Prozess um brutale Prügel-Attacke in Stadtamhof: Angeklagter lobt sein Opfer

Eine Sommernacht im Juni: Ein 48-Jähriger geht über die Steinerne Brücke nach Hause. Am Brückenbasar sieht er einen Mann liegen. Der 48-Jährige möchte ihm helfen – plötzlich prasseln Schläge auf ihn ein.
Seit gestern beschäftigen die Geschehnisse dieser Nacht die Zweite Strafkammer des Landgerichts Regensburg. Die Staatsanwaltschaft wirft einem 31-Jährigen vor, den 48-Jährigen übel zugerichtet zu haben. Mehrfach soll der Mann, der von Rechtsanwalt Michael Haizmann vertreten wird, auf sein Opfer eingetreten haben. Selbst als dieses schon mit dem Kopf zwischen einem Fahrradständer lag. Der Angeklagte handelte wohl in dem Glauben, der 48-Jährige habe ihm sein Rad gestohlen – dem war aber nicht so. Bei der Prügelattacke soll der Mann rund zwei Promille Alkohol im Blut gehabt haben. Zudem wurden THC und Aufputschmittel nachgewiesen. Schnell eilten Polizisten in dieser Nacht an den Tatort.
Polizisten beleidigt
Auch die Beamten bekamen den Zorn des Angeklagten zu spüren. Sich immer wieder „schlangenartig windend“, versuchte er, sich aus dem Griff der Polizisten zu befreien. Darüber hinaus soll er die Beamten derb beleidigt haben. Einen forderte der Kampfsportler dazu auf, in einem direkten Duell gegen ihn anzutreten. Dabei kündigte er an, dem Beamten das Genick zu brechen, so die Anklage. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann unter anderem versuchten Totschlag vor. Gleich zu Beginn hörte das Gericht das Opfer. Er habe dem Mann Hilfe anbieten wollen, sagte der 48-Jährige. „Dann ist er sofort auf mich losgegangen.“ Er sei nach hinten getaumelt und gestürzt. „Dann hat er nur noch auf mich eingetreten.“ Am Tag darauf sei er mit Kriminalbeamten zurück an den Tatort – dort habe man immer noch die Blutlachen sehen können, sagte der 48-Jährige. Einige Wochen habe er nach dem Vorfall Schmerzen gehabt.
Richter Thomas Polnik verlas einen Brief des Angeklagten an sein Opfer. Das Schreiben hatte den 48-Jährigen bislang nicht erreicht. Er wolle sich von ganzem Herzen entschuldigen, schrieb der Angeklagte in dem Brief. Er sei normalerweise selbst sehr hilfsbereit. „Von uns gibt es nicht mehr so viele.“ Er sei in dieser Nacht ein „betrunkener Vollpfosten“ gewesen. Sein Opfer habe ihm womöglich das Leben gerettet. Er dankte ihm auch für seine Zivilcourage. „Bitte bleiben Sie so, wie sie sind.“
Im Anschluss entschuldigte sich der Angeklagte nochmals persönlich bei seinem Opfer. „Sehr viele Missverständnisse“ hätten zur Prügelattacke geführt. Das Opfer nahm die Entschuldigung an.
Das Gericht hörte darüber hinaus zwei Stadtamhofer, die die Tat beobachtet hatten. Einer der beiden berichtete, dass er die Handgreiflichkeiten zunächst als „normalen Tumult“ eingeschätzt hätte. So etwas komme öfter vor. Die Attacke in jener Sommernacht war jedoch anders. „Das war sehr, sehr brutal.“ Er selbst habe nicht den Mut gehabt, zu schlichten. „Ich bin vor 20 Jahren selbst Opfer einer Gewalttat geworden.“ Er habe versucht, die Polizei zu rufen, während eine Bekannte von ihm zu den beiden Männern ging.
Auch diese Frau nahm gestern auf dem Zeugenstuhl Platz. Sie habe Geschrei gehört und sei zum heute Angeklagten gegangen, um ihn zu beruhigen. Sie habe ihn „aus der Situation holen wollen“, sagte sie dem Gericht. Immer wieder habe sie den Mann aufgefordert, sie anzuschauen. Schließlich sei es ihr gelungen, ihn von seinem Opfer wegzulocken. Sie habe den Angeklagten auch gefragt, ob dessen Mutter ihm nicht beigebracht habe, dass man nicht auf jemanden eintritt, der am Boden liegt. Sie selbst habe sich jedenfalls nie bedroht gefühlt, sagte die Frau. „Ich glaube, er hat eine Hemmschwelle gegenüber Frauen.“
Lob vom Richter
Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft hatte keine Fragen an die Zeugin, dafür allerdings ein Lob: „Respekt! Hut ab vor so viel Zivilcourage.“ So zu handeln, sei mitnichten selbstverständlich, sagte die Juristin. Diesem Lob schloss sich auch der Vorsitzende Richter Thomas Polnik an.
Der Prozess wird fortgesetzt. Ein Urteil soll Ende Februar fallen.