Jüdisches Leben: Das Lachen, das im Hals stecken bleibt

Die Autorin liest im Theater Regensburg und erzählt, was sich seit dem Terror der Hamas für Juden verändert hat.
Adriana Altaras ist gelernte Schauspielerin und Regisseurin und wurde später auch Schriftstellerin. Was für eine großartige Kombination das ist, zeigte sich am Donnerstagabend im Theater am Bismarckplatz, wo sie aus „Titos Brille“ las. Ihr Romandebüt aus dem Jahr 2011 steht aktuell im Mittelpunkt der Veranstaltungsreihe „Regensburg und Kelheim lesen ein Buch“.
Altaras hat, als sei es für die Bühne, viele Dialoge in ihr Buch eingebaut. Sie liest nicht nur, sie erzählt, erschafft Szenen fast wie im Theater: Sie lässt ihren verstorbenen Vater in seiner Heldentat schwelgen, die Brille des Marschalls Tito, in dessen Diensten er als Partisan stand, repariert zu haben (dabei trug Tito zu der Zeit gar keine Brille). Das Publikum wird in Szenen ihres Familienalltags buchstäblich hineingesogen: So wenn die Erzählerin als jüdische Mutter zweier Söhne um die Frage herumeiert: Beschneiden lassen, ja oder nein? Oder wenn sie bei der Bar Mitzwa ihres Sohnes an der Sturheit des orthodoxen Rabbiners verzweifelt, weil der die geerbten Tefillin, die Gebetsriemen, als unkoscher zurückweist. Altaras kommentiert trocken, alle 5000 Jahre sei es doch an der Zeit für die Religiösen, mal eine andere Meinung gelten zu lassen – und nimmt dabei auch ihr christlich sozialisiertes Publikum mit.
Humor: „Eine Art Waffe“
Wie eng in ihrem autobiographischen Roman Humor und Schrecken beieinanderliegen, verdeutlicht Moderatorin Judith Heitkamp vom BR: Altaras lasse ihre Leser tief hinein in ihren Lebens- und Freundeskreis. Man lerne dabei auf leichte Weise über den jüdischen Alltag, die zweite Generation nach den Holocaust-Überlebenden und über Missverständnisse und Skurrilitäten im Umgang von Juden und Nichtjuden. Leser müssten bei der Lektüre oft herzlich lachen, doch es gebe „Momente, in denen uns das alles im Hals stecken“ bleibt.
So zum Beispiel, wenn Altaras einen Holocaust-Witz erzählt, der eine Botschaft für Nichtjuden enthält: „Moshe und Aaron erzählen sich einen Witz über Auschwitz und lachen wie irre. Gott kommt vorbei und sagt: Wie könnt ihr denn Witze machen über Auschwitz? Sagen sie zu ihm: Das verstehst du nicht, du warst ja nicht da.“
Humor sei für sie eine Art Waffe, sagt Altaras. Sie versuche die Dinge zu benennen, um sie aushalten zu können. Im Buch stellt sie durch warmherzigen und zugleich schonungslosen Witz eine Distanz her zum zentnerschweren Thema: Den Traumata der Überlebenden und ihrer Nachkommen. Humor befreie auch von Scham, die ein unbrauchbares Gefühl sei, sagt die Autorin: „Nichtjuden bringt es nichts, wenn sie sich schämen, dass ihre Eltern und Großeltern Mörder waren. Und mir bringt es nichts, wenn ich mich schäme, weil ich sie in diese Situation gebracht habe.“
„Jetzt gibt es diesen Riss“
„Titos Brille“ beginnt mit den Worten: „Meistens bin ich unbekümmert.“ Heitkamp fragt: „Das ist ein Satz von 2011. Stimmt der noch heute?“ Altaras: „Ich bin weniger unbekümmert seit dem 7. Oktober. Jeder, der ein bisschen Verstand hat, macht sich Sorgen, als Jude vielleicht noch mehr.“ Von der Reaktion der Deutschen auf den Terrorakt zeigt sie sich enttäuscht: „Es gab ein Zeitfenster zwischen dem Massaker und dem Rückschlag Netanjahus, in dem man hätte Empathie zeigen können. Es ist nicht passiert. Wenn es so etwas gegeben hätte wie ,Wir fühlen mit‘, wäre die Situation für die Juden entspannter gewesen.“ Nun sei die Lage katastrophal, auch für Palästinenser. Viele Juden trauten sich nicht mehr aus dem Haus.
Wichtigste Veränderung für Altaras persönlich seit dem 7.Oktober: Bei Lesungen sei ihr Thema früher Versöhnung gewesen, Verbindung herzustellen mit Nichtjuden. „Jetzt gibt es diesen sehr feinen Riss. So wie wenn man auf Eis läuft und es macht Chrkk.“ Mittlerweile spreche sie bei Lesungen nicht vom Holocaust, sondern vom Heute. Mit Blick auf die Anfeindungen gegenüber Juden sagt sie: „Es ist auch was Neues, wenn man liest, man soll ausgelöscht werden und es sind nicht die Eltern oder die Großeltern, die ausgelöscht werden, sondern man selbst.“
Altaras erzählt, sie habe bei einer Lesung in Hessen gesagt: „Leute, wenn jetzt Wahlen sind, wählt nicht schon wieder die AfD!“ Da sei eine Stille entstanden, „als wären sie alle tot“. Ihr scheine, als duldeten die Leute, wenn Juden sich mit der Shoa befassten, doch nicht mit der Gegenwart.
Altaras sagt mit Blick auf den erstarkenden Rechtsextremismus: „Ich fühle mich als Frau, als Jüdin und als Künstlerin bedroht.“ Im Theatersaal gibt es da kein Halten mehr: Das Publikum applaudiert lange, die Saalbeleuchter lassen die Lichter zustimmend aufleuchten. Es ist ein intensiver Moment dieser Lesung, mit der das Team von „Regensburg liest“ eine glückliche Hand bewiesen hat: Damit, einen 13 Jahre alten und doch hochaktuellen Roman ins Zentrum zu stellen und eine Autorin, die in Zeiten von Terror und Krieg so nachdrücklich an den Wert von Empathie erinnert.
Die Veranstaltungsreihe „Regensburg und Kelheim lesen ein Buch“
Projekt: Es steht für die Leseförderung. Noch bis 17. März gibt es zahlreiche Veranstaltungen in beiden Städten, getragen von Einzelnen und der vernetzten Kulturszene. Infos: www.regensburg-liest.de
„Titos Brille“: Adriana Altaras erzählt die Geschichte ihrer Familie. Ihre jüdischen Eltern stammen aus Zagreb und Split und kämpften als Partisanen gegen die Nazis und die faschistische Ustascha.
Termine: Ein Werkstattgespräch mit der Autorin gibt es am Samstag, 24. Februar, 10 Uhr, im Akademietheater Regensburg. Der Film „Titos Brille“ läuft am gleichen Tag um 18.30 Uhr im Ostentor-Kino.