Günter Schweigers Äußerung, die Kirchen hätten „versagt“, zieht heftige Kritik nach sich

Von Jochen Dannenberg · 15. Februar 2024 um 05:00

Es war nur ein Satz, doch er sorgte in den letzten Tagen für viel Aufregung in Neustadt a.d. Donau. Die Kirchen hätten bei der gesellschaftlichen Arbeit „versagt“, sagte 2. Bürgermeister Günter Schweiger (WGS) im öffentlichen Teil einer Sitzung des Hauptausschusses des Stadtrats. Geistliche und ehrenamtliche Mitarbeiter sind sauer.

Es war die Vorstellung des Generationen-Cafés, in der sich Schweiger geäußert hatte. Die Begegnungsstätte soll mitten in der Neustädter Altstadt geplant. Menschen sollen hier zwanglos zusammen kommen, Hobbys teilen und sich was erzählen können. Schweiger stellte zwar zunächst fest, er finde die Idee gut. Aber er sagte auch: „Die Kirchen haben bei diesem Thema versagt.“

Auf Nachfrage dieser Zeitung erklärte der 2. Bürgermeister: „Ich sehe nirgends mehr eine funktionierende Jugendgruppe. Früher hat es das gegeben.“ Die Kirchen hätten auch einen gesellschaftlichen Auftrag. „Warum machen sie dann kein Generationen-Café?“

Stadtrat Gerhard Karrer (WGBGEU) reagierte sofort. Er und meinte, das könne er so nicht stehen lassen. In der Pfarrei Bad Gögging gebe es ein gutes Miteinander der Generationen, sagte Karrer. Inzwischen hat der Stadtrat aus dem Ortsteil Heiligenstadt viel Zustimmung erhalten.

Viel Engagement

Anita Jutzas aus Geibenstetten schreibt: „In Geibenstetten und Mühlhausen fehlen mir bei dieser Aussage wirklich die Worte.“ Sie habe in vielen Jahren aktiv in der KLJB Mühlhausen-Geibenstetten gearbeitet und wisse daher, dass sich viele junge Ehrenamtliche einbringen würden. Außerdem verweist die Geibenstettenerin auf die Jugendarbeit der Vereine wie dem Sportverein Mühlhausen, der Freiwilligen Feuerwehr und nicht zuletzt des Schützenvereins.

Die Aussage des 2. Bürgermeisters sei deshalb „pauschal“ und ein „Schlag ins Gesicht“ derer, die sich für die Jugend einsetzen.

Martha Kastl, Leiterin der Kinderschola in Mühlhausen und Geibenstetten, sieht es ähnlich. Sie verweist darauf, dass erst vor einem Monat die Sternsinger unterwegs waren und am Sonntag „nahezu alle KLJBs aus den Ortsteilen mit einem imposanten Wagen im Faschingszug dabei waren“. Außerdem gebe es in den Pfarreien unterschiedlichste Veranstaltungen wie den Kirchenbrunch, das Seniorenfrühstück und Seniorenausflüge.

„Vielleicht“, merkt Martha Kastl an, „sind diese Aktivitäten schon so selbstverständlich geworden, dass sie so Mancher nicht mehr wahrnimmt, aber die Betroffenen sie doch sehr wertschätzen.“ Das Generationen-Café könne eine Möglichkeit sein, das soziale Miteinander wieder zu verstärken, allerdings finanziert durch die Bürgerinnen und Bürger. Daraus aber den Rückschluss zu ziehen, dies sei erforderlich, weil „die Kirchen versagt haben“, werde dem ehrenamtlichen Engagement in der Kinder-, Jugend- und Seniorenarbeit der Kirchen in Neustadt a.d. Donau „in keiner Weise gerecht“.

Es gibt viele Angebote, aber eines gibt es nicht mehr – die klassische Jugendgruppe. „Regelmäßige Jugendarbeit ist eigentlich seit 50 Jahren out“, sagt Pfarrer Michael Murrmann-Kahl von der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde. Und auch die vorhandenen Angebote haben es nichtleicht.

„Schimpfen hilft nicht“

Lydia Petersen, die in der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde für die Jugendarbeit zuständig ist, sagt: „Die Jugendarbeit hat sich verändert.“ Sie stehe in Konkurrenz zu anderen Angeboten bis hin zu Schulunterricht, der bis in den Nachmittag gehe. Die Angebote der Kirchengemeinde müssten „auch ins restliche Freizeitprogramm passen. Die „Bibelentdecker“ und die „Girl Group“ finden deshalb jeweils am Freitagnachmittag statt. „Der Freitag ist eigentlich der einzige Tag, der noch bleibt“, sagt die Religionspädagogin und stellt fest: „Wir müssen was für die Jugend tun, aber es hilft nicht auf Vereine und Verbände zu schimpfen.“

„Pauschalurteile sind in jeder Hinsicht falsch“, betont Pfarrer Thomas Stummer von der Pfarrei St. Laurentius. Auch er sagt, in der pfarrlichen Arbeit sei vieles schwieriger geworden. Zugleich bestätigt er: „Die klassische Jugendgruppe gibt es fast nicht mehr.“

In seinem neuesten Pfarrbrief äußert sich der Geistliche ebenfalls zum Standpunkt des 2. Bürgermeisters, weist dabei aber auch auf ein Kommunikationsdefizit hin: „Natürlich muss man sich fragen, warum es uns oft nicht mehr gelingt, alles so bekannt zu machen, dass es die Öffentlichkeit auch wahrnimmt. Da gibt es durchaus nach ober. Aber pfarrliches Leben wahrzunehmen und Distanz abzubauen: Das muss man halt auch wollen.“

Der Jugendchor hat sich aus den Sängerinnen der ehemaligen Kinderschola entwickelt. Foto: Josef Kastl