Keine Wohnung, kein Geld: Schwarzfahrer ohne Zuhause landen oft im Gefängnis

Von Nikolas Pelke · 25. Februar 2024 um 19:00

Kein Dach über dem Kopf und den Haushalt ständig auf den Schultern: Bei einer Konferenz an der Ohm-Hochschule in Nürnberg haben Streetworker, Wissenschaftler und Wohnungslose unter dem Titel „Fragile Behausungen“ über neue Unterstützungsmöglichkeiten für Obdachlose gesprochen.

Ben Peter ist seit 20 Jahren Streetworker in Regensburg und kennt die praktischen Probleme von Obdachlosen aus der Praxis. „Die Wohnungslosen sind im Alltag ständig auf den Öffentlichen Nahverkehr angewiesen, ohne Geld für ein Ticket in der Tasche zu haben“, sagt Peter. Die Folge liegt für den Streetworker aus Regensburg auf der Hand. „Fast alle Obdachlose fahren notgedrungen schwarz“, sagt Peter und berichtet, dass viele Obdachlose beim alltäglichen Pendeln zwischen Ämtern, Behörden und Übernachtungsmöglichkeiten häufig auf Busse und Bahnen angewiesen seien.

Obdachlose häufig wegen wiederholtem Schwarzfahren im Gefängnis

Weil die Betroffenen beim Schwarzfahren regelmäßig auffliegen und die fälligen Strafen für das erhöhte Beförderungsentgelt von derzeit 60 Euro meistens nicht bezahlen können, landen viele mittellose Schwarzfahrer als Wiederholungstäter regelmäßig hinter Gittern.

6700 Obdachlose jährlich in Deutschland in Haft — wegen „Erschleichen von Leistungen“

„Rund 6700 Obdachlose müssen pro Jahr in Deutschland wegen Schwarzfahren eine Ersatzfreiheitsstrafe verbüßen“, hat Andrea Protschky von der TU Darmstadt im Rahmen ihrer Doktorarbeit herausgefunden. Der betreffende Gesetzesparagraph über das Erschleichen von Leistungen stamme noch aus den 30er Jahren. Weil Obdachlose die Geldstrafen nicht bezahlen könnten, würden die Gerichte in der Regel zwei- bis dreimonatige Ersatzfreiheitsstrafen verhängen, der die Menschen auf der Straße im Kampf gegen die Wohnungslosigkeit erneut zurückwerfe. „Das Fahren ohne Fahrschein verschärft ganz klar das Problem der Wohnungslosigkeit in Deutschland“, betonte die Soziologin bei der Konferenz.

Sabrina Heinl aus Straubing: Lösungen für das Schwarzfahren von Obdachlosen dringend benötigt

„Der Handlungsdruck nimmt mit jeder Krise weiter zu“, sagte Sabrina Heinl aus Straubing, die an einer Fernuniversität als Dozentin für Soziale Arbeit tätig ist. „Deswegen ist es wichtig, dass wir in die Umsetzung kommen und gemeinsam mit Betroffenen, Politikern und Wissenschaftlern die Probleme nicht nur analysieren, sondern auch lösen wollen“, betonte Heinl und sprach von einer wachsenden Distanz zwischen Demokratie, Wirklichkeit und einer Gesellschaft, die durch multiple Krisen auf einem immer dünneren Drahtseil durchs Leben balancieren müsse.

Wohnungslose in Regensburg: jünger und aggressiver, Drogen statt Alkohol

Durch die vielen Krisen und die Inflation sei das Pflaster für Wohnungslose auch in Regensburg tatsächlich härter geworden, berichtet Peter aus der Praxis. „Seit der Flüchtlingswelle aus dem Jahr 2015 hat sich viel verändert.“ Mittlerweile sei das Klientel jünger und aggressiver geworden, berichtet der 46-jährige Streetworker. Statt Alkohol würden Drogen den Ton angeben. Derzeit würde besonders eine rund 20-köpfige Gruppe junger Nordafrikaner in Regensburg für Probleme sorgen.

Rund 400 Menschen in Regensburg haben keine Wohnung

Peter schätzt die Zahl der Wohnungslosen in Regensburg aktuell auf rund 300 Personen. Zusätzlich würden momentan rund 100 weitere Betroffene versuchen, sich als „Sofasurfer“ bei Bekannten vor der Wohnungslosigkeit zu retten. Steigende Miete und hohe Kosten für Energie, Lebensmittel & Co. würden immer mehr Menschen an den Rand der Wohnungslosigkeit treiben. Peter ist sich sicher, dass die Einführung von kostenlosen ÖNPV-Tickets den Staat unter dem Strich viel billiger kommen würde.

Gratisfahrscheine für Obdachlose wären günstiger als Kosten für Gefängnis

„Die Kosten für die Gefängnisse sind viel höher, als die Kosten für die wenigen Gratis-Fahrscheine“, findet Peter und sagt, dass die Einführung des Deutschland-Tickets die Probleme eher verschärft habe. „Alles geht jetzt über eine App“, ärgert sich Peter und plädiert für eine analoge Lösung beispielsweise über den Fahrscheinautomaten. „Viele Menschen ohne Wohnung haben noch nicht mal ein Smartphone“, erklärt der Streetworker weiter.

„Smart Kiosk“ in Nürnberg: Hier können Wohnungslose ihr Handy aufladen

Um das Problem der digitalen Teilhabe zu verringern, ist in Nürnberg kürzlich ein sozialer „Smart Kiosk“ in der City eröffnet worden. Hier haben Wohnungslose beispielsweise die Möglichkeit, das Handy aufzuladen. „Wir haben festgestellt, dass der Zugang zu Internet und Strom für wohnungslose Menschen bedeutsam und manchmal schwer herzustellen ist. Gleichzeitig wünschen sich Menschen, die das Vertrauen in die Herkunftsfamilie, das Hilfesystem, den Staat oder die Gesellschaft verloren haben, konkrete Personen, zu denen sie wieder eine Beziehung aufbauen können und die sie unterstützen“, erläuterte Professor Frank Sowa von der Ohm-Hochschule als Gastgeber der Nürnberger Konferenz die Idee hinter dem neuen „Smart Kiosk“.

Regensburger Streetworker Ben Peter will Gratis-Busse für Obdachlose

Ben Peter will diesen praktischen Ansatz aufgreifen und träumt davon, mit Gratis-Bussen für Obdachlose den Teufelskreis aus Schwarzfahren und Haftstrafen tatsächlich an der Wurzel bekämpfen zu können. „Ich will innerhalb von einem Jahr eine Stadt finden, die kostenlosen Nahverkehr für Wohnungslose einführt“, sagt Peter kämpferisch und verweist als Hoffnungszeichen auf Städte wie Erlangen, die zur Belebung der Innenstadt bereits Gratis-Buslinien in der City eingeführt hätten.