Regensburg liest ein Buch: Gespräch über „Die große Ernüchterung“

Von Anna Häckel-König · 23. Februar 2024 um 05:00

Am Mittwochabend startete die Stadtleseaktion „Regensburg liest ein Buch“ im Degginger mit einem Gespräch zwischen Ulrich Dombrowsky und Autorin Adriana Altaras. Bis 17. März finden in Regensburg und Kelheim mehr als 40 Veranstaltungen, vier im Beisein der Autorin, zu ihrem Buch „Titos Brille“ statt.

Ein Engagement, das Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer besonders hervorhob. Indem Bürger aus verschiedenen Kreisen zusammen ein Buch lesen, fördere die Aktion die Stadtgemeinschaft, erweitere den Horizont des Einzelnen und ermögliche einen Perspektivwechsel, meinte Maltz-Schwarzfischer. Das Kulturthema des Jahres, „Katzenjammer“ sei bei der Planung kreativ umgesetzt, der Jammer sei als Lektion gedeutet worden, denn „Tiefen und schwierige Momente ermöglichen wertvolle Erkenntnisse“, wie die OB resümierte.

Schwere Entscheidung

Schwer sei auch jeweils die Entscheidung für ein Buch, wie Andrea Borowski, Vorsitzende des Vereins Regensburg liest, vermittelte. Auch wenn alle Beteiligten unterschiedliche Vorstellungen davon hätten, was lesenswert ist, habe man sich schnell auf Altaras „Titos Brille“ geeinigt. Dass „die Autorin versteht, wie es ist, wenn das Leben passiert“, habe nicht nur Borowski überzeugt, sondern das gesamte Organisationsteam. Im Gespräch mit Ulrich Dombrowsky gab Adriana Altaras Einblicke in ihr Buch und Leben, die schnell deutlich machten, dass es sich hierbei nicht nur um leere Versprechungen handelt.

Altaras sprach über Traumata, die einen im Alltag einholen und Generationen prägen. Den Umgang mit ihrem „Jüdischsein“, das Ringen, die Scham und letztlich das Selbstbewusstsein. Schwere Themen also, die nur zu leicht dazu einladen würden, im Katzenjammer zu versinken. Anders bei Adriana Altaras, sie begegnete den Konflikten mit Humor, ohne sie zu belächeln. Schonungslos offen schilderte sie die Beschneidung ihrer Söhne, die Diskussion darüber mit sich selbst und mit Freunden und die gesellschaftliche Diskussion um Beschneidungen im Allgemeinen. Sie verriet, was es mit dem Rabbi in der Aldi-Tüte auf sich hat und warum eine schöne Stimme das verlottertste Auftreten wett machen kann. Die Beschreibungen waren auf das Wichtigste reduziert und doch so lebhaft, dass der Kantor, der Ersatzrabbiner mit dem fettigen Kaftan aus der Plastiktüte, nicht nur neben dem Sarg von Altaras Vater, sondern auch auf der Bühne im Degginger zu stehen schien. Mit Witz, Charme und dem nötigen Respekt den lebenden und toten Verwandten gegenüber lüftete die Autorin Familiengeheimisse, ging auf kuriose Funde bei der Wohnungsauflösung ein, berichtete von ihren Dibbuks und riet allen, die eine Wohnung auflösen: „Machen Sie sich auf etwas gefasst.“

Führungen und Workshops

Lesebegeisterte und alle, die es werden wollen, sind in den kommenden Wochen eingeladen, gemeinsam zu lesen, sich auszutauschen und „das Buch lebendig werden zu lassen“, sagte Andrea Borowski. Dafür sorgen unter anderem Vorträge wie „Ahnenforschung – Wie geht das?“ und „Wie schreibe ich ein Testament?“, Ausstellungen zu Themen wie „Die Erbschaft – Geister, Gerümpel, Geheimnisse“, Führungen durch Regensburg und die neue Synagoge, Workshops, szenische Lesungen und ein Werkstattgespräch mit Adriana Altaras. Wer Interesse an den Inhalten des Werks hat, aber nicht gerne liest, oder zusätzlich die filmische Umsetzung von „Titos Brille“ sehen will, hat morgen um 18.30 Uhr im Ostentor Kino Gelegenheit.

Der Abend wurde von Julia Wideru musikalisch begleitet.