Vom Bänker zum Friseur: Rimbacher hat seinen Anzug abgelegt und schneidet jetzt Haare

Von Sabrina Kauer · 3. Februar 2024 um 11:00

Der Anzug war einmal: Josef Schmidt (25) aus Rimbach (Landkreis Cham)hat seinen erlernten Beruf als Bankkaufmann an den Nagel gehängt. Anstelle Kunden bei der Geldanlage und bei Vermögensfragen zu helfen, berät er jetzt Frauen und Männer im Boderwerk in Cham über die passenden Haarschnitte und Frisuren. Seine Entscheidung über den markanten Berufswechsel hat er nicht einmal bereut.

„Ich hab’ mir vor meiner Lehre zum Bankkaufmann schon gedacht, dass Friseur ein schöner Beruf wäre, aber da habe ich mich noch nicht getraut, es zu machen“, sagt Josef Schmidt bei einem Treffen mit unserer Zeitung.

So hat der 25-Jährige nach der Realschule den Weg zum Bänker eingeschlagen. Er absolvierte seine Ausbildung in der Sparkasse und war dort auch nach seiner Lehre noch für eineinhalb Jahre als Berater tätig. Dann habe der Rimbacher sein Abitur nachholen wollen. „Ich habe meine Zukunft nicht bei der Bank gesehen“, sagt Schmidt.

„Wann, wenn nicht jetzt?“, dachte sich der 25-Jährige

Also verabschiedete er sich von seinem Anzug, den er bis dahin fast täglich trug, und drückte noch einmal die Schulbank an der Berufsoberschule. In der Zeit habe er schließlich den Entschluss gefasst, es mit dem Beruf als Friseur zu versuchen. „Ich habe mir gedacht: Wann, wenn nicht jetzt? Ich muss es einfach probieren, ich werde ja nicht jünger“, sagt er.

Er setzte seinen Entschluss in die Tat um: Es folgten Praktika in diversen Friseursalons, unter anderem im Boderwerk in Cham, seinem jetzigen Arbeitsplatz. „Das Probearbeiten im Boderwerk hat mir sehr gut gefallen. Danach stand schon fest, dass ich da meine Ausbildung machen werde“, sagt Schmidt.

Ganz zur Freude von Boderwerk-Inhaberin Ursula Gresser. „Der Josef macht seine Arbeit sehr gut. Vor allem am Umgang mit den Kunden merkt man, dass er schon einiges an Erfahrung hat“, sagt sie. Als sie damals die Bewerbung des gelernten Bankkaufmanns vorliegen hatte, hatte sie nach eigener Aussage keine Bedenken, dass Josef das Friseurhandwerk nicht beherrschen würde. Im Gegenteil: „Er hat gut zu uns reingepasst, weil wir mehrere Mitarbeiter haben, die vorher etwas ganz anderes gemacht haben“, sagt Gresser. Ins Boderwerk passt Josef Schmidt auch deshalb gut rein, weil er dort anstelle des Anzuges ein passendes Arbeits-T-Shirt trägt. „Ich habe gerne Anzug getragen, aber ich find’s nicht schlimm, dass ich mich nicht mehr jeden Tag rausputzen muss“, sagt Schmidt.

Er hat schon viele Haarschnitte an sich selbst ausprobiert

Die Begeisterung für den Friseurberuf kommt nicht von ungefähr: „Ich habe es schon immer cool gefunden, an mir selbst neue Haarschnitte auszuprobieren“, sagt er. Sidecut, Undercut, Seiten auf Null – diese Trends hat der Rimbacher schon mitgemacht. Seine dunklen Locken hat er aber auch schon bis über die Schulter wachsen lassen, erzählt er. Aktuell trägt er einen Mullet, auch bekannt als Vokuhila (vorne kurz, hinten lang).

Für den Mullet diente Schmidt selbst als „Modell“ bei der Friseur-Abschlussprüfung einer Bekannten. Oft sei es für die Lehrlinge schwierig, Freiwillige zu finden, die sich bei Übungen oder Prüfungen für Haarschnitte zur Verfügung stellen.

Seine Freunde unterstützen ihn

Doch Josef Schmidt hat in der Hinsicht Glück: „Ich habe einen großen Freundes- und Bekanntenkreis und dadurch bis jetzt immer Leute gefunden, die sich zur Verfügung gestellt haben. Für die Unterstützung bin ich wirklich sehr dankbar“, sagt er. Derzeit übt Josef Schmidt die Pflege am Bart. Schneiden darf er schon überwiegend selbstständig, nicht nur an Modellen, sondern auch an „normalen“ Kunden, sagt der Rimbacher. „Wenn ich mir die Arbeit zutraue, dann darf ich selbst Hand anlegen. Der, der beispielsweise eine Bartpflege von mir bekommen will, erhält sie auch. Es kann halt sein, dass es ein wenig länger dauert, weil ich ja noch in Ausbildung bin, aber das ist ganz normal.“

Anfangs sei es für den 25-Jährigen ungewohnt gewesen, die Kunden zu berühren, „aber schon beim Probearbeiten wurde ich da gut herangeführt und man gewöhnt sich schnell daran. Die Kunden wissen ja, was passiert, deswegen macht es mir nichts aus“, sagt Schmidt. Im Gespräch beschreibt er sich selbst als einen „auch privat sehr offenen Menschen“, weshalb ihm der Kundenkontakt während der Arbeit schon immer wichtig ist. „Ich mag’s gerne, von Leuten umgeben zu sein und ich finde es schön, mit Menschen zu arbeiten. Für mich hat es nie etwas anderes gegeben.“

Josef Schmidt bereut seine Entscheidung nicht

Dass er während seiner Friseurausbildung wieder weniger verdient, mache dem Rimbacher nichts aus. „Das Trinkgeld wiegt auch gut was auf“, sagt er. Das Wichtigste ist doch, dass ihm seine Arbeit gefällt. „Ich habe die Entscheidung nie bereut. Ich bin froh, den Schritt gewagt zu haben. Mich freut es, wenn die Leute mit ihrer Frisur zufrieden sind und den Salon mit einem Lächeln verlassen.“

Einblick in die Arbeit der Friseur-Azubis

Hintergrund: Das Boderwerk hat sich etwas einfallen lassen, um es den Auszubildenden leichter zu machen, Personen zu finden, die als Modell „herhalten“.

Instagram: Dafür hat das Boderwerk auf Instagram eine separate Azubi-Seite erstellt. Auf dem Account boderwerk_azubis werden die Lehrlinge vorgestellt und Vorher-Nachher-Bilder von ihren Kunden gepostet. „So können wir den Leuten zeigen, was wir machen und können, und dann wird es für uns leichter, weitere Modelle zu finden“, sagt Auszubildender Josef Schmidt.