Senioren wollen möglichst lange daheim wohnen – Das geht zum Beispiel in Neunburg

Wie möchten wir im Alter gerne wohnen? Diese Frage beschäftigt die ältere Generation spätestens dann, wenn im Alltag die Beschwerden zunehmen. Der Seniorenbeirat im Landkreis Schwandorf stellt jetzt verschiedene Konzepte vor.
Das Treppensteigen wird mühsam, im Bad kommt man nicht mehr in die Wanne, die Gartenpflege wird zur Last, das Haus ist für zwei Personen eigentlich zu groß, verursacht Arbeit und Kosten. Die Kinder sind ausgezogen und leben nicht mehr vor Ort. Wenn dann Partner oder Partnerin sterben, wird es schwierig und man denkt über andere Wohnformen nach. Bei der Orientierung hilft nun auch der Seniorenbeirat des Landkreises Schwandorf.
Heimatnah soll es sein, man möchte seinen Bekanntenkreis ja nicht missen, erschwinglich, barrierefrei und mit einer modernen Heizungsanlage ausgestattet. Die Geschäfte für den täglichen Einkauf in der Nähe, der Hausarzt nicht weit entfernt, die vertraute Kirche am Ort. Selbstständig und selbstbestimmt in seinen eigenen vier Wänden leben, mit so viel Hilfe wie nötig.
Der Ort für die eigenen vier Wände kann sich im Laufe des Lebens ändern, aber ein Umzug in ein Heim kann vermieden oder hinausgezögert werden. So ist es im seniorenpolitischen Gesamtkonzept des Landkreises Schwandorf verankert. „Solange wie möglich selbstständig leben, mit so viel Hilfe wie nötig.“
An wen wendet man sich, was gibt es vielleicht schon, was ist in Planung?
Der Seniorenbeirat des Landkreises wird dazu in Zusammenarbeit mit der Seniorenfachstelle über verschiedene Wohnformen informieren und schon erstellte Wohnprojekte vor Ort besuchen und vorstellen. Vorab werden die Besichtigungstermine in der Zeitung angekündigt und Interessierte können nach Anmeldung direkt teilnehmen und sich vor Ort einen Eindruck verschaffen und unverbindlich informieren.
Die erste Station ist in Neunburg: Es ist ein genossenschaftliches Wohnprojekt
Der Auftakt erfolgte mit dem Besuch des Wohnprojekts der Genossenschaft der 9buerger eG Am Ufertal in Neunburg. Dort wurde bereits 2016 von den Bürgern barrierefreier Wohnraum nachgefragt und so wandte sich der Seniorenbeirat vor Ort an die Stadt. Nach zwei Jahren Vorbereitungszeit wurde im Dezember 2018 mit damals neun Mitgliedern die Genossenschaft der 9buerger eG gegründet. Ziel der Genossenschaft war es, ein barrierefreies Wohnprojekt mit dem Gedanken des gemeinschaftlichen Wohnens im Alter für Senioren ab 60 Jahren zu bauen.
Das passende Grundstück stellte die Stadt auf Erbpacht zur Verfügung. In Zusammenarbeit mit der Stadt schrieb die Gruppe im Frühjahr 2019 einen Architekturwettbewerb aus und entschied sich für den Entwurf des renommierten Kölner Architekturbüros BeL. Nach der Baugenehmigung im Mai 2021 erfolgte der Baubeginn im November 2021. Die Wohnungen sind bezugsfertig und bezogen. Fünf Wohnungen sind noch frei.
Das Gebäude der Genossenschaft 9buerger Am Ufertal
Das Wohngebäude umfasst drei Stockwerke mit 19 Appartements und Wohnungen von 35 qm bis 72 qm. Jeder Wohnung ist eine große Veranda bzw. Balkon vorgelagert, ausgestattet mit Schiebetüren und mit Süd/Ost-Ausrichtung auch als unbeheizter Wintergarten in der Übergangszeit nutzbar. Alle Wohnungen sind barrierefrei nach DIN 18040-2, einige sogar für Rollstuhlfahrer nach dem R-Standard. Die Bäder verfügen alle über den R-Standard und sind mit einer befahrbaren ebenerdigen Dusche ausgestattet sowie einem Waschmaschinenanschluss.
