Thomas Wiser Haus in Cham gibt jungen Menschen Starthilfe zur Selbstständigkeit

Wie wasche ich meine Wäsche? Wie melde ich Wasser, Gas und Strom an? Wo beantrage ich Internet und Telefon? Junge Menschen, die in ihre erste eigene Wohnung ziehen, stehen vor einer Reihe an Herausforderungen. Im Normalfall bekommen sie dabei Unterstützung von ihren Eltern. Doch was, wenn diese nicht verfügbar sind? Für solche Fälle hat das Thomas Wiser Haus im Kolpinghaus in der Schützenstraße vier Appartements angemietet. Zwei davon sind im Augenblick bereits belegt.
In den Wohneinheiten, die jeweils mit einem Wohnbereich mit Küchenzeile und einem kleinen Badezimmer ausgestattet sind, bietet die Einrichtung für Heilpädagogik und Therapie seit Oktober vergangenen Jahres ein betreutes Wohnen an.
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Damit hat die Einrichtung zusätzlich zu den bereits bestehenden vier Häusern im Landkreis Cham mit unterschiedlichen Schwerpunkten der Betreuung ein fünftes Angebot geschaffen. Zielgruppe für das Projekt, das bislang vom Kolpingwerk angeboten wurde, sind laut Erziehungsleiterin Silvia Irrgang Heranwachsende ab einem Alter von 16 Jahren bis hin zur Volljährigkeit. Vermittelt werden die Klienten im Regelfall durch das Jugendamt. Bevorzugt aufgenommen für die Maßnahme werden hingegen volljährige Bewohner, erklärt Irrgang. Diese brächten die altersgemäß erforderliche Reife für einen ersten eigenen Haushalt mit. „Verlässlichkeit ist das Wichtigste“, sagt sie.
Betreuer ersetzen Eltern
Immerhin müsse sichergestellt sein, dass die jungen Menschen in der Lage sind, etwa morgens selbstständig aufzustehen und an ihrem Ausbildungsplatz oder der Schule zu erscheinen. Unterstützt in ihrem Alltag werden sie derzeit von Erzieherin Julia Wanninger.
Die Bandbreite der geleisteten Hilfe im Alltag sei unterschiedlich und reiche von schulischer Unterstützung über Haushaltsführung bis hin zur Hilfe bei bürokratischen Problemen. „Wo im Normalfall die Eltern eines Heranwachsenden unterstützend zur Seite stehen, greifen hier die Betreuer“, sagt Irrgang.
Ebenso individuell beurteilt werden müsse, wie lange die Heranwachsenden in den Appartements wohnen bleiben können. „Gedacht ist das Betreute Wohnen als Starthilfe für die jungen Erwachsenen ins Leben“, sagt Irrgang. Um die Hilfsbedürftigkeit im einzelnen Fall bewerten zu können, fänden in regelmäßigen Abständen sogenannte Hilfeplangespräche statt. Bei schwerwiegenderen Problemen mit einem der Bewohner, etwa bei wiederholten Vertrauensbrüchen, spricht die Erziehungsleiterin von Kriseninterventionsgesprächen. Damit jedoch der Aufenthalt dort reibungslos funktioniere und für die Heranwachsenden gewinnbringend ist, sind die Betreuer auf deren Mitarbeit angewiesen. „Sonst funktioniert das Konzept nicht“, sagt Irrgang.
Um den Jugendlichen bestmöglich im Alltag zur Seite zu stehen, muss Julia Wanninger als Betreuerin in ihrer Arbeit zeitlich flexibel sein. „Grundsätzlich habe ich etwa fünf Stunden für einen Klienten zur Verfügung“, erklärt die Erzieherin, die bereits seit ihrer Ausbildung im Thomas Wiser Haus tätig ist. Jedoch müsse sich die zur Verfügung stehende Zeit am Tagesrhythmus des zu Betreuenden orientieren. „Da kann es dann schon mal vorkommen, dass ich spät abends oder morgens im Einsatz bin“, so Wanninger.
Genauso können die Stunden in Krisensituationen entsprechend dem Bedarf des Jugendlichen aufgestockt oder, etwa wenn der Auszug naht, reduziert werden. Da müsse man flexibel sein. Auch wenn sich die Personalsituation in den Häusern des Thomas Wiser Hauses mittlerweile wieder entspannt hat (zuletzt mussten die Kinder des Hauses in Willmering aufgrund fehlender Mitarbeiter auf andere Häuser aufgeteilt werden), blickt Irrgang mit Sorge auf die künftige Versorgung der Kinder und Jugendlichen.
Jugendhilfe sichtbar machen
Ihrer Meinung nach werde die stationäre Jugendhilfe in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Fälschlicherweise wird der Fachkräftemangel im Bereich Erziehung und Soziales häufig ausschließlich an Kindergärten und Schulen festgemacht, bedauert Irrgang. „Das Problem fängt bereits in der Ausbildung an den Fachakademien an“, ist sie überzeugt.
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Einen Großteil der Absolventen führe der Weg somit in Kindergärten oder an Schulen, wo sie in der Sozialarbeit eingesetzt werden. „Dabei werden gerade die Mitarbeiter bei uns in den Häusern entsprechend ihrer Studien- oder Berufsausbildung eingruppiert“, betont sie in Hinblick auf das oft zutreffende Image von unterbezahlten Berufen im sozialen Sektor.
Dass trotz hinzugewonnenen Personals das Thomas Wiser Haus nach wie vor auf der Suche nach neuen Mitarbeitern ist, daraus macht Irrgang kein Geheimnis. Immerhin ist ihr Arbeitgeber seit den letzten Jahren auf Expansionskurs und in Ostbayern inzwischen eine der größten Einrichtungen ihrer Art.
Näheres zum Thomas Wiser Haus
Historie: Thomas Wiser, Theologe und Pädagoge, gründete 1880 die Dechant Wiser Stiftung. Diese wurde Träger der Dechant Wiserschen Erziehungsanstalt für arme Kinder. Die Mallersdorfer Schwestern führten das Haus bis in unsere Zeit.
Hilfe: Heute bietet das Thomas Wiser Haus flexible Formen der Hilfe zur Erziehung. In Regensburg, Regenstauf, Straubing und Cham unterhält die Einrichtung 30 Wohngruppen für Kinder und Jugendliche, Mädchenwohngruppen, therapeutische Kindergruppen, auch Fünf-Tagesgruppen und reine Tagesbetreuungsgruppen. Die Einrichtung verfügt über ein Fachdienstteam aus Psychologen und Heilpädagogen, das mit den pädagogischen Teams zusammenarbeitet.
