Chamer Schulen: Schon Achtklässler lutschen Tabak- und Nikotinsäckchen

Von Tanja Fenzl · 26. Februar 2024 um 05:00

Ein nicht ganz so neuer Trend ist inzwischen auch in die Klassenzimmer im Landkreis angekommen: Snus oder Nikotinpäckchen sollen die Konzentration steigern, gleichzeitig aber auch entspannen. Die kleinen Säckchen, die man sich unter die Oberlippe oder in die Wangentasche schiebt, sind inzwischen auch bei Kindern beliebt.

Dabei sind die Beutelchen im Grunde genommen verboten. Sowohl der Handel mit Snus, der unter das Tabakgesetz fällt, als auch tabakfreie Nikotinpäckchen dürfen hierzulande nicht vertrieben werden. Eine Grauzone, denn die Verwendung ist ab 18 Jahren legal, ebenso wie der Einkauf für den Eigengebrauch – weshalb über das Internet auf zahlreichen Seiten bunte Dosen mit trendigen Namen mit so genannten Nikotinpouches erhältlich sind. Auch in Tschechien ist der Kauf der Päckchen relativ problemlos möglich. Jedenfalls kommen auch im Landkreis selbst Jugendliche recht einfach an die Suchtmittel. „In meiner Klasse nimmt bestimmt die Hälfte immer mal wieder Snus“, sagt eine Zehntklässlerin aus dem Raum Roding. Selbst die Mutter der Gymnasiastin sagt: „So viel ich höre, wird besonders vor Proben und Schulaufgaben schnell mal was eingeschoben.“

„Wie ein Kaugummi...“

„Das merkt kein Lehrer, das ist ja wie wenn man einen Kaugummi in den Mund nimmt, das geht so schnell...“, sagt eine 16-jährige Schülerin aus Waldmünchen. Auch in ihrer Klasse, ebenfalls an einem Gymnasium, seien etliche Mitschüler, die sich regelmäßig Snus- oder Nikotinpäckchen in den Mund schieben. „Ich weiß aber auch von welchen aus der achten Klasse“, sagt sie. Eine Lehrerin an einer Hauptschule im Landkreis bestätigt: „Wir finden eigentlich schon oft verwendete Päckchen in den Toiletten oder im Müll.“

Dabei ist in vielen Päckchen, je nach Größe und Hersteller, deutlich mehr Nikotin enthalten, als in einer Zigarette. Zugegebene Salzkristalle sorgen häufig dafür, dass das Nervengift schneller über die Mundschleimhaut aufgenommen wird. Klar ist: das Nikotin macht abhängig, besonders bei Kindern ist es in der Vergangenheit auch bereits zu Vergiftungserscheinungen gekommen,

Rigoros mit Verweisen vorgegangen

An der Johann-Brunner-Mittelschule in Cham kennt man das Problem. „Im vergangenen Jahr hatten wir einige Fälle, etwa zu Jahresanfang. Wir sind da aber gleich ziemlich rigoros dagegen vorgegangen: Die Kinder bekamen einen Verweis oder sogar einen verschärften Verweis, die Eltern wurden informiert“, sagt Schulleiterin Irene Träxler. Vielleicht habe die schnelle Strafe für die notwendige Abschreckung gesorgt, denn im aktuellen Schuljahr hätten die Lehrer noch keine Schüler mit Snus erwischt. „Zurzeit sind eher E-Zigaretten das Problem, die werden auf den Toiletten geraucht“, sagt Träxler. „Früher wurden heimlich Zigaretten geraucht, wenn was verboten ist, machen die Kinder das halt“, gibt sich die Schulleiterin keinen Illusionen hin.

Im Fraunhofer Gymnasium sei der Trend noch kein großes Thema, sagt Schulleiter Uwe Mißlinger. „Man kennt das aber schon länger im sportlichen Bereich.“ Als Verantwortlicher beim ASV Cham sei er schon desöfteren mit ausgespuckten Snuspäckchen auf dem Kunstrasen konfrontiert gewesen – „bei Sportlern ist das sehr verbreitet“. Sicher, vermutet Mißlinger, habe auch der eine oder andere Oberstufenschüler bereits heimlich Snus oder Nikotinpouches versucht – „in der Schule haben wir davon noch nicht viel gemerkt,“ Und auch am Robert-Schuman-Gymnasium sieht Schulleiter Rudolf Zell die Sache recht gelassen: „Das ist Gott sei Dank kein Thema, das ist bei uns noch nicht aufgeschlagen.“

Dagegen weiß der Rodinger Schulleiter der dortigen Realschule, Alexander Peintinger, durchaus von vereinzelten Fällen an seiner Schule – obwohl dort sämtliche Schüler, anders als am Gymnasium, noch minderjährig sind. „Der Hausmeister hat immer einmal wieder ausgespuckte Packerl in den Mülleimern gesehen“, sagt Peintinger. Selbst Sportler, weiß er: „Besonders unter Fußballern und Handballern ist die Sache angesagt. Wenn da heute jemand ehrgeizig ist, ist Rauchen nicht drin, da ist das die Alternative.“

Vereinzelte Fälle an Chamer Schulen

Und auch an der Chamer Marienrealschule weiß Schulleiter Christian Haringer allenfalls von vereinzelten Fällen: „Anfang dieses Schuljahres war das einmal in einer neunten Klasse Thema.“ Doch auch hier habe man keinen Schüler quasi direkt in flagranti ertappt, sondern hinterher die ausgelutschten Päckchen im Müll gefunden. „Jetzt haben wir schon länger nichts mehr gefunden – vielleicht ist der Reiz schon wieder weg?“, vermutet Haringer.

Der Snus-Trend hält sich bereits seit Jahren – die Konsumenten scheinen aber dennoch immer jünger zu werden. „Wir haben früher schon während des Studiums Snus und Nikotinpouches genommen“, sagt eine heute 24-Jährige aus dem Altlandkreis Kötzting. „Und auch in der Schule, weil wir da offiziell noch nicht rauchen durften.“

Im Chamer Schulzentrum von FOS-BOS und Berufsschule sind die Schüler oft schon etwas älter. „Wir haben vielleicht ein Prozent der Schüler, über alle Schularten gerechnet, die das betrifft“, schätzt Schulleiterin Barbara Dietzko. „Die meisten davon sind übrigens junge Männer.“ Während in manchen Klassen noch nie jemand mit den Päckchen gesehen worden sei, gebe es Klassen, da seien zwei, drei Schüler dabei, die Snus oder Nikotinpouches nähmen. Ein großes Problem sieht Dietzko aber auch im Schulzentrum nicht.

Polizei informiert Eltern

Bei der Chamer Polizei verweist man darauf, dass die Verwendung unter 18 Jahren verboten ist. „Das Jugendschutzgesetz greift bei unter 18-Jährigen“, sagt ein Polizeisprecher. Ab und zu komme es vor, dass im Zusammenhang mit anderen Aufgriffen festgestellt werde, dass Jugendliche Snus benutzten – dann würden die Eltern informiert.

Snus aus der Dose. Fotos: Fenzl
Rund und bunt: Snus- und Nikotinpouches werden oft in kleinen Dosen angeboten.
Ausgespuckte Snus-Päckchen auf einer Club-Toilette im Landkreis.