Wenn Technik Menschenleben rettet: Schwandorfer Herz-Spezialist ist Vorreiter bei Digitalisierung

In dieser Arztpraxis hat die Zukunft schon begonnen. Wenn man beim Schwandorfer Kardiologen Marvin Schwarz anruft, dann meldet sich erst mal nicht die medizinische Fachangestellte, sondern eine Stimme: „Ich bin Aaron, der digitale Assistent der Praxis“. Und das ist erst der Anfang.
Vor etwa drei Wochen hat der Schwandorfer Kardiologe Marvin Schwarz (39) das Service-Programm angemietet. Und schon jetzt macht sich „Aaron“ bezahlt. Denn das System kann nicht nur höfliche Sätze drechseln, sondern auch Routinearbeiten ausführen – etwa Befundanforderungen entgegennehmen. Was nicht schon „Aaron“ erledigt, landet als Aufgabe bei den Fachangestellten oder dem Mediziner auf dem PC. Zum Beispiel, dass am Donnerstag der Termin mit der Presse geplant ist.
Zeit für andere Aufgaben
Der gebürtige Steinberger ist zufrieden: „Anfangs hatten manche Patienten, aber auch Kollegen Berührungsängste. Doch das hat sich gelegt. Und meine Mitarbeiterinnen haben gesagt, sie wollen Aaron nicht mehr missen. Für sie ist das eine enorme Entlastung“. Das digitale Vorzimmer erspare ihnen viele Telefonate und schaffe Zeit für andere Aufgaben.
„Aaron“ ist nur eines von mehreren Beispielen, wie sich der Kardiologe moderne Technik zunutze macht. Video-Sprechstunden beispielsweise sind in seiner Praxis „fest etabliert“. Eingeführt hat er sie 2019, und durch Corona „ist das Ganze so richtig in Fahrt gekommen“. Inzwischen gibt es sie „jeden Tag, mit jedem Alter und jedem Schweregrad“.
Visite geht auch per Video-Technik
Natürlich müssten sich neue Patienten auch persönlich in der Praxis vorstellen. Aber bei bekannten Befunden biete sich die Video-Technik etwa für Nachbesprechungen oder kurze Visiten einfach an. Die Vorteile liegen auf der Hand: „Ich habe Patienten, die noch hinter Floß wohnen und kein Auto haben. Für die ist jeder Arztbesuch in Schwandorf fast eine Weltreise“, sagt Schwarz.
Im Oktober 2022 ist der Kardiologe noch einen Schritt weiter gegangen und hat die Praxis telemedizinisch ausgebaut. Etwa 40 seiner Patienten, sagt der Mediziner, werden inzwischen im Rahmen einer Online-Überwachung rund um die Uhr betreut – zum Teil bis nach Aschaffenburg. Ziel ist es konkret, Wassereinlagerungen in Körper und lebenswichtigen Organen bei Herzinsuffizienz („Herzschwäche“) möglichst frühzeitig zu erkennen.
Bei Notfällen schlägt das System Alarm
Schwarz greift dafür auf die Werkzeuge eines Start-ups zurück, das sich auf digitale Medizinprodukte spezialisiert hat. Die Patienten, bei denen der Kardiologe einen Bedarf festgestellt hat, erhalten eine Waage, ein mobiles EKG-Gerät, ein Blutdruckmessgerät und ein Tablet, mit dem die Werte regelmäßig dokumentiert und automatisch an die Praxis weitergegeben werden. Zweimal am Tag ruft der Kardiologe die Kennzahlen ab, bei medizinischen Notfällen schlägt das System von sich aus Alarm.
Der „Mehrwert für die Patienten“ liegt für Marvin Schwarz auf der Hand. Zum einen hatte er schon mehrere „ganz konkrete lebensrettende Erlebnisse“, wie er es formuliert. Zum anderen ließen sich schon bei kleineren Unregelmäßigkeiten die Ursachen behandeln. Der Effekt: „Krankenhausaufenthalte können so vermieden werden. Die Lebensqualität und Lebenserwartung steigen deutlich.“
Als telemedizinisches Zentrum anerkannt
Die kardiologische Praxis in Schwandorf ist als eines von 180telemedizinischen Zentren in Deutschland offiziell anerkannt. Schwarz ist damit nach eigenen Worten beim Thema Herzinsuffizienz Vorreiter in der Oberpfalz. Aber nicht nur hier. Als Vortragsredner auf Fachkongressen reist er inzwischen quer durch die Republik. Und im Kardiologenverband ist er „als eine Art Digitalisierungs-Botschafter“ aktiv.
Sein neuestes Projekt ist eine App zur Blutdrucküberwachung und -begleitung. An der Entwicklung war der Schwandorfer Kardiologe in den vergangenen eineinhalb Jahren maßgeblich beteiligt. In Auftrag gegeben wurde das digitale Werkzeug vom Bundesverband Niedergelassener Kardiologen. Die Beta-Version befindet sich nach den Worten des Mediziners gerade in der Erprobungsphase, in einem halben Jahr soll die App „regulär in der Fläche“ verfügbar sein.
Technik ist weitaus mehr als eine Spielerei
Marvin Schwarz hat sich schon sein Studium mit dem Schreiben von Programmen finanziert. Doch die Technik ist für den Facharzt mehr als nur eine intellektuelle Spielerei. Zur Digitalisierung in der Medizin gibt es für den Kardiologen keine Alternative – und das aus mehreren Gründen. Der naheliegendste: Mit digitalen Werkzeugen lässt sich der personelle und ökonomische Druck auf die Arztpraxen verringern. Medizinische Fachangestellte sind heutzutage heiß umworben, ihre Gehälter angestiegen. Der 39-Jährige schätzt, dass die Praxen dank der Digitalisierung „mit einem Drittel weniger an Arbeitskräften, die wir ja nicht haben“, auskommen könnten.
Die Demografie spricht laut Schwarz ebenfalls für digitale Schützenhilfe. Zwar gibt es nach seinen Worten immer mehr Mediziner, doch die Zahl der Patienten und Patientenkontakte steigt schneller. Das hat mit einem weiteren Trend zu tun, den der Facharzt andeutet.
Das medizinische Wissen erweitert sich in einem atemberaubenden Tempo. Schwarz: „Die Halbwertszeit liegt in der Kardiologie aktuell bei fünf Jahren“. Will heißen: Die Hälfte des Wissens, das der angehende Facharzt angehäuft hat, wird schon in ein paar Jahren veraltet sein.
Der Einsatz von KI wird die Medizin laut Schwarz noch einmal revolutionieren. Zurzeit testet der Schwandorfer Kardiologe die digitalen Anwendungen eines Berliner Start-ups, das weit reichende Pläne hat. In rund zwei Jahren will das Unternehmen mit Hilfe Künstlicher Intelligenz ein Werkzeug schaffen, das Symptome von Herzerkrankungen schon an der menschlichen Stimme erkennt. Aber das ist nun wirklich Zukunftsmusik.