebgewonnenes weggekommen.
Dafür hat man immer irgendwo ein Plätzchen gefunden – überall begegnen dem Besucher hier Überbleibsel vergangener Zeiten, die alle etwas zu erzählen haben. Und das macht der Hausherr für sie, der sich in der Tradition seiner Vorgänger – er selbst stammt aus Landau an der Isar – sieht, die viel für Cham getan haben.
Immer für Cham eingesetzt
Zwölf Wasserquellen habe etwa Josef Valentin Heilingbrunner für die Stadt entdeckt, nachdem er als Kind in der Stadt eine Wassernot erlebt habe. Wie er heute, so habe auch Heilingbrunner alles aufgeschrieben, so dass er vieles von früher wisse. Salzberger ist heute mit Cham und dem Landkreis verbandelt – etwa auch mit dem Kötztinger Pfingstritt, wo die Familie vom Erbe her das Hausrecht habe, mit zu reiten. Als Stadtrat habe er mit Klaus Hofbauer massiv dafür gekämpft, die Gartenschau herzubekommen, oder auch für den Neustifter-Brunnen votiert.
Doch bei aller Tradition – was bleibt ihm heute übrig? Die Zeit lief irgendwann gegen ihn und seine Frau Annemarie, deren Elternhaus der „Heilingbrunner“ am Marktplatz ist, den das junge Ehepaar nach der Heirat 1969 mit der Mutter von Annemarie – der Vater war schon verstorben – weiter führte. Schon damals sei es ein Traditionshaus gewesen, sagt Salzberger. In dritter Generation brachten die beiden das Modegeschäft über Jahrzehnte im Herzen der Stadt durch Höhen und Tiefen. Viele Kunden aus Cham und aus aus der Ferne ließen sich hier beraten und einkleiden: „Mancher hatte nicht einmal einen Knopf, der nicht aus unserem Haus kam!“
Der Zusammenhalt der Händler und Handwerker in der Stadt sei groß gewesen – gemeinsam habe man die Stadt nach vorn gebracht. Kontakt hat er noch zu vielen Stammkunden – in München, in Straubing oder auch in den USA, die vorbeischauen, wenn sie auf Deutschlandbesuch sind. In der Spitze hatte das Traditionshaus einmal 35 Beschäftigte, darunter sechs Lehrlinge.
Dann kamen Fehler der Städteplaner mit Geschäftszentren auf der grünen Wiese, das Internet mit 24-Stunden-Einkauf und 14-tägiger kostenloser Rückgabe, dann Corona mit dem Lockdown, zuletzt steigende Energie- und Versicherungskosten bei geringer werdender Konsumlaune. Da wird es schwer, zu überleben.
Schlaflose Nächte
So ist der Blick Salzbergers für die Zukunft der Chamer Innenstadt pessimistisch. Deshalb ist er heute froh, dass keines seiner drei Kinder in die Fußstapfen der Eltern getreten ist, um das Haus in vierter Generation weiterzuführen. Er habe damals lange daran geknabbert, „einige schlaflose Nächte“ seien das gewesen, so wie nun beim Entschluss, endgültig zuzusperren.
Dass nichts wegkommt im Haus, was nicht wirklich weg muss, sieht man im Büro von Günter Salzberger. Dort hängt noch seine Bundeswehruniform mit den Leutnantsklappen. „Für alle Fälle, falls es losgeht“, witzelt Salzberger. Was er mit der Zeit machen wird, die er im kommenden Jahr hat, ist offen. „Vielleicht ein Buch schreiben über die Briefe an die Stadt“, lacht er. Zeit hat er als Kaufmann immer wenig gehabt – „meine Frau und ich wissen nicht einmal, wie Urlaub geschrieben wird!“
Nach dem 31. Dezember 2024 soll sich das ändern. Bis dahin hat er aber noch einiges auf Lager, vom Hut bis zum kompletten Anzug, was es nun in den kommenden Monaten zu verkaufen gilt. Und er lockt mit dem, was für ihn immer Tradition war: mit viel Qualität und guter Beratung.