Ein zusätzliches Pflegebad mit Wanne, Hebegerät und WC steht in der 3. Etage für Menschen, die Unterstützung durch einen Pflegedienst oder eine Pflegeperson benötigen, zur Verfügung. Alle Appartements und Wohnungen sind mit Anschlüssen für eine frei planbare Küche versehen.
Beheizt wird das im KfW 55-Standard erstellte Gebäude mit einer Erdwärmepumpe. Zusammen mit der auf der Remise installierten Photovoltaikanlage deckt man so die Stromkosten für Haushalt und Heizung zu etwa 85 Prozent, was die Nebenkosten deutlich senkt.
Gemeinsam statt einsam
Zusätzlich wurde in das Gebäude ein großer Gemeinschaftsraum mit 63 qm integriert. Ein Kaminofen sorgt für wohlige Wärme bei spontanen Treffen auf einen Kaffee oder gemeinsames Kochen in der gut ausgestatteten Teeküche. Die gemütliche Sitzgruppe ist für kleinere Runden gedacht. Zusammenkünfte für Familienfeiern oder andere Veranstaltungen sind um einen großen Tisch möglich. An ein Gäste-WC wurde ebenfalls gedacht.
Über die Veranda erreicht man den gemeinschaftlich nutzbaren großen Garten, der den Blick auf die Altstadt von öffnet und von West nach Ost um das Gebäude führt. Ob Blumenbeete, Hochbeete für den Gemüseanbau oder Wiese für das eigene Haustier – hier findet jeder Bewohner seine Passion.
Neben dem Gemeinschaftsraum befindet sich ein kleines Appartement, in dem derzeit eine auszubildende Pflegefachkraft des benachbarten Marienheimes wohnt. Ursprünglich als Hausmeisterwohnung gedacht, wurde dieser Dienst außer Haus vergeben. Und so besteht gleich ein guter Draht hinüber zum Mittagstisch des Marienheimes, der nach Anmeldung fußläufig besucht werden kann.
Für Übernachtungsgäste, wenn Kinder oder Freunde zu Besuch kommen, steht ein Gästeappartement mit zwei Betten und Bad zur Verfügung. Der idyllische Genossenschaftshof liegt zwischen dem Wohngebäude und der Remise und bietet viel Platz für Begegnungen. In der Remise ist jeder Wohnung ein eigenes Abteil zugeordnet für Sachen, die sonst in einem Keller untergebracht sind. Überdachte Stellplätze für Autos und Räder gibt es auch.
Die Bewohner
Im Gespräch mit zwei Bewohnern wurde sichtbar, wo die Vorteile des Wohnprojekts liegen. Christl schätzt zum Beispiel die gegenseitige Hilfe und die gemeinsamen Interessen. Dass Haustiere erlaubt sind, war für sie Voraussetzung für den Einzug in den Genossenschaftsbau. Sie hat es nicht bereut, ihr großes Haus mit Garten aufgegeben zu haben. Die Arbeit war ihr zu viel geworden. Sie ist froh, sich um nichts mehr kümmern zu müssen, und eine schöne, bequeme Wohnung zu haben, in der sich auch Hundedame Franzi sichtlich wohl fühlt.
Wolfgang hat sich nach Besichtigung der Räumlichkeiten innerhalb eines Tages für diese Wohnform entschieden. „Ich fühle mich hier rundherum wohl. Es ist ein sehr schönes Wohnen“, erzählt er dem Seniorenbeirat in der gemeinsamen Runde am großen Tisch.
Zusätzliche Hilfen
Die 9buerger eG versteht sich nicht als betreutes Wohnen und bietet selbst keine ambulanten Betreuungs- oder Pflegeleistungen an. Sie hat Kontakt zu zwei Leistungserbringern von ambulanter Pflege aufgenommen und stellt auf Wunsch den Kontakt zur Caritas Sozialstation und dem Refugium Neunburg her.
