Kaniber hält beim Rossmarkt Flammen-Rede gegen die Ampel – Aiwanger bleibt zweite Reihe

Von Christine Schröpf · 7. Februar 2024 um 15:15

Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) teilt beim Berchinger Rossmarkt kräftig gegen die Bundesregierung aus. Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger ist auch vor Ort und beschreibt sich als Arbeitspferd – dem Freie-Wähler-Chef bleibt beim Wintervolksfest aber nur eine stille Nebenrolle.

Fast kreuzen sich zu Beginn die Wege von Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger. Aber nur fast. Zuletzt hatten sich die CSU-Politikerin und der Freie-Wähler-Chef mehrfach ein Fingerhakeln um die Oberhoheit über Bauernschaft und Forstwirte geliefert. Auf dem Rossmarkt in Berching läuft man im Zwei-Meter-Abstand aneinander vorbei. Als Kaniber am Mittwoch mit Tross samt Blaskapelle in die Stadt zieht, posiert der Freie-Wähler-Chef am Bürgersteig mit Passanten für Selfies.

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Auf dem Redner-Podium wenige hundert Meter weiter ist für ihn an diesem Tag kein Platz. „Ich hatte noch nie die Ehre, Festredner zu sein“, sagt er auf Nachfrage. Vielleicht komme das noch, er dränge sich jedoch nicht auf. Die Differenzen mit Kaniber, die ihm in Zug der Bauerproteste schon mal „Demo-Hopping“ bescheinigte, nimmt er lässig. Das Miteinander sei „noch nie sehr viel besser“, allerdings auch nie „sehr viel schlechter“ gewesen. „Wir müssen ja nicht Arm in Arm durch Berching gehen.“

Aiwanger bleibt still

„Demo-Hopping“ kann Aiwanger am Mittwoch allerdings nicht unterstellt werden. Den Protest der Landwirte mit rund 70 Schleppern am Rande der Altstadt am Vormittag hatte er nach eigenen Worten „gar nicht mitgekriegt“ und deshalb ohne Umweg den ersten Höhepunkt des Rossmarkts am Vormittag angesteuert: den Auftrieb der Rösser mit „Conferencier“ Peter Lerch, der Tier für Tier kundig anmoderiert. Eine Stunde lang hört Aiwanger still zu, beobachtet interessiert Kaltblüter wie Warmblüter, prächtig herausgeputzten Haflinger wie ungestüme Shetland-Ponys. Sogar vier Esel ziehen an ihm vorüber. Mit welchem der Huftiere er die größte Verbundenheit spürt? „Vielleicht mit einem Arbeitspferd, das bei der Waldarbeit eingesetzt wird und Bäume herauszieht“, sagt er.

Die Hauptarbeit in Berching fällt Landwirtschaftsministerin Kaniber zu, die sich in ihrer 50-Minuten-Rede darauf konzentriert, den Landwirten beim Kampf gegen die Agrarpolitik der Ampel-Regierung zur Seite zu springen und die Berliner Koalition aus SPD, Grünen und FDP nach Kräften abzuwatschen. Tierwohl-Cent und Ernährungsrichtlinien seien für die Bauern keine Lösung, das Verbraucherverhalten werde sich deswegen nicht ändern, nur das Fleisch dann von anderswo her bezogen. In der Bundesregierung vermisst sie Bodenhaftung, Gespür und Feingefühl, registriert stattdessen eine Kombination aus Ideologie, Ignoranz und Arroganz. „Wäre Berlin nicht so entwurzelt, würde man auch dort bessere Politik machen“, sagt sie – und spricht von einem armen Deutschland, „mit so einer Bundesregierung“. Die vergangenen zwei Jahre hätten bewiesen, dass es immer noch schlimmer gehe. Beifall und vereinzelte Bravo-Rufe sind zu hören, als sie die Ampel auffordert, zur Seite zu gehen. „Wenn Sie ein bisschen Anstand hätten in Berlin, würden sie gesamt zurücktreten und den Weg frei machen für Neuwahlen.“

Kaniber hat auch Lob im Repertoire

Der Neumarkter FDP-Bundestagsabgeordnete Nils Gründer, der bei der Rede Kanibers mit anderen Politikern aus der Region auf dem Podium steht, beweist an diesem Tag höchste Poker-Face-Qualitäten. Er steckt die Attacken weg, ohne Miene zu verziehen. Nur später wird er sich am Rand auf Medienanfrage gegen die Angriffe verwahren. „Wir müssen den Scherbenhaufen aufräumen, den uns die CSU in Berlin hinterlassen hat“, schießt er zurück.

