Warum Jungärzte aufs Land gehen: Mediziner erzählen vom Neustart im Kreis Regensburg

Trotz Rekordzahlen warnen Verbände schon wieder vor einem Ärztemangel. Die Arbeit auf dem Land ist unbeliebt. Vier Mediziner erzählen, warum sie sich trotzdem in den vergangenen Monaten im Landkreis Regensburg selbstständig gemacht haben.
Die Zahl der Ärztinnen und Ärzte in Bayern ist 2023 auf ein Rekordhoch gestiegen, wie Statistiken der Bayerischen Landesärztekammer zeigen. Gleichzeitig werde die Arbeit in der ländlichen Hausarztpraxis für junge Generationen mit „Work-Life-Balance“ immer unbeliebter, fürchten Verbände.
„Für mich war es seit vielen Jahren der Traum, eine eigene Praxis zu haben“, sagt Jarka Stiefel. Gemeinsam mit Alena Bauer eröffnete die 39-Jährige am 2. Januar eine Kinderarztpraxis im Herzen von Hemau. Aus einem Rohbau-ähnlichen Leerstand bauten sie sich alles für knappe 400.000 Euro Sanierungskosten selbst auf – monatelange Anstrengung inklusive.
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Dankbarkeit der Bürger
Nun stehen die beiden jungen Ärztinnen gemeinsam in ihren lichtdurchfluteten Räumen mit bunten Naturmotiven an den Wänden, Blumen und einen Plüsch-Maulwurf am Eingang. Hat es sich gelohnt? Zumindest wenn man die Bürger von Hemau fragen würde, käme hier ein enthusiastisches „Ja!“. Die Dankbarkeit aus der Bevölkerung, so Alena Bauer, sei gewaltig. „Ich fand es wirklich immens, jeder zwei Patient sagt: so schön, dass ihr da seid“, erzählt sie. „Da weiß man, dass sich der viele Stress der letzten Monate gelohnt hat“, fügt Jarka Stiefel hinzu.
Nicht nur Stress erwartet Ärzte, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen, sondern auch Kosten. Der Freistaat Bayern vergibt daher bereits seit 2012 eine Landärzteprämie, um Nachwuchs in ländliche Gebiete zu locken. Im Jahr 2023 profitierten davon 152 Ärzte in Bayern, vier aus dem Kreis Regensburg.
Staatliche Prämie sei „Wahnsinnshilfe“
Neben den beiden Kinderärztinnen in Hemau war auch Felix Kollmann-Jehle einer davon. Der Allgemeinmediziner übernahm Anfang 2023 eine Praxis in Donaustauf. „Es war eine Wahnsinnshilfe. Ohne die wäre es kaum gegangen“, sagt er über die staatliche Prämie. Er habe sie komplett für Investitionen in seine Praxis verwendet. So ein Ultraschallgerät koste immerhin so viel wie ein Mittelklassewagen.
Doch nicht nur finanziell sind Landärzte auf die Politik angewiesen, sondern auch bei der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Denn in der heutigen Zeit sind Doppelverdienerhaushalte die Regel. „Kinderbetreuung ist da essenziell“, sagt Kollmann-Jehle, der zwei kleine Kinder hat und dessen Frau berufstätig ist.
Landkreis Regensburg ohnehin attraktiv
„Oft ist nicht Geld das Problem, sondern Praxisimmobilien, eine Kita für die Kinder, solche Faktoren“, bestätigt Martin Eulitz, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB), die zusätzlich zur Landärzteprämie eine Förderung für Ärzte vergibt, die sich in unterversorgten Regionen niederlassen. „Dazu gehört aber der Landkreis Regensburg bei weitem nicht“, sagt Eulitz. Während es durchaus in einzelnen Bereichen wie der Psychotherapie und Kinderärzten knapp sei, liege die Versorgung über 100 Prozent. „Hier zu fördern wäre, wie wenn ich im Landkreis München fördern würde. Das geht einfach nicht“, so Eulitz.
Dank der Nähe zu Regensburg ist der Landkreis ohnehin attraktiv, sagt auch Iris Meißner. Die 47-Jährige hat sich 2023 in Deuerling niedergelassen. „Es ist die perfekte Mischung: In 20 Minuten bin ich in der Stadt und hier in Deuerling habe ich all die netten, dankbaren Menschen“, sagt sie. Meißner kannte beide Welten: sie arbeitete schon in Regensburg und auch in einem entlegenen Tal in der Schweiz. „Es ist ein Riesenunterschied zwischen Stadt und Land, das glaubt man gar nicht“, sagt sie. Häufig sei das Klientel auf dem Land älter, Hausbesuche würden sich aufgrund langer Strecken nicht lohnen. „Ich mache es eigentlich nur, weil mir die Leute am Herzen liegen“, sagt Meißner. Dafür erhalte sie aber auch eine Dankbarkeit, die sie aus der Stadt nicht kenne.
Felix Kollmann-Jehle bewertet das ähnlich. „Es ist anstrengender als ich dachte. Aber ich schätze die engere Arzt-Patienten-Bindung auf dem Land“, sagt er. Hier sei der Hausarzt viel öfter noch der erste Ansprechpartner und nicht der Facharzt. Das bedeutet aber auch ein hohes Arbeitspensum. 60-Stunden-Wochen seien normal, sagen die Ärzte. „Ich kann schon verstehen, dass viele Kollegen lieber in eine Anstellung gehen“, sagt Kinderärztin Jarka Stiefel. Die Arbeit in Zentren könne da komfortabler sein. Einen bedenklicheren Trend sieht Kollegin Alena Bauer aber in der Zahl der Kassensitze.
Zu wenige Kassensitze
Einen Sitz zu ergattern, ist Grundlage dafür, überhaupt eine (Landarzt-)Praxis eröffnen zu können. Doch trotz steigendem Bedarf an medizinischer Versorgung würden die Sitze stagnieren. „Als ich ein Kind bekommen habe, konnte man in Regensburg noch den Kinderarzt wechseln, jetzt muss ich froh sein überhaupt einen Platz zu kriegen“, sagt Bauer.
Wenn die vier frisch niedergelassenen Mediziner auch in ganz unterschiedlichen Ecken des Landkreises arbeiten und unterschiedliche Schwerpunkte haben: Fragt man sie, ob sie den Schritt in die Selbstständigkeit wieder wagen würden, geben sie alle eine ähnliche Antwort: „Ja.“