Die Vorstandschaft
Marianne Deml, Staatssekretärin a. D. und langjährige Stadträtin, ist jetzt Mitglied des Vorstandes der 9buerger eG. Sie führte zusammen mit Architekt Markus Sowa, ebenfalls im Vorstand, durch die noch nicht ganz fertige Anlage. Alois Wild ist das 3. Mitglied im Vorstand, Aufsichtsratsvorsitzender ist Bürgermeister Martin Birner.
Finanzierung und Kosten
Die Genossenschaft vergibt Wohnungen nur an Mitglieder. Um eine Wohnung beziehen zu können, ist die Mitgliedschaft durch Zeichnung von zwei Genossenschaftsanteilen im Wert von je 500 Euro erforderlich. Dies sichert zugleich ein Mitspracherecht bei Grundsatz-Entscheidungen bei der jährlichen Mitglieder-Versammlung. Zusätzlich fallen einmalig 300 Euro für Verwaltungskosten an.
Die Wohnungen teilen sich auf in 40 Prozent geförderte Wohnungen und 60 Prozent frei finanzierte Wohnungen. Der Bezug einer geförderten Wohnung ist einkommensabhängig. Den dazu erforderlichen Berechtigungsschein erhält man im Landratsamt Schwandorf.
Für frei finanzierte Wohnungen fallen Anteile von 850 Euro pro qm an. Die Miete beträgt 10,10 Euro pro qm. Für geförderte Wohnungen fallen 750Euro pro qm an. Die Miete ist hier nach Einkommen gestaffelt und beträgt zwischen 4,80 bis 6,80 Euro pro qm.
Bei allen Wohnungen kommt eine Umlage von 0,70Euro pro qm hinzu. Die Umlage wird für die Gemeinschaftseinrichtungen erhoben.
Ein überdachter Auto-Stellplatz kostet 40 Euro im Monat. Nach Auszug aus einer Wohnung erhält man das Geschäftsguthaben zurück. Das Wohnrecht besteht lebenslang. Die Geschäftsanteile sind vererbbar.
Beispielrechnung für eine frei finanzierte und eine geförderte Wohnung
Für eine frei finanzierte 65 qm große Wohnung fallen demnach folgende Kosten an: einmalig 55.200 Euro für Geschäftsanteile (65 qm mal 850 Euro) sowie monatlich 656,50 Euro Kaltmiete (65 qm mal 10,10 Euro) und 45,50 Euro Umlage (65 qm mal 0,70 Euro).
Für eine geförderte Wohnung, ebenfalls 65 qm groß, ergeben sich folgende Kosten: einmalig 48.750 Euro für Geschäftsanteile (65 qm mal 750Euro) sowie monatlich 442Euro Kaltmiete (65 qm mal 6,80Euro bei Einkommensstufe 3) und 45,50 Euro Umlage.
Die Serie
Hintergrund: Der Seniorenbeirat des Landkreises Schwandorf stellt in einer losen Reihe verschiedene Wohnformen im Alter vor. Die Mittelbayerische veröffentlicht im Voraus die Besichtigungstermine und liefert im Nachhinein einen Überblick über das Projekt.
Nächster Termin: Wer sich selbst noch ein Bild vom Wohnprojekt in Neunburg machen will, hat dazu am 7. März um 14.30Uhr Gelegenheit. Bei Am Ufertal 8 in Neunburg ist derzeit eine Baustelle am Eck der Straße. Parkmöglichkeiten gibt es gegenüber bei der Schwarzachtalhalle, danach folgt ein kurzer Fußweg zum Wohngebäude. Wer dabei sein will, meldet sich bitte bei Regina Suttner, der Vorsitzenden des Seniorenbeirats des Landkreises Schwandorf, unter der Nummer (09431)7548040 an.
Kontakt und Ansprechpartner 9buerger: Markus Sowa, Architekt und Vorstandsmitglied, ist unter der Nummer 0174/3125772 erreichbar oder über die E-Mail-Adresse kontakt@9buerger.de. Auch auf der Internetseite www.9buerger.de gibt es Informationen.