Lob hat Kaniber an diesem Tag dennoch im Repertoire: Abgesehen von den bayerischen Landwirten trifft es ausgiebig einen Kabinettskollegen und Parteifreund: Den Oberpfälzer CSU-Chef und Finanzminister Albert Füracker, der aus dem Landkreis Neumarkt stammt und somit beim Rossmarkt ein Heimspiel hat. Sie adelt ihn als „stärksten Bauernbeschützer der bayerischen Staatsregierung, weil er genau weiß, was Landwirte brauchen.“ Das darf durchaus als fein verpackte Spitze gegen den Kabinettskollegen Aiwanger gewertet werden.

Oberpfälzer jammern nicht?

Nur mit einem vermeintlichen Vorurteil gegenüber Oberpfälzern räumte Kaniber in Berching auf: Es stimme nicht, dass diesem Volksstamm das Jammern generell fremd sei. Zumindest Füracker schere aus der Reihe – und zwar jedes Mal, wenn sie ihn als Finanzminister mit neuen Geldwünschen konfrontiere. Das ist allerdings die einzige Anmerkung zu Füracker, die nicht zwingend als Lob durchgeht. Kaniber kokettiert damit, dass ihr so viel Lob fast schon peinlich sei. Füracker wird ihr später Absolution erteilen. Er halte das gut aus, sagt er.

In der Spitze rund 10.000 Besucher sind nach Polizeiangaben in diesem Jahr zum Rossmarkt geströmt – in früheren Jahren waren es auch schon mal mehr. 93 Pferde vor allem aus der Oberpfalz, aus Niederbayern, Franken und Oberbayern waren am Start – von 49 Pferdehaltern zur Schau gestellt. Ein Gruppe war sogar um ein Uhr nachts zu Fuß quasi zu einem Rossmarkt-Marathon aufgebrochen, um samt Pferd nach 45 Kilometern Strecke rechtzeitig am Morgen da zu sein.

Der Rossmarkt gilt als größtes Wintervolksfest der Oberpfalz. Erstmals fand er 1926 statt – Berching verweist jedoch auf Wurzeln bis weit ins 17. Jahrhundert. Hochkarätige Politikerauftritte kamen in den 1970er-Jahren hinzu. Für Kaniber ist es das zweite Gastspiel. „Die Leute auf dem Land kennen und schätzen sie“, sagte Bürgermeister Ludwig Eisenreich bei seiner Begrüßung. Die Ministerin musste bei der politischen Kundgebung allerdings in viele ernste Gesichter blicken. Zahlreiche Landwirte hatten sich unter die Zuschauer gemischt. Hopfenbauer Anton Hartung aus Rohrbach in der Hallertau zollte Kaniber nach ihrem Auftritt Respekt. „Die kann schon reden. Sie hat die ganzen Probleme angesprochen.“ Große Skepsis dominierte dagegen bei seinem Freund Maximilian Schoberer, einem früheren Nebenerwerbslandwirt. Es werde gerne das „Gelbe vom Ei versprochen“, sagt er auch in Richtung der Ministerin. „Aber es wird nichts eingehalten.“

Vor Ort ist in Berching auch der Oberpfälzer Bauernpräsident Ely Eibisch und Michael Gruber, der Neumarkter Kreisobmann. Die Bauern würden nicht stillhalten, sagte Gruber. „Keine Steuererhöhungen auf Agrardiesel“, brachte Eibisch die Hauptforderung an Berlin auf den Punkt.

93 Pferde waren beim Rossmarkt zu bestaunen – auch vier Esel waren beim Auftrieb dabei. Foto: Weigel, dpa
Hubert Aiwanger blieb beim Rossmarkt still. Foto: Endlein